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Schopenhauer als Vorbild

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Von: Otto A. Böhmer

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Der Philosoph Arthur Schopenhauer auf einem Ölgemälde, um 1818, von Ludwig Sigismund Ruhl.
Der Philosoph Arthur Schopenhauer auf einem Ölgemälde, um 1818, von Ludwig Sigismund Ruhl. © epd

"Auf Anhieb so ansprechend und trostreich": der französische Erfolgsautor Michel Houellebecq würdigt den Philosophen Arthur Schopenhauer.

Die Erfolgsgeschichte des Philosophen Arthur Schopenhauer (1788 – 1860), der sich, sehr zu seinem Unmut, lange Zeit verkannt sah, kam erst spät in Gang; dann aber nahm sie Fahrt auf und hält bis heute an. Prominente Verehrer haben sich zu Schopenhauers Philosophie bekannt, darunter Leo Tolstoi („Ja, das ist es, die Welt in einer unglaublich schönen und hellen Spiegelung“), Arno Schmidt („ein ausgesprochener Mann, dessen gewaltige Ehrlichkeit & bullige Wucht mich auf ewig für NIETZSCHE verdorben haben“) oder Friedrich Dürrenmatt („Ich halte Schopenhauer für einen der größten deutschen Prosa-Schreiber“).

Nun ist ein weiteres Bekennerschreiben eingegangen, das von keinem Geringeren als dem französischen Erfolgsautor Michel Houellebecq stammt. Sein jüngst auf deutsch erschienenes Buch „In Schopenhauers Gegenwart“, das arg schmal geraten ist, berichtet davon, wie sich eine eher zufällig erfolgte Schopenhauer-Lektüre zum Schlüsselerlebnis auswuchs, das bis heute weiterwirkt und, im nachhinein, vielleicht auch als Erklärungsmuster taugt, wenn man Veranlassung hat, sich mit den diversen Befremdlichkeiten in Houellebecqs Gesamtwerk zu befassen.

Die Anfänge, von der Erinnerung beigebracht, waren unspektakulär: „Als ich Schopenhauers ,Aphorismen zur Lebensweisheit‘ in der Stadtbibliothek im 7. Arrondissement … auslieh, mag ich sechsundzwanzig, vielleicht aber auch fünfundzwanzig oder siebenundzwanzig Jahre alt gewesen sein. In jedem Fall war es ziemlich spät für eine derart erhebliche Entdeckung.“ Der anschließende Versuch, sich ein Exemplar von Schopenhauers Hauptwerk „Die Welt als Wille und Vorstellung“ zu besorgen, erweist sich als schwierig; ein kleiner Skandal, wie Houellebecq findet: „Das Buch war seinerzeit nur antiquarisch erhältlich … (Da waren wir in Paris, einer der bedeutendsten europäischen Hauptstädte, und das wichtigste Buch der Welt wurde nicht einmal nachgedruckt!)“.

Schopenhauer als Vorbild

Einmal gelesen und zur Kenntnis genommen, erweist sich Schopenhauer als vereinnahmend und rechthaberisch: „Ich kenne keinen Philosophen, dessen Lektüre auf Anhieb so ansprechend und trostreich ist wie die Schopenhauers. Es geht dabei auch gar nicht um seine ‚Schreibkunst‘ oder irgendeinen Blödsinn dieser Art: es geht vielmehr um die Grundbedingungen, mit denen sich jeder arrangieren können sollte, der die Stirn hat, seine Gedanken der Öffentlichkeit darzulegen.“

Houellebecq, von Verzweiflung nie ganz frei, hat eine Öffentlichkeit gefunden, die ihm mehr zumutet, als er zu leisten imstande ist; aus dieser Falle kommt er nicht heraus, es sei denn, er probt eine der dunklen Ausstiegsvarianten, die dem Menschen offenstehen, der dann aber gefälligst keine Erwartungen mehr hegen sollte. Das erkenntnisleitende Interesse, das in diesem Buch formuliert wird, fällt indes merkwürdig bescheiden aus: „Ich möchte versuchen, anhand einiger meiner liebsten Stellen aus ,Die Welt als Wille und Vorstellung‘ zu zeigen, warum Schopenhauers Geisteshaltung in meinen Augen noch immer geeignet ist, allen nachfolgenden Philosophen als Vorbild zu dienen, und warum man – selbst wenn man letztendlich anderer Meinung sein sollte als er – nicht anders kann, als ihm gegenüber eine tiefe Dankbarkeit zu empfinden.“

Interpret eines Hochgeschätzten

Für Schopenhauer-Fanclubs bietet Houellebecqs Buch nichts Neues, und auch der gern zitierte interessierte Laie kann sich anderswo besser bedienen. Dennoch: Ein Erfolgsschriftsteller, der sich zurücknimmt und auf achtzig sparsam bedruckten Seiten nur als Interpret eines hochgeschätzten Philosophen auftritt; das mutet sympathisch an, greift aber im Falle Schopenhauers zu kurz, der mehr zu bieten hatte als Menschenunfreundlichkeit und begründeten Zweckpessimismus.

Schopenhauer, laut Selbstauskunft vom „Jammer des Lebens“ bereits „in seinem 17ten Jahre ... ergriffen“, hat die Leidensgeschichte menschlicher Erbärmlichkeit ohne Scheu vor Wiederholungen erzählt; er wusste, „wie nichtssagend und bedeutungsleer, von außen gesehn, und wie dumpf und besinnungslos, von innen empfunden, das Leben der allermeisten Menschen dahinfließt. Es ist ein mattes Sehnen und Quälen, ein träumerisches Taumeln durch die vier Lebensalter hindurch zum Tode, unter Begleitung einer Reihe trivialer Gedanken. Sie gleichen Uhrwerken, welche aufgezogen werden und gehen, ohne zu wissen, warum; und jedes Mal, daß ein Mensch gezeugt und geboren worden, ist die Uhr des Menschenlebens aufs neue aufgezogen, um jetzt ihr schon zahlreiche Male abgespieltes Leierstück abermals zu wiederholen, Satz vor Satz und Takt vor Takt, mit unbedeutenden Variationen.“

Schopenhauer aber wusste auch: „Solange der Ausgang einer gefährlichen Sache nur noch zweifelhaft ist, solange nur noch die Möglichkeit, daß er ein glücklicher werde, vorhanden ist, darf an kein Zagen gedacht werden, sondern bloß an Widerstand – wie man am Wetter nicht verzweifeln darf, solange noch ein blauer Fleck am Himmel ist.“ Wobei es, nicht zu vergessen, eine Sache gibt, die wichtiger ist als jede Philosophie und jedes Wetter: „Überhaupt aber beruhen neun Zehntel unseres Glücks allein auf der Gesundheit.“

Arthur Schopenhauer, der als Erfinder der Altersweisheit durchgehen könnte, steht nahezu unverrückbar im Strom philosophischer Meinungsbildung. Er ist ein Mann für alle Fälle, von ihm lassen sich Einsichten beziehen, die nicht unbedingt glücklich(er) machen, wohl aber das herbeireden können, was der heutige Mensch, in ungemütlichen Zeiten und von Vergreisung bedroht, anscheinend am nötigsten braucht: Gelassenheit.

Sein gut bewachtes Weltanschauungsgebäude hat Schopenhauer immer mal wieder verlassen, um sich ins Freie zu begeben. Dort befiel ihn, wenn er sich nicht zur Ordnung rief und seine Philosophie unbeaufsichtigt ließ, eine Stimmung, die wenig von sich hermacht, dafür jedoch um so wertvoller ist: „Der Heiterkeit, wann immer sie sich einstellt, sollen wir Tür und Tor öffnen: denn sie kommt nie zur unrechten Zeit, weil nur sie unmittelbar in der Gegenwart beglückt; weshalb sie das höchste Gut ist für Wesen, deren Wirklichkeit die Form einer unteilbaren Gegenwart zwischen zwei unendlichen Zeiten hat ...“

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