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Scholem Alejchem „Tewje, der Milchmann“: Wenn er nur nicht so verkannt wäre

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Von: Christian Thomas

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Kinder auf dem Marktplatz eines galizischen Schtetl.
Kinder auf dem Marktplatz eines galizischen Schtetl. Photographie um 1910. © dpa

Eine kleine Ukraine-Bibliothek (6): Scholem Alejchems „Tewje, der Milchmann“.

Drei Tage Zeit, um zum Teufel zu gehen. Leutselig gewährt ist eine Gnadenfrist, um das eigene Haus zu verlassen, um das Dorf hinter sich zu lassen, die eigene Welt. „Zieh fort“, lautete die Devise, die auch so etwas wie ein Deal war, als Scholem Alejchem über ihn schrieb, rückblickend auf einen Tausch: den Raub des Eigentums gegen die Rettung des eigenen Lebens. Auf und davon hatte sich auch der Autor gemacht, nach Amerika, wo er 1914 seinem Roman eine weitere Episode anfügte, um auf sein Schicksal und das seiner Leute zurückzublicken, der Juden zehn Jahre zuvor in Russland, in einer Ukraine der Pogrome.

Von Verfolgung und Vertreibung heimgesucht auch „Tewje, der Milchmann“. Es ist, wie es heißt, „eine unendliche Geschichte“, die sich als ein Vermächtnis des Romans lesen lässt. So bekannt wie verkannt erzählt er über die Lage der Juden in ihrem Dorf Anatevka, nicht weit von Jehupez, womit Kiew gemeint ist. Wer es so verstehen wollte, dass der Roman in eine liebevoll gepinselte Schtetl-Welt führe, hing Illusionen an. Über das Fröhliche ebenso wie das Fromme, das Fidele sowie das Furchtbare, denn auch Tewje wurde davongejagt, um „seit jener Zeit ständig auf Wanderschaft“ zu sein. Nirgendwo ein „Flecken Erde, kein Plätzchen, wo ich mir sagen könnte: ‚So Tewje, hier bleibst du.‘“

Es gab genug Gelegenheiten, um den Roman anders als arglos zu lesen, nicht als nette Geschichte, als vermeintlich harmlose Hinterlassenschaft jiddischer Erzählkunst. Angesichts der immensen Auflagen in der Nachkriegszeit in Deutschland, die zudem Nachnazizeit war, bestand die Gelegenheit, das „Geheimnis“ auszudeuten, von dem Max Brod 1960 in einem Nachwort sprach, der Kafka-Herausgeber, der Entdecker und Emigrant Brod über das Verhältnis von „Melancholie und Humor“, „wacher Satire und dumpfem Gottvertrauen“.

Geboren 1859 im ukrainischen Perejaslaw, las schon der junge Scholem Rabinowitsch die moderne weltliche Literatur ebenso wie die heiligen Schriften, fand als Hauslehrer eine Anstellung, ließ weiterhin nicht ab von seinem Traum, Schriftsteller zu werden, verspielte ein Vermögen an der Börse – woraus ein Roman entstand, „Menachem Mendel“. Da nannte er sich bereits Scholem Alejchem, was so viel heißt wie „Friede sei mit Euch“, wobei die Tatsache, dass er jiddisch schrieb, in einem als Jargon apostrophierten Idiom, für Hebräisch schreibende Autoren ein Affront war.

Ein immenser Kenner der „Zitätchen“ ist auch „der Hebräer“ Tewje, gebietet er doch wie selbstverständlich über Bibelverse und Sinnsprüche sowie die Bücher der Auslegung. In allen Stellen bewandert, zeigt er sich als ein Meister der Verwendung, aber auch der Verschwendung. Er mag ein demütiger Charakter sein, zugleich ist er ein ungeduldiges Temperament. Zu seiner Gottesfurcht steht sein innerer Freiheitsdrang aufgewühlt. Seinem Gott tritt er als moderner Hiob gegenüber, und auch wenn der Angesprochene das Zwiegespräch verweigert, so hört man Tewje gelegentlich dabei zu, wie er auf einen Deal mit seinem Gott hinauswill: unerschütterliches Vertrauen gegen einige klitzekleine, aber erleichternde Korrekturen in seinem Leben.

Sieben Tage hat die Woche, sieben Töchter hat der Patriarch. Ein jedes Mal groß ist der Zorres, wenn es gilt, eine seiner Töchter unter die Haube zu bringen. Tewje scheitert, und er scheitert fürchterlich. Eine Tochter wählt den Suizid, eine andere die Verbannung gemeinsam mit ihrem Mann, mehrere die Verfluchung durch den Vater. Das Verhandlungsgeschick, das Tewje als Milchbauer und Geschäftsmann auszeichnet, verlässt den Familienvater schmählich. Aus der Schmach entsteht eine Melange aus ausgefuchstem Trotz und rabulistischer Versöhnungsbereitschaft.

Zur Reihe:

Eine kleine Ukraine-Bibliothek, nicht chronologisch angelegt, nicht systematisch zusammengestellt, gedacht als Angebot zur Orientierung. Davon ausgehend, dass sich Schauplätze, ob fern oder fremd, durch Bücher von jedem Ort der Welt aus aufsuchen lassen. Der Punkt hier: die eigenen vier Wände. Darin der Kompass eingestellt auf Exkursionen durch Geschichte und Geschichten.

Scholem Alejchem: Tewje der Milchmann. Es gibt verschiedene Übersetzungen aus dem Jiddischen. In (Internet-)Antiquariaten lassen sich Ausgaben aus der Fischer Bücherei der 1960er Jahre ebenso aufstöbern wie Veröffentlichungen der Verlage Insel, Reclam und Aufbau aus den 1980er und den 1990er Jahren. Die Manesse-Ausgabe aus dem Jahr 2016 basiert auf der vollständigen Neuübertragung Armin Eidherrs aus dem Jahr 2002.

Bereits im Regal: Das Igor-Lied (23. Juli), Serhii Plokhys „Die Frontlinie“ (30. Juli), Katja Petrowskajas „Vielleicht Esther“ (6. August), Walerjan Pidmohylnyjs „Die Stadt“ (13. August) und Oleksij Tschupas „Märchen aus meinem Luftschutzkeller“ (20. August).

Das siebte Buch wird „Schwestern“ von Oksana Sabuschko sein.

Die Schtetl-Welt als innere Landschaft und poetische Realität wurde trivialisiert durch den Film, durch das Musical „The Fiddler on the Roof“. Vier Jahre später, 1968, ging in Deutschland erstmals das Musical „Anatevka“ über eine Bühne. Wenn der Milchmann doch einmal reich wär’ – ja, so wurmt es seitdem im Ohr, ohne dass es zu dieser Klage auch im Roman selbst käme. Warum auch angesichts seiner betörenden Sprachmusik? Trotzdem, trotz des tragischen Humors, trotz des Tonfalls erging es „Tewje, dem Milchmann“ schlecht. Nicht nur weil im Roman Krieg herrscht, eine Revolution tobt, Pogrome wüten. Nicht nur weil der Krieg Russlands gegen Japan gegenwärtig ist, grell verkörpert durch die Figur eines Unternehmers. Er, ein feister Kriegsgewinnler, der die Jüngste heiratet, ist die Inkarnation des ruchlosen Oligarchen.

Dem Roman erging es schlecht. Übelst zugerichtet wurde Tewjes „Prinzip Hoffnung“ im Showbiz des deutschen Fernsehens in den siebziger, achtziger Jahren, als hätte es den russischen „Ansiedlungsrayons“, das Juden vorgeschriebene Ansiedlungsgebiet nicht gegeben. Als existierte nicht die in dem Roman erzählte „unendliche Geschichte“, von Tewje beklagt als „immer wieder dieselbe Geschichte“ von der Vertreibung der Kinder Israels, auf dass von ihnen „kein Fußabdruck“ auch in Anatevka bleibe.

Und doch wird aus dieser Welt eigenwillig erzählt, unvergesslich, wenn Tewje meint: „Schaut man nach dem Messias aus, kommt der Milizionär.“ Denn auf der Schwelle der Hütte steht der Dorfpolizist, um die Anordnung der Obrigkeit zu exekutieren, um die „Konstitution“ des Zaren durchzusetzen. Es ist ein Wort, das Tewje falsch ausspricht, nicht als Verfassungsentwurf versteht, sondern so, dass er die Sache für ein Synonym für Pogrom hält.

Tatsächlich waren die Pogrome während der russischen Revolution von der Obrigkeit lanciert. Der zaristische Apparat war den Verwüstungen durch den Mob hinterher, so dass der Dorfvorsteher gegenüber Tewje einräumt, man müsse ihn, den Juden, schon deswegen vertreiben, damit die kontrollierende Behörde nicht den Eindruck bekomme, die „Allgemeinheit“ habe sich einem Pogrom widersetzt. Tewje macht auch aus diesem Schicksalsschlag eine ausgerechnet witzige Anekdote, deren Pointe darin besteht, dass eine gut erzählte Story umso furchterregender von der Banalität des Bösen erzählt.

Einen „jüdischen Roman“ nannte Scholem Alejchem bereits seinen Erstling „Stempenju“, die Geschichte über einen „jüdischen Musikanten“, einen Fiedler, einen Stehgeiger. Im Roman heißt es nicht von ungefähr: „Das ist das Unglück mit uns jungem Volk, daß wir nie Zeit haben, sondern das ganze Werk herunterschreiben – im Stehen, auf einem Bein.“ Der Fiedler als Sinnbild einer unsicheren Existenz, typisch, trotz zeitweilig beträchtlicher Erfolge, auch für Scholem Alechjem, der 1916 in New York starb, im von ihm gewählten Exil, trotz triumphaler Vortragreisen durch Europa.

„Alles ist ungewiss“, heißt es in einer älteren, hier zumeist zitierten Übersetzung von „Tewje, der Milchmann“. Wie zum Beleg, dass es nicht dasselbe ist, sondern ein feiner Unterschied, steht an derselben Stelle in der neuen Übertragung des Manesse-Verlags: „Es ist alles ganz und gar unbegreiflich.“

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