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Die Eltern und die älteren beiden der sechs Kinder: Thomas Mann mit Erika, Ehefrau Katia und Klaus (v.l.n.r.), um 1931.

„Die Briefe der Manns“

Schrecklich eindrucksvolle Familie

Von und an Tommy, Reh, Lamm, Lämmlein, Pielein, Herrpapale: Ein farbenreiches Porträt der Manns in Briefen, darunter vielen bisher ungedruckten.

Von Martin Oehlen

Lasse solches Geschreibe nicht herumliegen“, mahnt Klaus Mann seine Schwester Erika am Ende eines Briefes. „Es müsste den verheerendsten Eindruck machen.“ Diesen finalen Hinweis hat, davon darf man ausgehen, Klaus Mann mit größtem Vergnügen seiner Schwester gegeben, die diesen Rat mit ebensolchem Vergnügen zur Kenntnis genommen haben wird. Denn die beiden waren durchaus keine Kinder von Traurigkeit, nicht in ihren jungen Jahren, weder in ihren Worten noch in ihren Taten.

Das bezeugt auch dieser Brief aus dem Mai 1924 aus Hamburg, in dem Klaus Mann von seinen Vergnügungen auf St. Pauli berichtet. Dazu zählt „ein ganz netter Buhlerich“ auf der Nachhausefahrt im Auto oder am Nachmittag ein Rendezvous mit „sehr hübschem kleinen Trommler“. Und dann ist da auch noch Theo: „Er mag mich sehr und ich ihn wohl auch, das Wahre ist es nicht ganz.“ Durchaus nachvollziehbar, dass der Klaus die Erika mahnt, den offenherzigen und der bürgerlichen Konvention nicht entsprechenden Brief gut zu bewahren. Denn es ist ja richtig, was er selbstironisch als Begründung anführt: „Ich bin aus guter Familie.“

Eine schrecklich eindrucksvolle Familie – das sind die Manns noch heute, wenn man die Briefe liest, die ihre Mitglieder einander schrieben. Oder eben nur die Auswahl, die Tilmann Lahme, Holger Pils und Kerstin Klein zusammengestellt haben, um ihr Porträt zu entwerfen. Maßgeblich ist in diesem Verbund – natürlich, möchte man sagen – Thomas Mann. Aber dies vor allem in dem Sinne, dass seinem Wohl und Wehe, seinem Reden und Schweigen viele Einlassungen gelten. Die Zentralfigur der Briefe indes ist seine Ehefrau Katia, die unermüdlich und nervenstark die Kommunikation pflegt und an die sich die Kinder vor allem wenden.

Beeindruckend ist diese Korrespondenz nicht in erster Linie wegen ihrer stilistischen Brillanz, wenngleich die Verfasser vielfach vom Fach waren und es immerzu deutlich wird, dass niemand bei der Originalität knausern will. Schon die Vielzahl der Kosenamen oder Verballhornungen in der Anrede spiegeln diese Kreativitäts-Neigung. Nehmen wir nur Thomas Mann: Er wird Tommy, Reh, Lamm, Lämmlein, Pielein, Herrpapale und zumeist Zauberer genannt – und er selbst unterzeichnet daher auch gerne mit Z. – man weiß halt, wer man ist.

Beeindruckend sind diese Briefe vielmehr vor allem, weil sie von der frühen, entschiedenen und fortbestehenden Gegnerschaft zum Nationalsozialismus künden – und von einer unbeirrbaren Gewissheit darüber, was Hitler bedeutet. Golo Mann hält schon 1936 fest: „Das deutsche Unternehmen kann nicht gelingen. Es ist zu grundfalsch – zu grundbös, was sie machen, sie werden sich in wenigen Jahren zugleich vor der Notwendigkeit und der Unmöglichkeit befinden, Krieg zu führen, und dann muss es aus mit ihnen sein.“ Im Juli 1939 schreibt Katia aus Nordwijk an der holländischen Nordseeküste, dass sie „natürlicher Weise“ auf den Krieg warte – das könne nur noch Wochen, Monate oder ein Jahr dauern, nein, ein Jahr, meint sie, „so lange allerdings wohl kaum.“ Als dann im September Polen überfallen wird, schreibt Erika aus Stockholm: „Bei allem! Wir haben es gewusst und dürfen nun nicht die Überrumpelten spielen. Wie gut haben wir es gewusst, – im allgemeinen, seit eh und je und im Besonderen, für diesen Spätsommer.“

Klaus Mann warnt dann im Mai 1945, als der Krieg zu Ende ist, seinen Vater davor, aus dem kalifornischen Exil nach Deutschland zurückzukehren: „Höchstwahrscheinlich würdest Du ermordet werden. Es wird Jahre oder Jahrzehnte in Anspruch nehmen , diese Städte wieder aufzubauen. Diese beklagenswerte schreckliche Nation wird Generationen lang physisch und moralisch verstümmelt, verkrüppelt bleiben.“

Es sind zumeist bislang ungedruckte Briefe, die hier versammelt und kommentiert werden. Heinrich Mann kommt im Übrigen nicht als Adressat vor, da es sich eben nur um den Briefverkehr der Eheleute Thomas und Katia Mann sowie ihrer Kinder Erika, Klaus, Golo, Monika, Elisabeth und Michael dreht – also um den postalischen Austausch innerhalb dieser, wie sie selber fanden, „amazing family“.

Der Weltruhm war durch den Literatur-Nobelpreis gefestigt worden. Thomas Mann sei nervös gewesen, lesen wir, als „gemunkelt“ wird, dass er die Auszeichnung bekommen soll. Zwar muss er dann noch zwei Jahre warten. Aber 1929 ist es so weit. Aus Stockholm schreibt Katia Mann von den Festlichkeiten: „Eine Gräfin Rosen, eine stattliche Dame mit Rubin-Hakenkreuz auf der grauen Georgette-Toilette, sagte mir heute, das Ergreifendste, was sie je gesehen, sei mein Gesicht gewesen, während mein Mann so herrlich über Deutschland gesprochen, so von tiefster Vaterlandsliebe durchdrungen, sie konnte den Blick nicht abwenden. Was einem doch alles begegnet!“ Ohne Frage: Die Mitglieder dieser Familie hatten einander einiges zu schreiben.

Der Briefwechsel wird bis zu Beginn der 80er Jahre, bis zum Tode Katia Manns dokumentiert. Doch der Band hat seinen Schwerpunkt in den 20er bis 40er Jahren. Viel Privates ist darin zu lesen: Neckisches, Literaturkritisches, Dramatisches und Tragisches, Monikas Schiffsunglück oder die Nachricht vom Lungenkrebs des Familienoberhaupts, von dem es aber nichts erfahren soll, danach auch Streit über das Bild, das sich die Nachwelt von dem Großschriftsteller machen soll.

Der Druck, der in diesem Familienkessel geherrscht hat – er muss immens gewesen sein. Die Kälte im Miteinander der Manns, die legendär ist, wird aus diesen Briefen nur ansatzweise deutlich. Aber ein immer farbiges, manchmal schreckliches und manchmal beeindruckendes Familienporträt liefert diese Auswahl allemal.

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