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Ein Porträt Robert Fludds von Matthäus Merien, veröffentlicht in der 1626 erschienenen "Philosophia Sacra".

Robert Fludd

Das schönste Werk Gottes

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Die ganze Welt in einem Buch: Die wichtigste Enzyklopädie der Frühen Neuzeit, Robert Fludds „Geschichte beider Kosmen“, ist in einer vollständigen Ausgabe erschienen.

Keine zwei Jahre nachdem der englische Universalgelehrte Robert Fludd 1625 seine große Enzyklopädie abgeschlossen hatte, wurde das Werk auf den katholischen Index der verbotenen Bücher gesetzt. Aus begreifbaren Gründen. Denn Fludd war laut eigener Auskunft seit seiner Geburt 1547 nicht nur treuer Anhänger der reformierten Kirche in England. Er stand mit seine Schrift auch im Zentrum einer Debatte, in der es um wissenschaftstheoretische genauso wie um theologische Fragen ging. Man warf ihm vor, der Schwarzen Magie und der Hexerei zu huldigen, sich also der Häresie schuldig machen. Und er stand den Rosenkreuzern nahe, jenem sonderbaren Geheimzirkel, der nicht nur auf Fludd enorme Wirkung ausübte, obwohl es diese Rosenkreuzer nie gab. Es gab die Rosenkreuzerschriften von Johann Valentin Andreae – und es gab mit ihnen die religiöse Idee eine Vervollkommnung der Welt und des menschlichen Lebens. Die Rosenkreuzer-Schriften wollten das Erkennen der Welt auf eine richtige, heißt theologisch-biblische Grundlage stellen.

Das wollte Fludd auch, und er hat die Rosenkreuzer-Idee bis zu seinem Tod 1637 in London stets verteidigt. Denn er suchte die Aussöhnung des Christentums mit der heidnischen Philosophie und den vorchristlichen Weisheitstraditionen. Und er glaubte dabei an eine „Philosophia Perennis“, eine „Unvergängliche Philosophie“, eine Weisheit, die andauert. Diese Denkfigur, eine der wirkmächtigsten im christlichen Abendland, bildet die Grundlage für jenes gigantische Werk, das jetzt in einer großformatigen, sorgfältigen Ausgabe vollständig verfügbar ist: der „Utriusque Cosmi Historia“, der „Geschichte beider Kosmen“, nämlich des Makro- und Mikrokosmos, des Himmels und der Erde.

Herausgegeben sind die fünf blauen, schweren Bände von einem der besten Kenner der frühneuzeitlichen Geistesgeschichte, dem langjährigen Professor an der FU Berlin, Wilhelm Schmidt-Biggemann. Neben dem vollständigen Text, insgesamt gut 2200 Seiten, liefert er zu jedem Band ausführliche Einleitungen, die zusammengenommen eine eigene Monographie zu Fludd und seiner Zeit ergeben. Diese Ausgabe des Stuttgarter frommann-holzboog Verlages ist damit eine Sensation (und übrigens auch sensationell teuer: 1980 Euro; das werden sich vermutlich nicht einmal alle wissenschaftlichen Bibliotheken leisten können); denn Fludds Werk, an dem er von 1617 bis 1625 ständig gearbeitet hat, ist eine Enzyklopädie aller jener Theorien, die später, in der Epoche der Aufklärung, als abergläubig und irrational aus dem Kanon der Wissenschaftlichkeit ausgegrenzt wurden. Fludd versammelt letztmalig in der Geschichte eine alles umfassende Kosmologie, die die biblische Schöpfungsgeschichte durchweg naturphilosophisch interpretiert. Gerade das zeige, so schreibt Schmidt-Biggemann, wie charakteristisch sie für die Frühe Neuzeit war. Man kann diese Zeit in der Tat nur begreifen, wenn man sie aus ihrem Selbstverständnis heraus liest. Und genau dafür ist Fludd eine unerlässliche Quelle.

Fludds Enzyklopädie ist wesentlich vom Konzept einer sogenannten „Physica Mosaica“ bestimmt: Sein Erkenntnisinteresse gilt den Geheimnissen der Schöpfung selbst; er will den Schöpfungsprozess begreifen, den er als unabgeschlossen und unabschließbar betrachtet, als die ursprüngliche und fortwährende Offenbarung Gottes. Es geht ihm also, so Schmidt-Biggemann, um den Nachweis, dass Gott sich in seiner Schöpfung geheimnisvoll zeigt und dass alle Wissenschaften von der Natur daran arbeiten, eben diese Geheimnisse zu entschlüsseln.

Das ist eine eigene Art von Aufklärung, mit eigenen Vorzeichen. Nicht die Vernunft und nicht der Zufall sind die Taktgeber der (Natur)Geschichte, immer und in allem gilt als Ursprung und Ziel der Geschichte ihr Schöpfer selbst. Die grundlegende Vorstellung ist dabei dem spätantiken Denken entlehnt: Der Schöpfungsprozess wird so vorgestellt, dass Gott zunächst sein Werk plant – das ist die Schöpfung im Status des Gottesgedankens, das ist, was Logos heißt und später mit dem Begriff der Sophia, Weisheit, beschrieben wurde. Erst danach wird dieses Werk von Gott umgesetzt, also äußerlich und material realisiert. Deshalb wird die Welt als Zeichen Gottes gelesen, und deshalb sind die Bilder dieser Enzyklopädien keine bloßen Abbildungen oder Darstellungen von Sachverhalten, sondern Verweise auf den Schöpfungsprozess selbst.

Das lässt sich gut am emblematischen Titelkupfer erkennen, das wie alle der insgesamt gut 2000 Kupferstiche von Matthäus Merian d. Ä. geschaffen wurde: Es stellt die Sophia als eine, wie Fludd selbst erklärt, „löbliche nackte Jungfrau in zartem und blühendem Alter“, die mit einer Hand die Sphäre der Fixsterne bewegt und in der anderen eine Kette hält, die Himmel und Erde verbindet. Unter ihren Füßen sitzt ein Affe, das ist das Tier namens „Kunst“, das die göttliche Sophia nur nachahmen kann: Die Kunst, mithin auch das Wissen ist also ein Nachahmen, das in seinem Wissen und Handeln von der Sophia abhängig ist. „Im Verhältnis zum Göttlichen bleibt das Menschenwissen äffisch“, so Schmidt-Biggemann. Das wird verdeutlich, indem dieser Affe auf einer Erdkugel sitzt, die mit Längen- und Breitengraden versehen ist: Die menschlichen Rechenkünste, so wird damit ansichtig, sind ein eitles, vermessenes Unterfangen, ungeeignet, den göttlichen Schöpfungsplan zu begreifen.

Geeignet ist für Fludd dagegen einzig jene Methode des Auffindens von Analogien, durch die der Mikro- und Makrokosmos in Beziehung gebracht werden. Entsprechend behandelt er die Zahlentheorie, Chemie und Musik, die Kabbala, Optik, Akustik, Geomantie und vor allem Fragen der Medizin, stets übrigens in Auseinandersetzung mit dem Lutheraner Johannes Kepler. Der Streit von Fludd und Kepler (den Schmidt-Biggemann in dem von ihm und Friedrich Vollhardt herausgegebenen hilfreichen Band eigens diskutiert: „Ideengeschichte um 1600“, frommann-holzboog 2017, 338 S., 68 Euro) macht auch die Grundsatzfragen ersichtlich: Wie lässt sich die Welt erkennen? Mit arithmetischen Mitteln? Oder mit spekulativen, wie es Fludd tut?

Durchgesetzt hat sich letztlich Kepler. Auch das mag erklären, dass Fludd im geistesgeschichtlichen Gedächtnis an den Rand gedrängt wurde. Wer aber das Selbstverständnis der Frühen Neuzeit, ihr Denken und Wahrnehmen begreifen will, muss Fludds Enzyklopädie lesen. Dass sie während des Dreißigjährigen Krieges entstand, macht übrigens auch diesen verständlich.

Der Historiker Andreas Bähr hat in einem sehr lesenswerten Buch (Der grausame Komet, Rowohlt 2017, 303 S., 19,90 Euro) soeben überzeugend dargestellt, dass der Krieg für die Zeitgenossen damals mit einem Kometen begann, der 1618 vielfach beobachtet und auch von Kepler beschrieben wurde: Das himmlische Zeichen wurde als Verkünder der Zukunft, als ein Geschehen begriffen, mit dem das irdische verständlich wurde. Die Natur wurde zum lesbaren Buch, wie die Heilige Schrift. Fludd buchstabierte diese Überzeugung detailliert durch: Er versammelte und deutet die gesamte Welt in einem einzigen Werk.

Gedruckt wurde Fludds Enzyklopädie übrigens bei dem in Frankfurt ansässigen Verleger Theodor de Bry, der auf die Werkstatt seines Schwiegersohns Matthäus Merian zurückgreifen konnte. Dessen Kupferstiche machen dieses Werk für Schmidt-Biggemann dabei auch zur schönsten Enzyklopädie der Frühen Neuzeit. Stimmt.

Wie erfolgreich diese Verdrängung war, zeigt sich etwa daran, dass selbst in einem so umfangreichen Werk wie jener Geschichte der Renaissance von Bernd Roeck („Der Morgen der Welt“), Fludd lediglich zwei Mal erwähnt wird.

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