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Aus der Schokoladenvilla

Eine pessimistische Bilanz zieht Julius Posener in seinen "Heimlichen Erinnerungen", die 30 Jahre unveröffentlicht blieben

Von ELKE SCHUBERT

Fast so alt wie dieses Jahrhundert, betitelte der Architekt Julius Posener seine Autobiographie, die 1990, sechs Jahre vor seinem Tod, erschien. Und tatsächlich haben die Ereignisse dieses Jahrhunderts das Leben seiner Familie bis ins Private beeinflusst: der Erste Weltkrieg, in den sein gerade 17-jähriger Bruder begeistert zog, antisemitische Ausgrenzung schon in seiner Kindheit, das Aufkommen des Nationalsozialismus, die Erfahrung des Exils, Palästina und das zerstörte Deutschland, das er als Angehöriger der britischen Armee nach dem Krieg aufsuchte, um dann nach Jahren der Unsicherheit in fremden Ländern als Professor an der Hochschule für Bildende Künste und als Journalist zurückzukehren.

Seine in englischer Sprache verfassten Heimlichen Erinnerungen waren dagegen nicht für die Öffentlichkeit bestimmt, weder für seine Kinder, die das Manuskript mehr als dreißig Jahre nach seinem Entstehen entdeckten, als der Vater im Sterben lag, noch für die Deutschen, von denen Posener Ende der Fünfziger Jahre enttäuscht war. Zu diesem Zeitpunkt arbeitete er in Kuala Lumpur, um im Auftrag der Briten eine Schule für Architektur aufzubauen; in Deutschland hatte er keine Anstellung gefunden, und seine Zukunft erschien ihm mehr als ungewiss. So sind diese im Wortsinn Heimlichen Erinnerungen von einer zutiefst pessimistischen Stimmung geprägt: Jemand denkt über sein gescheitertes Leben nach und sieht keine Perspektive, vor allem nicht in jenem Land, an dem er nach wie vor hängt.

"Es war in der Tat so, als seien die Ereignisse in dieser deutsch-jüdischen Familie mit den größeren Ereignissen im Lande wie mit der Uhr abgestimmt", schreibt Posener über den Tod seines Vaters Moritz Ende 1932, kurz vor der Machtübernahme der Nazis.

Und damit enden auch seine Erinnerungen. Ergänzt werden sie durch den Bericht In Germany again aus dem Jahre 1948, als er auf Arbeitssuche durch Deutschland reiste und die Erfahrung machte, dass noch nicht einmal die Besatzer Interesse an einem "unbelasteten" Lehrer zeigten. Akribisch listet Posener die Gespräche auf, die er auf Zugfahrten und in Geschäften belauscht, registriert die Zerstörung der Städte und den Hunger - und bringt seine Ungehaltenheit über die nachlässige re-education durch die Alliierten zum Ausdruck. Gerade solche Berichte von zurückgekehrten Emigranten geben wesentlich mehr Aufschluss über die geistige Verfassung der Nachkriegs-Deutschen als all die Protokolle und Umfragen der Besatzungsmächte.

Schon früh hatte sich die Architektur in das Leben des Jungen geschlichen, der mit seinen beiden Brüdern in den südlichen Berliner Vororten eine glückliche Kindheit verbrachte. Sein Vater, ein ambitionierter Maler, hatte ein ungewöhnlich modernes Haus bauen lassen, mit großem Garten und einem Dachgeschoss, das in einem dunkelbraunen Farbton verputzt war, deshalb hieß das Haus "die Schokoladenvilla". Der beauftragte Architekt beeindruckte den damals Sechsjährigen nachhaltig, für ihn war die Planung eines Hauses der ideale Beruf für einen Mann.

Aber auch dem Vater schenkte er seine kindliche Bewunderung, noch Jahre später symbolisierten dessen Malerei und Erziehungsstil für ihn den Eintritt in ein "helles Jahrhundert". Doch bis Julius Posener zur Architektur fand, bedurfte es noch einiger Umwege, auch sie sind exemplarisch für unruhige Zeiten.

Bei berühmten Architekten hat er dann studiert, von Bruno Schulz bis Hans Poelzig, doch er sah bei sich kein Talent für die "langweiligen" Fächer Statik und Konstruktion, die Studienjahre betrachtete er als verloren. Er schwänzte oft die Vorlesungen und trieb sich in Berlin herum, um sich außergewöhnliche Häuser anzuschauen. Mit Antisemitismus wurde er nicht nur in der Schulzeit, sondern auch an der sich weltoffen gebenden Technischen Hochschule konfrontiert. Es war die gesellschaftsfähige Judenfeindlichkeit, die sich leise, aber dafür um so nachhaltiger in beruflichen und privaten Beziehungen ausbreitete. Als einmal wieder "Auf das Heldentum" angestoßen wurde, klopfte ihm ein Kommilitone auf die Schulter und sagte: "Darauf brauchen Sie nicht anzustoßen, Posener, Sie wissen ja gar nicht, was das bedeutet."

Es scheint eine Mischung aus Unlust und antisemitischer Ablehnung gewesen zu sein, die den jungen Posener dazu brachte, sein Studium nicht ernst zu nehmen. Erschwerend kamen noch die "Arroganz der Poseners" und die Tatsache hinzu, dass mütterlicherseits genug Geld vorhanden war. Die finanzielle Sicherheit ermöglichte nicht nur dem Vater, seiner Malerei nachzugehen, ohne verkaufen zu müssen, sondern auch dem Sohn, den Eintritt ins Berufsleben hinauszuschieben. Es gab aber durchaus auch Elemente in der Architektur, die ihn damals schon begeisterten: Er liebte den modernen Funktionalismus, die englischen Landhäuser und alles, was sich - entgegen dem Zeitgeist - nicht verschnörkelt und überladen gab.

Nach dem Börsenkrach Ende der Zwanziger Jahre ändert sich das finanziell abgesicherte Leben der Familie schlagartig, das Haus muss verkauft werden, und die Poseners werden zu "deklassierten Vorstadtbewohnern", wie ein Kapitel überschrieben ist. Julius Posener ist gezwungen, sein Geld selbst zu verdienen. Es gibt einen Versuch in Paris, der nach wenigen Monaten scheitert, aber immerhin den Beginn seiner journalistischen Arbeit bedeutet, er schreibt als Korrespondent für Bauwelt und Baugilde über französische Architektur. Bei seiner Rückkehr ist er bereits mit den unübersehbaren Zeichen des Nationalsozialismus konfrontiert. Nach einer langen Zeit ohne Arbeit und untätigen Wartens geht er wieder nach Paris, nicht ohne sich zuvor den Siegesfeiern der Nazis demonstrativ entzogen zu haben.

Julius Poseners Erinnerungen sind trotz des düsteren Tons in vielerlei Hinsicht erhellend, das Exil scheint seine Sinne für den Blick in die Vergangenheit geschärft zu haben. Exemplarisch auch zeigt er den Weg einer Familie, die sich in Sicherheit wähnte und unweigerlich auf die Katastrophe zusteuerte. Anzeichen hat es viele gegeben, sie werden vom Autor genauestens registriert und zu einem Mosaik vom Aufstieg und Niedergang des jüdischen Bürgertums zusammengesetzt. Dass er sich selbst einmal als gescheitert betrachtete, vermag man sich angesichts seines späteren Ruhms, als er vor begeistertem Publikum seine Vorlesungen über moderne Architektur hielt und sein epochales Werk Berlin auf dem Weg zu einer neuen Architektur herausbrachte, kaum vorstellen.

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