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Na du Schöne, wohin des Wegs?

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Autor Jakob Hein erzählt nicht, sondern spielt eine Idee durch, die manchem doch sehr bekannt vorkommt. Es ist die romantische Idee von der Poetisierung des Lebens durch die Sehnsucht, die nie zur Ruhe kommt.

Von KATHARINA RUTSCHKY

Seit seinem Debüt 2001 mit einer Sammlung von Jugend- und DDR-Reminiszenzen hat Jakob Hein, Jahrgang 1971, in vorbildlicher Kontinuität jedes Jahr wenigstens ein Buch veröffentlicht.

Schon "Mein erstes T-Shirt" meldete von einer gebildeten und humoristischen Sonderlingsexistenz, die Hein zu einer Stimme, einer literarischen persona zu erheben verstand, die der Autor auch als Performer auf den neuen Lesebühnen zur Anschauung brachte. Es folgte zwischen Berichten über Reisen nach Amerika, den Tod der Mutter und weitere Bücher über Berlin und die Skurrilitäten der DDR-Bürokratie auch ein sogenannter Roman.

In "Herr Jensen steigt aus" versuchte Hein mit seinen Mitteln ein System bloßzustellen, dem die Arbeit ausgeht, ohne dass es von der Arbeitsideologie lassen kann. Ein Postbote wird entlassen und setzt sich zum Ziel, nachdem er brav Umschulungsmaßnahmen mitgemacht hat - das Nichtstun ohne jede hedonistische, lebenskünstlerische Zutat zu lernen. Als eine fast klinische Etüde über Depression, über Selbsteinschränkung bis an die Grenze zum Selbstmord konnte man den schmalen und auf die Perspektive eines Einzelgängers reduzierten Text zum Teil goutieren. Aber war diese spartanische Konstruktion ein Roman?

Nein, war es damals so wenig wie es nun das jüngste Buch von Hein wieder beansprucht. Aber der Roman ist heute das Genre, das den größten Gewinn an Prestige wie an Geld verspricht, und schwer deshalb, sich von ihm nicht auf Abwege verlocken zu lassen.

Heins Talente liegen so wenig im Prallerzählen wie in der kopflastigen Illustration bekannter Meinungen, sondern im Ausbau eines hyperintellektuellen, idiosynkratischen Temperaments, das es ihm erlaubt, seine literarische persona mit Spaß und Erkenntnisgewinn für den Leser durch die Zeit zu führen. Man könnte den Plot des sogenannten Romans "Vor mir den Tag und hinter mir die Nacht" zwar nachzeichnen, träfe aber nicht den Text.

Der erzählt eben nicht, sondern spielt eine Idee durch, die manchem mit der Literaturgeschichte Vertrauten doch sehr bekannt vorkommt. Es ist die romantische Idee von der Poetisierung des Lebens durch die Sehnsucht, die nie zur Ruhe kommt und dem Träumen vor der Wirklichkeit den Vorzug gibt. Das ist keine Poetik für gute Romane, weshalb die der Romantiker von Tieck über Brentano zu Eichendorff, auch so dick wie langweilig und vergessen sind.

Dick ist Heins Buch zwar nicht, aber sonst fehlen keine der romantischen Ingredienzien. Im Laden eines jungen Mannes, der das Geschäftskonzept verfolgt, "verworfene Ideen" zu vermarkten, anfänglich auch noch die zahlreich eingelieferten "Romananfänge", spricht, zuerst telefonisch, dann persönlich eine schöne Frau vor. Eine Frau, die es eigentlich nur im Traum geben kann, die der junge Mann aber durch seine geschäftlichen und literarischen Träume für sich gewinnt. Er liest ihr einen Text vor, der für alle, die ganz genau aufpassen, mit dem Buch identisch ist, das der Leser gerade liest...

Am Ende dieser Rahmenhandlung (ein beliebter Kunstgriff der Romantiker) lädt sie ihn zur Wirklichkeit jenseits des Romans ein, zum Essen einer Kürbissuppe in ihrer Wohnung. In diese Geschichte hineingedreht ist eine andere, aus der sich noch eine weitere entwickelt. Zuerst also die Geschichte einer jungen Frau, die als Sekretärin eines alten und blinden Schriftstellers geheuert wurde, der schließlich an den Sinn des Schreibens nicht mehr glaubt.

Die junge Frau verlässt ihn und fällt stante pede auf der Straße ins Koma. Schön wie sie ist, wollen ihr alle helfen - Männer wie Frauen. Wie gegen jede Wahrscheinlichkeit die Patientin dem Arzt anvertraut, war sie es herzlich müde, der Projektionsschirm all der Unglücklichen zu sein, die ihr Leben anders wollen - und das Wunder von ihr erwarten.

Der Arzt stellt die Geräte ab und beendet ihr Leben - wenn diese junge Frau jenseits der Wünsche ihrer Bewunderer oder der Idee ihres Autors je eines hatte! Ihre Namensgebung "Wolf" verbindet immerhin diese Geschichte mit der nächsten, in der ein Privatgelehrter nach dem Sinn des Lebens sucht. Er tut das als wissenschaftsgläubiger Leser, der aus Verzweiflung über die Ablenkungen seines Alltags einen Pakt mit "Wolf" schließt, welcher ihn um den Preis des Lebens in ideale, aber tote Arbeitsumstände versetzt.

Nun legt sich Heiner, der Privatgelehrte ins Bett und kommt überhaupt nicht mehr voran. Womöglich ist das ein Kommentar zu Heiner Müller und die angespannte Sekurität der Kulturschaffenden in der DDR? Solche Anspielungen liebten die Romantiker über alles!

Es kommt also vor, was einen romantischen Roman um 1800 ausmachte: Die Rahmenhandlung mit zwei Liebenden führt zu anderen Erzählsträngen, die den Leser unterhalten, aber auch desillusionieren sollen. Fiktion! Fiktion! Alles nur ausgedacht, scheint der Autor zu rufen. Auch der Pakt mit dem Teufel fehlt nicht, dazu die Koketterie mit dem Übersinnlichen - heute mit den Geistern auf der Intensivstation. Ein guter Roman wird nicht daraus.

Jakob Hein:

Vor mir den Tag und hinter mir

die Nacht.

Roman.

Piper Verlag,

München 2008, 174 Seiten,

16,90 Euro

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