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Schöne Gefühle

Der Soziologe Ferdinand Sutterlüty erforscht den Suchtcharakter jugendlicher Gewaltausübung

Von Magnus Schlette

Als seine Freundin sich von ihm trennt, verspürt Kai, ein Berliner Junge im Lehrlingsalter, das unwiderstehliche Bedürfnis, jemanden zu verprügeln. Er kauft sich eine Flasche Bourbon, marschiert zum Treffpunkt seiner Clique vor einer Imbissbude, greift sich dort, vor adoleszentem Publikum, einen Passanten, schlägt ihn nieder und richtet ihn so zu, dass dessen Kopf bläulich anschwillt und er zum reglosen Spielball der Tritte wird. Was bringt einen Sechzehnjährigen dazu, unvermindert auf einen Menschen einzutreten, nachdem dieser bereits ins Koma gefallen ist?

Die dominierenden soziologischen Erklärungsmodelle der Jugendgewalt antworten auf diese Frage mehrheitlich unter Verweis auf sozialstrukturelle und kulturelle Sozialisationsfaktoren wie soziale Ungleichheit, berufliche Perspektivenlosigkeit, Auflösung sozialer Bindungen, oder Gewaltförderlichkeit unserer wohlstandschauvinistischen Leistungsgesellschaft, die dem Mythos des kämpferischen Einzelgängers huldige. Aber weder alle Armen und Perspektivenlosen noch alle Möchtegern-Rambos, nicht einmal die Mehrzahl derjenigen, welche die beklagenswerte Schnittmenge aus diesen Gruppen bilden, werden, um Kais ideales Selbstbild zu zitieren, "brutal wie Sau". Sozialstrukturelle und kulturtheoretische Erklärungsmodelle sind mithin nicht hinreichend für eine ihrem Untersuchungsgegenstand angemessene Theorie der Jugendgewalt.

Sutterlüty geht deshalb einen anderen Weg: Er interessiert sich zunächst für die "schönen Gefühle" bei den Schlägereien, über die Kai und siebzehn weitere jugendliche Gewalttäter aus Berlin - darunter drei junge Frauen - in individuellen Leitfadeninterviews befragt wurden. Das Ergebnis lautet, dass die Befragten Gewalt keineswegs als probates Mittel zu einem vorab definierten und intendierten Zweck wie Rache für empfundenes Unrecht oder zur Statusverbesserung in der Jugendclique eingesetzt hatten, sondern die gewalttätige Konfrontation in ihrem Vollzug unwillkürlich als euphorisierend erlebt und zur Reproduktion eben dieser Glückszustände dann immer wieder aufgesucht hatten.

Dabei waren sich die Täter der intrinsischen Motivierung ihrer Gewalt nicht einmal alle bewusst, sondern versuchten ihr Verhalten durch den Verweis auf vermeintlich vorausgegangene Provokationen, den moralischen Zwang zur Hilfeleistung gegenüber Freunden oder die Betonung persönlicher Krisen zu begründen. Es ist die Leistung von Sutterlütys hermeneutischer Einzelfallrekonstruktion, dass diese Selbstauslegungen der jugendlichen Täter die wahren Motive ihres Handelns nicht erfolgreich verdecken konnten. Deutlich wird allerdings auch, dass die von den Jugendlichen gegebenen Begründungen keineswegs bloße Täuschungsstrategien sind. Sutterlüty kann sie vielmehr überzeugend als authentische Versuche lesen, ihr Verhalten angesichts des durchaus ambivalent erfahrenen Blutrauschs vor sich selbst zu normalisieren.

Dass sogar Tötungsakte belebend, beglückend wirken können, ist nicht neu. Von diesem Reiz zehren Jagd und Stierkampf. Aber wie kann einem Menschen Brutalität gegenüber Mitmenschen "schöne Gefühle" machen? Unter dem Eindruck des katastrophalen 20. Jahrhunderts hat Elias Canetti eine düstere Erklärung gegeben. Nirgends werde das eigene Sein intensiver erfahren als in der Nichtung des Anderen. Folgt man Canetti, dann beruht die beglückende Wirkung der Gewalt also gerade auf dem Umstand, dass ihr Opfer das Alter Ego des Täters ist. Sie beruht auf einem Verstoß gegen strukturell reziproke Anerkennungsverhältnisse von Menschen und Mitmenschen.

Sutterlüty verhält sich Canettis Deutung des Faszinosums Gewalt gegenüber skeptisch. Er will nicht anthropologisch argumentieren. In dem Glück des aggressiven Verstoßes gegen die Anerkennung des Mitmenschen erkennt er vielmehr die Kompensation für erlittene Missachtung, Gewalt und Demütigung. Auffällig ist, dass viele der interviewten Jugendlichen (mit einer Ausnahme) eigener Auskunft zufolge früher Opfer familiärer Gewalt waren. Die türkische "Schlägerbraut" Bebek, von ihren Eltern vernachlässigt, grundlos geschlagen und ebenso grundlos der Gefährdung ihrer Jungfräulichkeit - eine Frage der Ehre und folglich des Selbstwertgefühls - verdächtigt, "rastet aus", als ihre Freundin in einem belanglosen Schulhofgerangel als "Nutte" bezeichnet wird. Zu Hause zur Wehr- und Sprachlosigkeit gegenüber Vater und Bruder verdammt, übernimmt sie nun die Regie und verteidigt stellvertretend nicht nur die Freundin, sondern die eigene Ehre.

Sutterlütys Pointe: Selbstachtung gewinnt das Mädchen nicht aufgrund der Schlägerei, sondern sie erfährt sie unmittelbar während des Gewaltaktes, als erhebendes, euphorisierendes Gefühl der Dominanz, das sie in der besagten Szene in ein schier endloses Schlagen und Treten fortreißt und für das Opfer einen mehrwöchigen Krankenhausaufenthalt zur Folge hat. Sutterlütys Tätern, ihren Taten, ist gleichsam als Negativ die vormalige Opferrolle in der Familie eingeschrieben. Der Gewaltakt reinszeniert frühere Täter-Opfer-Beziehungen, nun aber mit vertauschten Rollen. Das ist umso glaubwürdiger, weil es die Jugendlichen nicht darauf anlegen, sich als Opfer familiärer Gewalt zu stilisieren, sondern den fraglichen Szenen, denen der Interviewer nachbohrt, beschämt, zuweilen ängstlich oder durch aufgesetzte Coolness aus dem Weg zu gehen versuchen.

Während kulturtheoretisch argumentierende Soziologen wie Thomas Macho Jugendgewalt aus normativen Leitbildern vermeintlich allgemein geteilter Kämpferideale und zumindest akzeptierter Gewaltmythologien ableiten, dreht Sutterlüty den Spieß um, sowohl inhaltlich wie methodisch. Inhaltlich, denn seine Untersuchung zeigt, dass die Gewaltmythologien nicht zur Gewalt führen, sondern allenfalls positive Gewalterfahrungen nachträglich artikulieren. Methodisch, denn statt zu deduzieren, betreibt er Theoriebildung induktiv, indem er die Deutungskategorien forschungslogisch aus der hermeneutischen Auslegung des Materials gewinnt. Allerdings schöpft er die Interviews nicht immer genügend aus, so dass mögliche konkurrierende Lesarten, die der Leser bei der Lektüre der Interviews satzweise entwickelt, im Raum stehen bleiben. Das betrifft gerade die Frage nach dem qualitativen Eigenwert des Gewaltaktes als solchen. Nicht alle der präsentierten Fälle sind so eindeutig wie derjenige Kais und wie der Verfasser es gern möchte. Hier hätte es eines höheren und zuweilen feinmaschigeren Explikationsgrades der Auslegung bedurft.

Schließlich leuchtet die Organisation des Materials nicht ganz ein. Sutterlüty thematisiert in seiner Untersuchung den "Kreislauf von Gewalt und Missachtung" - wie der Untertitel besagt. Warum behandelt er dann Tätererfahrungen, Gewalterfahrungen in der Opferrolle und die Entwicklung von Selbstbildern getrennt, in verschiedenen Kapiteln und jeweils in Auseinandersetzung mit verschiedenen Quellen, anstatt individuelle Fallgeschichten in ihrer jeweiligen Verlaufsgesetzlichkeit stringent zu rekonstruieren und geschlossen zu präsentieren?

Inwiefern Kai Missachtungserfahrungen in seiner Kindheit gemacht hat, erfährt der Leser zum Beispiel nicht. Er tritt in dem Kapitel "Tätererfahrungen" auf, nicht in demjenigen, das Missachtungserfahrungen in der Familie abhandelt. Die individuelle Fallgeschichte wird aber kaum der spezifischen Qualität der Gewalterfahrung äußerlich sein, so wenig bei Kai wie bei Bebek, bei welcher beides, Vorgeschichte und Gegenwart, hier: Opfer- und Tätererfahrung herausgearbeitet werden und sich gegenseitig erhellen.

Sutterlütys Buch erscheint als Band 2 in den von Axel Honneth neu belebten "Frankfurter Beiträgen zur Soziologie" im Auftrag des Instituts für Sozialforschung. Im ersten Band der Reihe, Befreiung aus der Mündigkeit. Paradoxien des gegenwärtigen Kapitalismus, hatte Honneth, gegenwärtiger Direktor des Instituts, den Begriff der Paradoxie als forschungsleitend für die künftige Arbeit des Instituts angekündigt und erläutert. Eine Einleitung zu Sutterlütys Studie, die deren Zusammenhang mit dem neuen Programm und der neuen Ausrichtung des Instituts klar kenntlich gemacht hätte, wäre wünschenswert gewesen - dies als Anregung für die kommenden Bände.

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