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Schreib das auf, Kolenda

Ein Exoticum in der gegenwärtigen Literatur: Erasmus Schöfers "linke" Roman-Tetralogie "Die Kinder des Sisyfos", Teil zwei

Von KARLHEINZ BRAUN

Es war schon erstaunlich, als 2001 ein über 70jähriger Schriftsteller, bisher kaum hervorgetreten mit einem "Werk", eher mit zahlreichen literarischen und publizistischen Arbeiten fürs Theater, Funk, Zeitungen und Zeitschriften, mit einem 500 Seiten-Roman debütierte, Ein Frühling irrer Hoffnung, der erste Teil einer geplanten Tetralogie Die Kinder des Sisyfos, von der nun, knapp drei Jahre später, mit Zwielicht der zweite, 600 Seiten zählende Teil vorliegt. Sein Autor Erasmus Schöfer nennt ihn einen "Zeitroman", und so wie der erste zu einer Geschichte der 68er-Generation wurde, schildert Schöfer in Zwielicht, was aus dem Aufbruch der Achtundsechziger im folgenden Jahrzehnt geworden ist.

Erstaunlicher aber noch als dieser faktenreiche zeitgeschichtliche Rückblick ist die Perspektive, aus der Schöfer die Geschichte der Bundesrepublik dieser Jahre sieht: Es ist eine "linke Geschichte". So wie der Geschichtslehrer Viktor Bliss und der Betriebsrat Manfred Anklam im ersten Roman als engagierte Achtundsechziger auftreten, so werden die siebziger Jahre vor allem aus der Perspektive von Armin Kolenda geschildert, einem ehemaligen Arbeiter aus dem Pütt und entlassenen Sozialhelfer, der sich als angehender Journalist bei einer linken Wochenzeitung versucht. In diesem sympathischen, leicht naiven und lernbegierigen Kolenda hat Schöfer einen Chronisten, der - welch ein Exoticum in der gegenwärtigen deutschen Literatur - aus der Arbeitswelt berichten kann, detailliert eine Betriebsversammlung schildert, Gewerkschafter auftreten lässt, Bürgerinitiativen, Demonstrationen und Streiks begleitet, kurz: bundesdeutsche soziale und politische Wirklichkeit wieder literaturfähig macht, die seit Max von der Grün, Erika Runge oder Günter Wallraff weitgehend aus ihr verschwunden ist.

Wiederkehr des Verdrängten

Was von Kanzler Schmidt bis zu Schröder sich sozialpolitisch in Deutschland verändert hat, findet offenbar auch in diesem Vakuum der Literatur ihre Entsprechung. Insofern wirkt Schöfers Roman einerseits wie ein Fossil aus einer längst vergangenen Zeit, andererseits aber auch als ein unvermutet reichhaltiges Archiv, eine vielstimmige Erinnerung an gesellschaftliche Auseinandersetzungen, die ältere Bundesbürger doch noch miterlebt, aber wohl längst verdrängt haben.

Im Roman ist Kolenda aktiver Zeuge an verschiedenen sozialen Brennpunkten der Republik: als recherchierender Reporter bei der maroden hessischen Glashütte Süßmuth, die 1971 ins Eigentum der Belegschaft überging; 1974 als parteiischer Berichterstatter und Initiator eines Straßentheaters beim Kampf der Bürgerinitiativen um das Atomkraftwerk Wyhl - und 1977 als "handelnder Zuschauer" bei den Streiks gegen die Stilllegung der Mannesmann-Stahlwerke in Düsseldorf-Reisholz. (Schon damals empörten sich die Arbeiter über Bezüge der Vorstände von 800 000 DM - um welche Summen ging es noch beim diesjährigen Mannesmann-Prozess?) Diese bundesweit virulenten sozialpolitischen Konflikte stehen im Vordergrund des Romans, im Hintergrund, aber sich immer wieder hervordrängend, die gesellschafts-politische Entwicklung jener Jahre. Stichworte: außerparlamentarische Bewegung, RAF und Stammheim, die Schleyer-Entführung, der Radikalenerlass, die zunehmende Einschränkung demokratischer Rechte, der Geschichtslehrer Bliss bekommt Berufsverbot, dem Betriebsrat Anklam droht die Entlassung.

Die außerordentliche Fülle des Materials wird einerseits zusammengehalten durch die Figur Kolenda, zweifacher Vater mit getrennt lebender Ehefrau, seiner beruflichen wie erotischen Vita, vor allem seiner herzzerreißenden Liebe zur schönen Wyhler Bauerntochter Salli, andererseits durch eine durchgängige Reflexion auf das Schreiben selbst. Erasmus Schöfer, einer der Gründer und jahrelang Motor des "Werkkreis Literatur der Arbeitswelt", macht Kolenda als alter ego zum Hauptakteur des Düsseldorfer Werkkreises, dem zentralen Thema des letzten Romandrittels.

Die Werkkreis-Idee war - so verwegen sie uns heute vorkommen mag - "mit schreibenden Arbeitern gemeinsam Literatur zu machen, die nützlich ist. Und unterhaltsam." Nützlich natürlich im politischen Sinn, nämlich "damit die Wahrheit über unsere Arbeitswelt ans Licht kommt, wie der Kapitalismus funktioniert".

Ein Mitglied des Werkkreises, ein bereits arrivierter Arbeiterschriftsteller - verlegt übrigens bei der von Autoren selbstbestimmten AutorenEdition bei Bertelsmann (!) - , rät dem Kollegen Kolenda, er solle doch mal was Größeres wagen, einen Roman: "Das Leben als gebildeter Malocher zwischen den Arbeitern und den bürgerlichen Intellektuellen, so was. Was nur du erzählen kannst." Kolenda wird diesen Roman nicht schreiben, ihm liegt mehr das Aktuelle, das Eingreifende. Aber Schöfer, der dies zeitlebens ebenso von sich hätte sagen können, hat den Roman geschrieben.Und nebenbei auch eine kleine Literaturgeschichte der Werkkreis-Literatur, wie sie sonst kaum zu finden ist.

Der Roman ist gesättigt von den Erfahrungen seines engagierten Lebens, er hat damit lange gewartet und benötigte offensichtlich die Zeit, um in späten Jahren diesen Balzac'schen Romanzyklus anzugehen. Der autobiografisch grundierte Stoff, die Verschränkung seines privaten Schicksals mit den Ereignissen der deutschen Geschichte, das macht - über den detaillierten Faktenreichtum und die stimmige, zum Teil dialektgesättigte Sprache seiner Protagonisten hinaus - die besondere Qualität dieses Romans aus: seine Authentizität.

Ab und an winkt Döblin

Schöfer bewirkt und unterstreicht diese Authentizität noch durch vielfältige literarische Mittel: Ereignisse werde durch Protokolle, Referate und Reden, Tagebücher und Dokumente wiedergegeben, Briefe und Gedichte unterbrechen den Erzähler, in besonderen Situationen taucht die Hauptfigur ab in innere Monologe, das literarische Umfeld wird kommentiert und auf die Montagetechnik von politischen Romanen der zwanziger Jahre wird direkt verwiesen, Döblins Alexanderplatz und Peter Weiss' Ästhetik des Widerstands von Kolenda als vorbildhafte Werke gerühmt. Natürlich werden die historischen Personen mit Namen genannt, MP Filbinger ebenso wie IG Metall-Chef Eugen Loderer, der für den Werkkreis bei S. Fischer zuständige Lektor Vito von Eichborn wie der bewunderte VS-Vorsitzende Engelmann, die FR spielt eine positive Rolle, Bild die negative. Und der Literaturbetrieb: ein Kabinettstück das Kapitel über Kolendas ersten Besuch der Frankfurter Buchmesse im turbulenten Jahr 1977.

Am besten ist Schöfer immer dann, wenn er in seine Figuren schlüpft, sie reden und reflektieren lässt: da ist er absolut glaubwürdig - auch wenn sie gelegentlich dazu neigen, sich in ihrer politischen Argumentation zu wiederholen. Wie denn überhaupt ein Einwand gegen Schöfers monumentales Geschichts- und Geschichten-Panorama sein könnte, dass nämlich die Gegenseite, die kapitalistische, nur im Feindbild erscheint. Der Einwand mag nicht statthaft sein, ist doch die ausschließlich linke Perspektive intendiert, wie sie ja auch das intellektuelle Klima dieser Jahre bestimmte, und wer auch auf der gesellschaftlichen Ebene des Romans hätte die andere Seite vertreten können?

Kolenda ist zwar irritierbar, offen für Widersprüche, auch unter den Linken (ebenso wie Schöfer, mit dem er ein originelles Interview für den WDR aufnimmt). Aber auch seine sozialistische Parole heißt: "Machen wir heute, was morgen erst schön wird", und der Kampf dafür (mit tatkräftiger Unterstützung der Gewerkschaften) ist der Weg zum Ziel. Das aber erscheint mehr denn je im Zwielicht, und es ist zu erwarten, dass Die Kinder des Sisyfos ihm wohl auch im dritten Band der Tetralogie nicht näherkommen.

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