Krimi

Aus Schreckenszeiten

Der argentinische Kriminalroman findet in den Jahren der Militärjunta ein großes, manchmal zu großes Thema.

Von Sebastian Amaral Anders

Die schrecklichsten Passagen des Romans, darüber klärt uns die Danksagung auf, stammen nicht vom Autor. Die schrecklichsten Passagen sind das Werk der Diktatoren, sie sind aufgeschrieben von einer Wahrheitskommission. Sieben Jahre lang haben die Militärs Argentinien zu einem Ort gemacht, dessen furchtbarer Anziehungskraft sich die Krimi-Autoren des Landes nur schwer entziehen können. Marcelo Figueras, 1962 in Buenos Aires geboren, lässt es in „Der Spion der Zeit“ selbst nicht an der detaillierten Schilderung von Morden mangeln. Den Untaten der Diktatur fügt er bizarre Morde hinzu, die jedoch, so scheint es zumindest am Anfang, sich nur mit Mühe vom Rahmen der Handlung absetzen und kriminologisches Eigenleben entwickeln können.

Denn eines ist nach den ersten Seiten klar: Wenn ein argentinischer Autor das „fiktive“ Land Trinidad zum Schauplatz macht, in dem gerade die Herrschaft einer brutalen Militärjunta zu Ende gegangen ist und die Schergen von einer Amnestie geschützt dem schönen Leben frönen können, bleibt dem Leser kein Millimeter Interpretationsspielraum mehr. Noch viel weniger, wenn fünf dieser Herren als Ex-Generäle eines „Prätorianerregimes“ eingeführt werden. Dass Figueras Argentinien nicht explizit benennt, macht den Effekt nur noch stärker.

„Gute“ Polizisten in einer Diktatur sind für die Krimi-Dramaturgie heikel

Man könnte auch sagen: Er packt die Brechstange aus, um auch den begriffsstutzigsten Leser darüber in Kenntnis zu setzen, dass es sich bei dem Roman in seinen Händen nicht um einen einfachen Krimi handelt, sondern um einen Beitrag zur kulturellen Aufarbeitung der Militärdiktatur, die Argentinien vom Putsch am 24. März 1976 bis zum Beginn der Redemokratisierung im Herbst 1983 zu einem Ort des Schreckens machte.

Einmal von der Wink-mit-dem-Zaunpfahl-Methode abgesehen: Wer sollte es Figueras verdenken, sich den Stoff für seine Geschichte in einer Zeit zu suchen, in der die Welt am Rio de la Plata in der Hand des Bösen war, in der 30.000 Menschen „verschwanden“, in der Unterdrückung, Folter und Mord Alltag waren? Die Versuchung ist einfach zu groß. Dunkle Schattenwelten, Gerechtigkeitskämpfer, die sich ihren übermächtigen Unterdrückern widersetzen, das alles durchdringende Motiv der Suche nach Wahrheit und Gerechtigkeit. All das, was im Kriminalroman seinen rechten Platz hat und die Argentinier sieben Jahre lang ertragen mussten.

Angesichts der Korrumpierung und der Kollaboration der Polizei mit der Militärjunta entsteht indes ein Problem im scheinbar unvermeidlichen Gut-Böse-Schema: Der Ermittler ist in Kriminalromanen in der Regel einer von den Guten. Das ist bei Figueras nicht anders. Ein guter Polizist in einer Diktatur führt aber zu einem Glaubwürdigkeitsproblem. Figueras nutzt diesen Umstand, um das Gute noch schärfer vom Bösen zu trennen. Über seine Hauptfigur, Chefermittler Van Upp, erfahren wir, dass er während der Diktatur nicht im Einsatz war, sondern in der Psychiatrie saß. Dieser Einfall verleitet Figueras dazu, seine Leser, die ja sonst gerade die bequeme Beobachterperspektive an diesem Genre schätzen, hineinzuziehen in die Frage von Schuld und Verantwortung. „Wer ist nun verrückter“, fragt Van Upp, „ich oder die Leute auf der Straße, die so tun, als wäre nichts geschehen und als ginge sie die Vergangenheit nichts an?“

Wie eng das Damals mit dem Heute in Verbindung steht, versucht Guillermo Orsi in seinem Kriminalroman „Im Morgengrauen“ zu vermitteln. Buenos Aires im Herbst 2001. Das Land taumelt auf den Abgrund zu. Argentinien steht vor dem Bankrott, Bankkonten werden eingefroren, die Situation eskaliert. Tausende demonstrieren, Plünderer sind unterwegs, mehr als 30 Menschen sterben. Orsi stellt diese „Umstände“ seinem Roman voraus.

Doch während Marcelo Figueras den Leser mit Biegen und Brechen auf die richtige Spur bringt, bleibt bei Orsi der Zusammenhang zwischen der Diktatur und dem bisweilen wirren Plot um den Polizisten Martello (natürlich einer von der guten Sorte, der zwar während der Diktatur tötete, aber die Richtigen, um den Guerilleros den Rücken freizuhalten) bis zum Ende kaum durchschaubar.

Immerhin, so viel kann verraten werden, Al-Kaida und die Opec können als Verantwortliche für den Mord an Martellos Freund frühzeitig ausgeschlossen werden, obwohl der Ermordete vor seinem Ableben an dem sagenhaften Projekt arbeitete, „Mais in Benzin“ umzuwandeln. „Mancherorts funktioniert es sogar schon“, berichtet seine Tochter dem Ermittler. „Man nennt es Biosprit“. Die Orginalausgabe ist übrigens 2007 erschienen.

Für derartige Schlenker ist bei Ernesto Mallo kein Platz. Zu sehr verdichtet er in „Der Tote von der Plaza Once“ den Handlungsstrang um den Mord an einem jüdischen Geldverleiher mit den Repressionen der Diktatur, die auch das Leben Comisario Lascanos determiniert. Überflüssig zu erwähnen, dass wir es erneut mit einem Ermittler von der guten Sorte zu tun haben. In manchen Kriminalromanen ist die Herrschaft der Militärjunta bloß eine Kulisse, etwa in Raúl Argemís „Und der Engel spielt sein Lied“ – was in diesem Fall besonders enttäuschend ist, da Argemí 1974 verhaftet wurde und die Jahre der Diktatur im Gefängnis verbrachte, den Schrecken also am eigenen Leib erleben musste. Bei Mallo hingegen scheint der Mord nur ein Mittel zu sein, um das kranke System an den Pranger zu stellen.

Bei Mallo ist klar: Hier steht stets die moralisch-politische Botschaft im Vordergrund

Bei Guillermo Orsi werden wir lange im Unklaren gehalten, welche Fäden die Geschichte der Militärdiktatur mit dem Argentinien von 2001 und den Lebensgeschichten der Protagonisten verbinden; Marcelo Figueras versteht seinen Roman mit fantastischen Elementen abzuheben. Bei Mallo hingegen weiß der Leser stets, woran er ist. Das kann auch langweilig sein.

Alle Gräuel haben hier Platz: Die Schwangere, die im Folterlager ihr Kind gebären muss, das ihr umgehend weggenommen wird, um in der Familie eines ranghohen Militärs in einem „christlichen Heim mit wahren Werten“ aufzuwachsen. Die Kollaboration der Kirche mit der Junta, in Person eines Pfarrers, der eben diese Kindesentführung zur Rettung des „armen Engels“ vor der Hölle eines „subversiven“ Elternhauses stilisiert. Das Wegsehen der Justiz, die Folter, die Morde des Militärs, die Einschüchterungsversuche, nicht zuletzt gegenüber Comisario Lascano.

Im Alltag: Die Straßensperren der Militärs, die nur darauf warten, „Subversive“ beim kleinsten Anlass in eines der berüchtigten Verhörlager zu transportieren. Die allgegenwärtigen grünen Ford Falcons, als mobile Warnung vor der Präsenz der Schergen. Die Plünderungen der Umstürzler-Wohnungen nach Razzien. Natürlich ist auch das Militär in den Mordfall an dem Geldverleiher verstrickt, aber das ist Nebensache. Das Aufeinandertreffen der Protagonisten (ehrlicher Polizist, kiffender, also aufrichtiger und Guerilla-freundlicher Gerichtsmediziner, Militärs, die sich im göttlichen Auftrag als Retter Argentiniens fühlen) bietet Raum für moralisch-politische Botschaften, die, teils schlecht getarnt, in den Dialogen lauern.

„Ihre Methode ist falsch. Sie bekämpfen nur die Symptome“, knallt der Gerichtsmediziner dem Major seine Analyse zum Vorgehen des Militärs vor den Latz, in bestürzender Offenheit, die sofort Sorge um sein weiteres Schicksal weckt (zu Recht, wie sich später herausstellt). „Und wieso hat sich nach Ihrer Meinung der Widerstand formiert?“ – „Das Volk, Major. Je weniger ein Volk besitzt, desto linker ist es. (…) Wer nichts hat, hat alles zu gewinnen.“

Welchen Wert diese Art von Botschaften für die kulturelle Aufarbeitung der Militärdiktatur in Argentinien haben, vermag niemand zu sagen. Sicher ist: Die vielen argentinischen Kriminalromane, die diese sieben Jahre zum Thema machen, erreichen vermutlich jede Menge Menschen. Der Umstand, dass in Argentinien die juristische Aufarbeitung nach den Jahren der Amnestie wieder in Gang gekommen ist, dürfte noch mehr Stoff für Diktatur-Krimis liefern, Wegsehen wird immer schwerer. „In Argentinien braucht es keine Kollegen von Sherlock Holmes“, heißt es bei Orsi, „sondern vor allem Willensstärke, um Verbrechen wirklich aufdecken zu können.“

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