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Der Lyriker Reiner Kunze

Reiner Kunze und Brigitte Reimann

Schreib und lebe!

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Erstmals veröffentlicht: Die Briefe des Schriftstellers Reiner Kunze an die Freundin und Kollegin Brigitte Reimann.

Es war Aufmerksamkeit auf den ersten Blick. Nicht offene Begeisterung, aber offenkundiges Interesse. In dem wirbelten die Momente von Nähe und Distanz wild durcheinander.

So hatte es angefangen. Brigitte Reimann und Reiner Kunze waren 19 Jahre alt, als sie 1953 in Magdeburg einander erstmals persönlich begegneten. Zwei junge Autoren auf dem Sprung. Sie war Grundschullehrerin in Burg, er Journalistik-Student in Leipzig und zu dieser Zeit Praktikant in der Kulturredaktion der Magdeburger „Volksstimme“.

Die SED-Zeitung hatte sich die Förderung junger Autoren auf die Fahnen geschrieben, zu denen Brigitte Reimann gehörte. Im August druckte das Blatt in sechs Folgen die Erzählung „Katja. Eine Liebesgeschichte aus unseren Tagen“. Kunze, der in Leipzig zu den ehrgeizigeren Studenten und Genossen gehörte, war nicht einfach nur 19 Jahre alt. Er war ein Mann mit Einfluss.

Die Teenager trafen in der „Arbeitsgemeinschaft Junger Autoren“ des Schriftstellerverbandes aufeinander. Von Kunze „jahrelang befehdet und hart kritisiert“, wie Brigitte Reimann 1962 im Tagebuch zurückblickt. Ein „dogmatisch strenger Genosse, kalt und trocken“ sei der sächsische Bergarbeitersohn gewesen, der mit 16 in die SED eingetreten war. Aber sie schreibt auch, dass Kunze „nicht zu Unrecht“ kritisiert hätte und dass er keinesfalls „kalt“ sei, sondern ein „Feuerbrand in dem zerbrechlichen Gefäß eines kranken Körpers“. Ein Mann, der sich „verwandelt“ hätte, als er 1959 aus der Universität gedrängt worden und 1968 aus der SED ausgetreten war. „Wir sind gleichaltrig“, schreibt die Reimann. „Wir hassen den Militarismus in der Republik, dieses unausrottbare Preußentum und seine militante Sprache.“

Bekenntnisse, die in den Tagebüchern der 1973 gestorbenen Autorin zu finden sind, die im Blick auf Kunze nicht wenige eckige Auslassungsklammern liefern. Die werden jetzt nicht aufgelöst, aber etwas durchlässiger gemacht. In der „Neuen Rundschau“ des S. Fischer Verlages erscheinen die von Reiner Kunze verfassten Schreiben an Brigitte Reimann, herausgegeben von der aus Dresden stammenden und bei Frankfurt am Main lebenden Bibliothekarin Kristina Stella.

Die macht die im Neubrandenburger Reimann-Nachlass lagernden 26 Briefe und Karten des Schriftstellers sichtbar, der 1977 nach der Westveröffentlichung des Buches „Die wunderbaren Jahre“ aus der DDR getrieben wurde. Die Schreiben der Reimann fehlen. „Briefe waren für mich Orientierungen für den Alltag, keinesfalls aufzuheben, um den Absendern nicht zu schaden“, erklärt Reiner Kunze am Telefon. „Ich hätte niemals geglaubt, dass das einmal gedruckt wird“, sagt der 84-Jährige.

Die Post setzt im September 1953 ein. „Der Kopf wird Dir gewaschen, weil Du Deinen Beruf aufgegeben hast. So ein Blödsinn!“, wettert Kunze. Von Anfang an ist ein Ton von forscher Fürsorge im Spiel, der nie ganz abklingt. Auch nicht nach der politisch grundstürzenden Wende in Kunzes Leben: „Man macht mich hier fertig, und, glaubt mir, ich habe nichts verbrochen!“, schreibt er im Februar 1959 aus der „Rotes Kloster“ genannten Leipziger Journalisten-Schule. „Ich habe einen schweren Herzanfall verabreicht bekommen und liege wie ein geprellter Frosch auf dem Rücken.“

Das ändert sich. Es sind keine Klagen, sondern herzliche Ermunterungen, die an die Freundin abgehen: „Schreib und lebe, Mädchen!“ Kleine Post, von Alltagsnachrichten getragen. 1968 teilt Kunze der Reimann mit, dass er dabei sei, den – auch für die Landwirtschaft tauglichen – Führerschein V zu erwerben, um für den Fall eines Schreibverbotes den Beruf zu wechseln. Er sendet zum Jahreswechsel 1969/1970 ein Foto, das ihn beim Schärfen einer Sense zeigt, daneben ein Zitat aus der Rede des Schriftstellerfunktionärs Max Walter Schulz. Der hatte Kunze im Mai 1969 öffentlich als Antikommunisten ins Visier genommen, bei dem „der nackte, vergnatzte, bei aller Sensibilität aktionslüsterne Individualismus“ wirke. Brigitte Reimann, die Femme fatale der DDR-Literatur, hatte die Rede in Ostberlin gehört, einen Herzanfall erlitten, und im Anschluss das Bett mit dem Redner geteilt.

Literaturbetriebe sind immer klein, der in der DDR war winzig. Man begegnete sich hier mehr als nur zweimal im Leben. 1960 bittet Reimanns zweiter Ehemann, der Schriftsteller Siegfried Pitschmann, den Kollegen Kunze, sich um einen Dichter zu kümmern, der eine „ganz eigenartige Mischung von Talent, eigenwilliger Begabung, Unreife, Unschuld und Verstiegenheit“ biete: gemeint ist Volker Braun.

Ob es dazu kam, erfahren wir nicht. Aber dass Reiner Kunze bis zuletzt der am Ende krebskranken Freundin beistand. In seinem letzten Brief vom Januar 1972 bittet er: „So gut wie möglich Kunst (Literatur) machen, Brigitte, das ist uns aufgetragen, keinen anderen Weg gibt es für uns (Dich, mich und einige andere.)“

Brigitte Reimann ist das gelungen. Reiner Kunze auch. Im Juli soll ein neuer Lyrikband des Büchner-Preisträgers erscheinen. Sieben „Ukrainische Nacht“ überschriebene Gedichte sind bereits den Briefen an Reimann beigegeben. Und ein von Kunze übersetztes Gedicht des tschechischen Dichters Jan Skácel, in dem es heißt: „Die nacht war ohne mond, / war blind, / mir aber strahlte eine weiße rose.“ Man darf dieses Gedicht als einen Gruß Reiner Kunzes an Brigitte Reimann lesen.

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