Literatur

Wie schön und schrecklich

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Sven Stillich fragt überaus anregend, „was von uns übrig bleibt“.

Selbst der versierteste Einzelgänger hat die eine oder andere Geselligkeitsanwandlung; dann ruft er sich zur Ordnung, stellt dabei aber fest, dass der Ordnungsruf ohne Resonanz bleibt. Auch im Unterstand einer mehrfach gesicherten Daseinsabschottung nämlich kommt man ohne die Anderen nicht aus; der Dichter Robert Walser hatte dafür eine allgemein gültige Einsicht parat: „Was nicht anwesend ist, ist es manchmal dadurch gerade sehr.“

Wie dem auch sei: So ganz unbemerkt möchte niemand bleiben, ein bisschen Aufmerksamkeit sollte schon sein. Das gilt nicht nur für unser Leben, sondern reicht darüber hinaus; was kommt danach, fragen wir uns und sind irritiert, wenn uns eine zur Gewissheit befähigte Ahnung befällt, die darauf hinausläuft, dass tatsächlich irgendwann „nichts mehr ist“ (Dürrenmatt) oder wir nur noch „die unsichtbaren Zuschauer“ (Nietzsche) sind, von denen keiner, wirklich keiner weiß, ob sie je existiert haben. Zuvor aber möchte sich der Mensch noch auf listige Weise verewigen; oder, zurückhaltender gesagt: Er möchte Spuren hinterlassen, die eng verbunden bleiben mit denen, die noch Spuren lesen können und, dies vor allem, in der Lage sind, sich zu erinnern.

Sven Stillichs bemerkenswertes Buch „Was von uns übrig bleibt“ breitet eine solche Spurensuche vor uns aus und macht uns staunen, was alles zu finden ist, wenn man den aufmerksamen Blick hat, der, von leiser Wehmut angeleitet, Gegenwart und Vergangenheit gleichermaßen berührt, so dass sich das beiläufig Eingeschriebene aufs Neue ansprechen lässt. Dabei mutet die Ausgangslage eher schlicht als vertrackt an: „Wir sind Menschen, wir können nicht anders. Wir hinterlassen unmerkbar Spuren an Plätzen, die wir besuchen, in den Gehirnen anderer Menschen, in der Welt. Ein Denkmal gibt es dafür selten, oft nicht mal ein Dankeschön. Aber stets bleibt etwas zurück, von uns, bei uns und in anderen. Wir bewahren Menschen in uns auf und werden in anderen Menschen aufbewahrt – für die einen ist das nur eine Gehirnfunktion. Für die anderen ein großer Trost.“

Mitnehmsel und Dableibsel

Nicht nur um Menschen geht es jedoch, sondern auch um die Dinge, mit denen sie es zu tun bekommen; eine seltsame Anhänglichkeit kann sich daraus ergeben. Stillich (Jg. 1969) ist ein erstaunlicher Erzähler, der, ungewöhnlich im Sachbuch-Segment, Poesie mit vorweggenommener Altersweisheit zu verbinden weiß, was sich schon in den Kapitelüberschriften spiegelt: „Und niemals geht man so ganz“; „‚Ich war hier‘ ... Im Museum der Existenzen“; „Mitnehmsel und Dableibsel“; „Das bin einmal ich gewesen“; „Wenn alle nochmal zusammenkommen“ (u.a.m.).

Den Leser, auch wenn er sich für eher hartgesotten hält, befällt Rührung, weil er, ohne ausdrücklich angemeldet zu sein, Spaziergänge im Garten des Menschlichen mitmachen darf, auf denen er in eine Verbrüderung gerät. Man kann sie, wenn denn sonst niemand da ist, ruhig auch mit sich selbst eingehen; Erinnerungen genügen, Träume und eine uns zugewandte, also auf Normalmaß gestutzte Sehnsüchtigkeit. Die dazugehörige Gewissheit ist deprimierend und tröstlich zugleich: „Wir wissen, dass wir nicht für immer auf der Welt sein werden – und wir ahnen, dass diese sich auch ohne uns weiterdrehen wird. Das Leben wird vielleicht kurz aus dem Takt geraten, doch irgendwann wird die Sonne aufgehen, und wir werden vergessen sein. Wir sind sehr flüchtige Wesen ... .“ Der sanfte Anflug von Panik, der sich daraus ergibt, ist selbst sehr vergänglich; gut so. Wir finden uns ab, was auch eine Art Glück bedeutet, widerrufbar und auf die menschenmögliche Dauer angelegt. Nicht viel, aber besser als gar nichts.

Sven Stillich hat ein empfehlenswertes Buch geschrieben, das zu Herzen geht. Verschenken kann man es auch, denn „flüchtige Wesen“, die schon mal ans Bleiben gedacht haben, gibt es mehr als genug. Das Fazit des Autors fällt sympathisch aus, wir können es jederzeit unterschreiben: „Weiß ich mehr über das Leben und den Tod, nachdem ich das Buch geschrieben habe? Ja und nein. Dass ich nicht in der Hand habe, was von mir übrig bleiben wird auf der Welt – das habe ich vorher so klar nicht gesehen. Ich bin dem Leben näher gekommen und auch dem Tod. Ich weiß mehr als zuvor, wie schön und schrecklich unser Leben ist und wie wild und wuchtig das Sterben sein kann. Ich bin demütiger geworden. Und es geht mir auf den letzten Zeilen wie vielen Leuten, die einen Ort, einen Menschen oder die Welt verlassen: Ich befürchte, dass es noch viel zu sagen gegeben hätte ... .“

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