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Das schreckliche Kind

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Raquel J. Palacio erklärt in ihrem Debütroman „Wunder“ die Freundlichkeit zum Überlebensmittel. Das Buch ist für Leser ab elf Jahren und für Erwachsene gedacht. Es ist ein Buch, das verbindet.

Von Cornelia Geißler

Er ist nicht zu übersehen. Jeder erschrickt, der August zum ersten Mal erblickt. Gleichzeitig regt sich bei den meisten Menschen der Reflex, sofort wegzuschauen. Wer gut erzogen ist, will nicht glotzen, nicht mit seinem Blick verletzen. „Ich weiß, dass ich kein normales zehnjähriges Kind bin“, sagt August im ersten Satz des Buches. „Ich werde nicht beschreiben, wie ich aussehe“, endet dieser Abschnitt. „Was immer ihr euch vorstellt – es ist schlimmer.“

Der Roman „Wunder“ ist laut Verlagsempfehlung für Leser ab elf Jahren und für Erwachsene gedacht. Es ist ein Buch, das verbindet: Mit elf ist man bereits klug genug dafür, mit vierzig auf eine andere Weise empfänglich. Sprache und Aufbau erreichen erfahrene Leser genauso wie die jungen.

Ein Unfall der Natur bewirkte, dass August mit einem Gesicht geboren wurde, das kaum als Gesicht zu erkennen war. Die Ärzte bastelten ihm im Lauf der Jahre Augen, Nase, Mund und Ohren (kleine, kaum sichtbare Ohren!, würde August einschränken) an die halbwegs richtigen Stellen. Zehn Jahre hat der Junge im Kokon der Familie gelebt, seine Mutter unterrichtete ihn zu Hause. Das Buch beginnt, als sich dies gerade ändert. August soll auf eine normale Mittelschule kommen. Nicht nur er, auch der Direktor und drei Schüler werden darauf vorbereitet. Freundlich sollen die Kinder ihm gegenüber sein. Sie werden merken, dass der Junge schlau ist, dass er über einen feinen Witz verfügt und auch einigermaßen gelassen mit seiner Wirkung auf andere umzugehen versteht.

Was die Autorin Raquel J. Palacio (der Name ist ein Pseudonym) hier aufbaut, lässt sich mit dem naturwissenschaftlichen Begriff der Versuchsanordnung beschreiben: Was bewirkt ein Fremdkörper in einem funktionierenden System? Wie reagieren Kinder auf einen so andersartigen Mitschüler? Kinder können grausam sein, das weiß man. So bringt Palacio ihre Figuren zu einer Grenzerfahrung. Und den Leser auch.

Neue Kreise der Betrachtung

Dafür eröffnet die Autorin neue Kreise der Betrachtung. Manchmal liegen sie nebeneinander, manchmal überlappen sie sich. Mitschüler erzählen aus ihrer Perspektive, Augusts ältere Schwester Via kommt zu Wort, deren Freunde sogar, aber kein Erwachsener. Am anrührendsten ist Vias Erzählung, die nur als kleines Kind die Aufmerksamkeit ihrer Eltern ganz für sich hatte. Sie durfte nicht auch noch krank sein, sollte nicht durch schulische Probleme auffallen, sie musste sich abfinden, wenn die Eltern keine Zeit für ihre Sportwettkämpfe fanden. Immer, immer hält sie zu ihrem kleinen Bruder. Doch sie ist in der Pubertät, hat selbst die Schule gewechselt, lernt neue Leute kennen. Das psychologische Geschick der Autorin zeigt sich, wenn sie Via schildern lässt, wie sie ein einziges Mal nur ihren Bruder verleugnen wollte – und selbst das ihr dann zu schaffen macht.

Nach und nach tappt man mit August aus der Hölle der Oberflächlichkeit heraus. Nach und nach verkehren sich die Rollen in der Klasse, wird der smarte Tonangeber samt seiner bei den Eltern gegen August hetzenden Mutter von den anderen überstimmt. Raquel J. Palacio schildert also auch das Ende der Ausgrenzung. August und seine Mitschüler haben kluge Ratgeber. Mit dem Zaubermittel Freundlichkeit stiften sie Frieden und regen zum Nachdenken an. Wenn am Schluss der Schuldirektor Auszeichnungen vergibt und eine Rede hält, springt einem das – typisch amerikanische – Pathos aus jedem Punkt und Komma entgegen. Na und? Nüchtern betrachtet, ist hier ein Versuch geglückt: Die Menschlichkeit hat gesiegt. Schön wäre, wenn man dies nicht als Wunder begrüßen müsste.

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