Das schreckliche Zwergenbataillon

Ismail Kadares "Spiritus" erzählt von den Folgen totalitärer Herrschaft

Von RENATE WIGGERSHAUS

Kein anderes europäisches Land war über Jahrzehnte hinweg so abgeriegelt von der Welt wie Albanien. Und kein anderer Schriftsteller hat auch während dieser Zeit so gekonnt mit der unmissverständlichen Indirektheit literarischer Kunst so intensive Stimmungsbilder dieses Landes geliefert wie der albanische Schriftsteller Ismail Kadare. Schauplatz seiner mittlerweile in mehr als zwanzig Sprachen übersetzten Romane und Novellen ist immer wieder ein von fremden Mächten wie von den eigenen Machthabern unterdrücktes Albanien. Die historischen Ereignisse dienen dem Autor dabei stets als Anschauungsmaterial für sein zentrales Thema: Machtmechanismen bloßzulegen und die gravierenden Folgen totalitärer Herrschaft aufzuzeigen.

Ersatz für die Ohrenbelauscher

Auch in dem neuen, von Joachim Röhm hervorragend übersetzten Roman "Spiritus" geht es um totale Machtausübung und ihre verheerenden Auswirkungen. Nach dem Bruch mit der Sowjetunion verbündet sich das albanische Regime mit China. Um seine nachlassende Sehkraft zu kompensieren, bittet der albanische "Führer" - einmal auch "Hoxha" genannt - Zhou Enlai um die neuesten, in China entwickelten Abhörmikrofone. Sie sollen die "Ohrenbelauscher" - an den Türen horchende Spitzel - und die unbeweglichen Zimmerwanzen ersetzen, denen die Bevölkerung auszuweichen gelernt hat, indem sie sich wichtige und private Dinge nur noch unter freiem Himmel mitteilt.

Die neuen chinesischen "Perlen der zeitgenössischen Überwachungstechnik" sind so winzig, dass sie unauffällig an Kleidungsstücken angebracht werden können. Das erklärt, warum das wegen des albanisch-sowjetischen Zerwürfnisses verbotene Stück "Die Möwe" von Tschechow zum Erstaunen der Einwohner der Provinzstadt B. plötzlich aufgeführt werden darf, noch dazu im erstmals geheizten Theater. Der Geheimdienst erhält dadurch nämlich die Möglichkeit, in die an der Garderobe abgegebenen Mäntel unbemerkt die Wanzen - auch "Prinzessinnen" genannt - einzunähen.

Das erste Opfer ist ein katholischer Priester, der in einem Land, in dem jegliche religiöse Handlung verboten ist, heimlich eine Taufe vorgenommen hat. Er wird erschossen. Angst breitet sich aus, wird allgegenwärtig. Das gesellschaftliche Leben erstirbt, schließlich sogar das sexuelle Begehren, weil die "Prinzessinnen" bis ins Bett vordringen.

Der Chef des Staatssicherheitsdienstes, Herrscher über das "schreckliche Zwergenbataillon" modernster Wanzen, genießt zunächst das Hochgefühl totaler Kontrolle. Doch schon bald ist er überzeugt, sein Abhören sei "ein Hinuntersteigen in die verbotenen Zonen des Lebens". Warum könnt ihr das Maul nicht halten, denkt er wütend. Doch in dem Maße, in dem die Bevölkerung verstummt, wächst der Druck aus Tirana, immer neue Protokolle über abweichendes Verhalten zu liefern.

Als ein französisches Ärzteteam einreist, das die fortschreitende Erblindung des Diktators behandeln soll, ist offiziell von einer Delegation des französischen Senats die Rede. Der sie begleitende albanische Dolmetscher aus der Provinzstadt B. wird von staatlicher Seite neu eingekleidet. Kurz nach dem Treffen kommt er durch einen Bulldozer ums Leben. Dabei wird er so zerquetscht, dass man den Leichnam samt wanzenbestückter Kleidung begräbt.

Hilferuf aus der Wanze

Drei Jahre später wird dem lokalen Geheimdienstleiter vorgeworfen, einer Verschwörung Vorschub geleistet zu haben. Ein Hilferuf des inneren Feindes an den Westen sei von französischen Senatoren an die Nato weitergeleitet worden. So kommt es zu der gespenstischen Szene, dass der beschuldigte Geheimdienstler den Leichnam des Dolmetschers wieder ausgraben lässt, um zu horchen, was "Prinzessin 017B" vernommen hat. Undeutlich und unheimlich wird das Vergangene hörbar: der Lärm des Bulldozers, der Todesschrei, das Poltern der Erde auf den Sarg und Grabesstille. Zuvor aber auch Schattenstimmen, ein undeutliches Gemurmel, das man als Hilferuf deuten könnte: "Aidez-nous".

Die Verschwörungswanze wird dem Diktator als Krönung von Abertausenden von Geschenken zu seinem 76. Geburtstag präsentiert. Und nun spitzt sich das Geschehen dramatisch zu, wird immer sinistrer, makabrer. Legenden entstehen, blähen sich auf, als mit dem Tod des Diktators das Bedürfnis wächst, das Vergangene zu begreifen, schrumpfen wieder, als sich ein allgemeines Verlangen nach Vergessen ausbreitet, gehen schließlich als geheimnisvolle Mythen in die Prospekte von albanischen Reiseunternehmen ein.

Dieser virtuos gestaltete Roman ist ein Lehrstück über die Mechanismen und Folgen eines ausufernden Strebens nach Kontrolle - eine realistische Groteske, die das Bewusstsein dafür schärft, dass in einem gesellschaftlichen Klima totaler Kontrolle Macht unkontrolliert, hemmungslos und wahnhaft wird.

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