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Walter Kappacher
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Walter Kappacher

Interview mit Walter Kappacher

"Die Schönheit des Vergehens"

Walter Kappacher wundert sich im FR-Interview über die zahlreichen Glückwünsche zum Büchner-Preis und erklärt, warum er sich von den Medien falsch dargestellt fühlt.

Herr Kappacher, hat Sie die Mitteilung im Mai, dass Sie den diesjährigen Büchner-Preis bekommen, aus der Bahn geworfen?

Ja, ich habe seit Monaten außer ein paar Kleinigkeiten nichts geschrieben und kein Buch mehr gelesen. Meine private Korrespondenz leidet sehr und ich bin ziemlich in Stress geraten. Am Anfang habe ich 150 bis 200 Mails am Tag bekommen, dann rund fünfzig und zuletzt immer noch zehn. Ich habe versucht, wenigstens jede mit zwei Zeilen zu beantworten.

Was waren das denn für Mails?

Leute, die mir gratulieren und schreiben, wie sehr es sie freut, dass jemand wie ich diesen Preis kriegt. Da denk ich mir dann: Ja, wieso denn? Die kennen mich ja überhaupt nicht! Sie haben einfach nur in der Zeitung etwas über mich gelesen. Das ist doch sehr merkwürdig.

Finden Sie sich medial falsch dargestellt?

Selber ärgere ich mich immer oder bin enttäuscht, wenn ich mit einem Satz zitiert werde, der isoliert dastehend etwas anderes bedeutet als das, was ich tatsächlich gesagt habe.

Ärgert Sie auch, dass man in fast jedem Artikel über Sie liest, dass Sie ein Eigenbrötler sind?

Nein, nein, das stimmt schon. Aber wenn gesagt wird, ich sei bescheiden, dann werde ich schon wieder zornig. Das ist beinahe eine Beleidigung!

In der Süddeutschen Zeitung hieß es zum Beispiel einmal, Sie seien "zu taktvoll, uns mit dem Ruhm zu behelligen", der Ihnen zusteht. Was ärgert Sie denn an dem Bescheidenheits-Etikett?

Ich bin einfach nicht bescheiden, war nie bescheiden und habe mich nie beschieden. Sonst würde es ja auch keine Entwicklung im Schreiben geben. Man kann das so einfach nicht sagen.

Wie denn dann?

Ich komme vom Yoga her. Ich habe mit Mitte 20 damit angefangen. Die Übungen an sich sind schon etwas Spirituelles. Die innere Haltung, die man dabei gewinnt, wird weiter entwickelt. Zum Yoga gehört auch der Satz: Man soll seine Werke so gut machen, wie es einem gegeben ist und sich dann der nächsten Arbeit zuwenden. Nicht aber versuchen, sie zu propagieren oder bekannt zu machen.

Gelingt Ihnen das tatsächlich?

Nein, immer nicht. Aber meine Grundhaltung ist es schon.

Dann muss ja der Büchner-Preis unvermeidlich eine äußerst zweischneidige Angelegenheit für Sie sein?

Ich habe nicht vor, mich zu beklagen. Und ich habe auch beschlossen, einmal eine Ausnahme zu machen und etwas für eines meiner Bücher zu tun - für mein letztes "Der Fliegenpalast".

Ein Roman über einige Tage im Leben von Hugo von Hofmannsthal im Jahr 1924.

Ich wäre eigentlich zufrieden gewesen mit 2000 verkauften Exemplaren für so ein gar nicht bestsellerartiges Buch.

Geworden sind es sehr viel mehr, und Sie haben auch viel Kritiker-lob für den "Fliegenpalast" bekommen.

Die gescheiten Leute haben gesehen, dass es kein oder nicht nur ein Hofmannsthal-Buch ist, sondern ein Buch über einen Menschen, der älter wird, der Angst hat, mit seiner Arbeit nicht mehr fertig zu werden, der einsam ist und gleichzeitig voller Menschenscheu.

Ist das auch eine Selbstbeschreibung?

Alles, worunter dieser Mensch Hofmannsthal leidet, ist mir bestens bekannt - außer, dass ich kein berühmter Autor bin. Ich war beim Schreiben des Buchs etliche Male vorm Aufgeben. Das Scheitern hat praktisch jeden Tag vor der Tür gestanden, bis ich - wahrscheinlich beim Spazierengehen - draufgekommen bin, dass es auch ein Buch über mich ist. Als ich das eingesehen habe, ist es leichter gegangen.

Die Tage, die Hofmannsthal 1924 in Bad Fusch verbracht hat, sind bis auf wenige Briefe so gut wie nicht dokumentiert. Was hat Sie denn an dieser Ausgangslage gereizt?

In Bad Fusch, das an der Glocknerstraße liegt, ist heute außer den Resten einer Hotelruine gar nichts als eine planierte Ebene. Man merkt, dass da vielleicht irgendwann einmal etwas war. Ich habe mir versucht vorzustellen, wie das um 1900 ausgeschaut hat, wie die Kurgäste herumgelaufen sind, wie die Hotels waren.

Ich habe doch ein bisschen Fantasie, aber es war nicht möglich. Der alternde Hofmannsthal, der im Sommer 1924 in der Schweiz war und mit seiner Arbeit nicht weiterkam, hat sich daran erinnert, dass er früher in Bad Fusch immer so gut schreiben konnte Also ist er auf ein paar Tage hingefahren.

Aus dieser dünnen Faktenlage und der Brache in Bad Fusch wollten Sie etwas machen?

Dass da nichts war, war die Herausforderung. Schreibend wollte ich es für mich errichten. Es würde mich nicht reizen, irgendeine Episode aus dem Leben von Thomas Mann zu beschreiben - da ist fast jeder Tag in seinen Tagebüchern dokumentiert.

Manns Roman "Der Zauberberg", in dem eine ähnliche Rückzugsatmosphäre in einen Alpen-Kurort herrscht wie in Ihrem "Fliegenpalast", erschien 1924, genau in dem Jahr, in dem Ihr Buch spielt. Ist das ein Zufall - abgesehen davon, dass die Titel "Zauberberg" und "Fliegenpalast" miteinander zu tun zu haben scheinen?

Als ich schon fast fertig war, habe ich das auch bemerkt. Ich habe nachgeschaut, welche Autoren 1924 gestorben und welche bedeutenden Bücher erschienen sind. Im "Zauberberg" will der Protagonist gar nicht mehr zurück in die Wirklichkeit. Bei dem Hofmannsthal in meinem Buch ist es anders: Er wollte eigentlich nach Altaussee zu seiner Familie, aber andererseits wollte er sein Theaterstück fertig stellen. Er kann nicht glauben, dass ihm in Fusch nichts gelingt und hofft jeden Tag: vielleicht morgen, vielleicht morgen.

Das Thema Rückzug spielt für Ihr Schreiben eine große Rolle - auch in Ihrem Roman "Selina", wo sich der Held zurückzieht, um in der Toskana ein Haus zu renovieren.

Ich weiß nicht, ob das als Rückzug gedacht war. Denn eigentlich ist für ihn dann dort mehr Leben als zuhause als Lehrer. Mein Gedanke war es jedenfalls nicht.

Ein Satz von Friederike Mayröcker könnte auf Ihr Schreiben passen: "Wo immer sich eine Story am Horizont meines Bewusstseins zeigt, breche ich ab."

Wenn sie das gesagt hat, dann hat sie es von Thomas Bernhard übernommen, der geschrieben hat: "In meiner Arbeit, wenn sich irgendwo Anzeichen einer Geschichte bilden, oder wenn ich nur in der Ferne irgendwo hinter einem Prosahügel die Andeutung einer Geschichte auftauchen sehe, schieße ich sie ab." Bei Bernhard habe ich mir dann doch gedacht: Das sind zwar alles Arien, die er da von sich gibt, aber im Grunde ist es doch "erzählt".

Wie ist das bei Ihnen? Ihr Schreiben ist jedenfalls auch kein handlungsgetriebenes.

Ja, das interessiert mich nicht so besonders. Aber ich denke schon, wenn ich irgendetwas bin, dann bin ich ein Erzähler. Das ist ja auch was Schönes. Meine Sachen sind immer wieder als Literatur der Arbeitswelt oder, was noch schlimmer ist, als Angestelltenliteratur bezeichnet worden. Das ist doch Quatsch!

Wieso?

Wir sind doch alle irgendwo angestellt. Es gibt ganz wenige Leute, die so vermögend sind, dass sie ohne Anstellung existieren können.

Sie waren zum Beispiel als Motorradmechaniker-Lehrling und Reisebüromitarbeiter angestellt.

Dazwischen war ich auch auf der Schauspielschule. Ich glaube, ursprünglich wollte ich deswegen zum Theater, weil ich gesehen habe, dass man da jemand anderer sein kann. Das wollte ich, aber ich habe nicht gewusst, wer ich sein könnte. Das hat sich als Illusion erwiesen.

Motorradmechaniker wollten Sie nicht mehr werden?

Das Interesse für Motorräder war ursprünglich schon eine starke Neigung. Ich wollte vor allem die Motoren zerlegen und zusammenbauen. Aber sobald ich das konnte, hat es mich nicht mehr interessiert. Mein Vater hat natürlich gesponnen, weil ich begonnen habe, zuhause herumzulungern, ohne irgendetwas zu tun. Was wir damals verdient haben, war wirklich lächerlich. Auch später im Reisebüro. Nur war das bei mir egal.

Warum das?

Weil ich zuhause gelebt habe. Mein Vater ist früh gestorben, die Wohnung war groß, ich konnte mich abkapseln. Meine Mutter hat nie geklammert und wollte nie etwas von mir. Wir haben uns nur zum Essen gesehen. Später wurde sie ein Pflegefall und ich habe mich um sie gekümmert. Ich habe mir gedacht: Sie hat so viel für mich getan, sie hat mich auch finanziell unterstützt mit ihrer winzigen Witwenpension. Mein Vater war ja ein ganz ehrgeizloser Mensch, der nie viel verdient hat. Und das bisschen, das er verdient hat, hat er versoffen. Ausgezogen bin ich erst nach ihrem Tod.

Seither leben Sie mit Ihrer Frau in Obertrum bei Salzburg. Gefällt es Ihnen hier?

Meine Frau unterrichtet in der Berufschule. Mir ist es egal, wo ich sitze. Ich muss mich nur wohlfühlen in den Räumen, in denen ich lebe. Und wir haben auch Spazierwege.

Gehen ist wichtig für Sie?

Ja, ohne Gehen könnte ich nicht schreiben. Ich muss am Nachmittag gehen und irgendwas dabei entwickeln, damit ich am nächsten Tag weiterschreiben kann. Ich mach mir während des Gehens Notizen - auf dem Diktiergerät oder einem Notizblock.

Auf Ihrer Website gibt es für das Jahr 2003 einen einzigen kargen Eintrag: "Begonnen, in einer Bucht bei Mattsee das Schilf zu fotografieren". Machen Sie das immer noch?

Immer im Spätherbst und im Winter. Es interessiert mich nur, wenn das Schilf anfängt zu sterben, unterzugehen und sich zu verwandeln. Ich nenne das die Schönheit des Vergehens. Im Sommer ist da nur üppig sprießendes Grün. Das ist auch sehr schön, aber es interessiert mich nicht weiter.

Gehen Sie im Winter jeden Tag zum Fotografieren an den See?

Ja. Das Schreiben hat natürlich in den letzten Jahren sehr darunter gelitten.

In sechs Jahren hat das Schilf-Fotografieren nichts von seiner Faszination verloren?

Bis jetzt nicht.

Wollten Sie sich eigentlich nie einer Schriftstellergruppe anschließen?

Ich habe es schon probiert. Eine Zeitlang bin ich zu einer Salzburger Autorengruppe gegangen. Das waren so zehn oder zwölf Leute. Ich habe mir vorgestellt, dass man sich da unterhält und dass ich im Austausch irgendwas lerne für mein Schreiben und weiterkomme.

Aber das war nicht so?

Nein, die waren nur interessiert daran, wie man Kontakt zu dieser und jener Zeitschrift oder diesem und jenem Verlag findet, wen man zufällig kennt und solche Sachen. Das hat mich aber nicht interessiert.

Welche Autoren haben Sie denn dann interessiert?

Von Anfang an Kafka. Er war in den 60er Jahren sozusagen der Anstoß für mein Schreiben. Ich habe den "Prozess" gelesen. Der Held ist Bankangestellter, es gab einen Direktor und Kollegen, und es wurde telefoniert. So wie bei mir im Reisebüro. Durch Kafka habe ich verstanden, dass der Held gar nicht die großartigsten Abenteuer bestehen muss. Das war für mich eine sehr große Erleichterung. Wenn der Held auch einfach ein Angestellter sein kann, dachte ich mir, dann ist es nicht aussichtslos. Dann kann ich auch anfangen zu schreiben!

Interview: Julia Kospach

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