Peter Granser, „Paar im Pool“.
+
Peter Granser, „Paar im Pool“.

Fotografie

Was ist schön?

  • Arno Widmann
    vonArno Widmann
    schließen

Es führt kein Weg am Altern vorbei: Die Kunst- und Kulturwissenschaftlerin Sabine Kampmann zeigt Fotografien greiser Menschen.

In dieser Habilitationsschrift geht es um die Bilder alter Körper in der Kunstfotografie der vergangenen 30 Jahre. Immer wieder wird auch ein Blick zurückgeworfen. Schon darum, weil die Fotografinnen und Fotografen sich immer wieder auch aus den Bildvorräten der Kunstgeschichte bedienen. Die Fotografin Annie Leibovitz, eine Lebensabschnittsgefährtin von Susan Sontag, die schon 1977 einen Aufsatz veröffentlicht hatte zum Thema „The Double Standard of Aging“, machte 2007 Aufnahmen für die Körperpflegeserie „pro age“ von Dove. Die Models waren ältere Frauen. Sabine Kampmann schreibt dazu: „Durch die extrem helle Ausleuchtung der Studioaufnahmen werden Unebenheiten und Altersspuren der Haut kaschiert, die Körperoberfläche wirkt dadurch verhältnismäßig straff und nahezu makellos. Die koketten und verhalten erotischen Posen der Modelle tragen ebenfalls dazu bei, eher typische Körper der Werbefotografie zu erzeugen und weniger privat oder individuell wirkende Körperbilder.“

Ganz anders ist die den Umschlag des Buches zierende Aufnahme von Melanie Manchot, der 1966 in Witten geborenen, in London lebenden und arbeitenden Fotografin: „Body Study IX, 1996“. Es handelt sich um einen 150 x 125 Zentimeter großen Silbergelatine-Print auf Leinwand. „Zu sehen ist die in leichter Untersicht aufgenommene Rückenansicht einer nackten Frau vom Oberschenkel bis zur Hälfte des Kopfes. Eine starke, von unten eingesetzte Lichtquelle erzeugt dramatische Schatten und arbeitet das Körperrelief in besonderer Weise heraus. An Rücken und Gesäß ebenso wie an Ellenbogen und Händen zeigen sich jene typischen Falten und Dellen, die einen älteren Körper markieren.“ Hier würde jede Kosmetik scheitern. Die Schlagschatten machen aus dem Bild fast eine Skulptur.

Zwischen 1995 und 1998 arbeitete Melanie Manchot an einer Serie von Aufnahmen ihrer Mutter. In der Wochenzeitung „Zeit“ hieß es damals zu den Fotos: „Eine so alte Frau, ein Körper, der sich verformt hat. Und hinter der Leinwand lauert der Tod! Muss man das zeigen?“ Offensichtlich muss man, wenn selbst eine so kluge Dame wie die „Zeit“-Kollegin gleich hinter dem Körper einer 65-Jährigen den Tod drohen sieht. Da sind die Arbeiten von Melanie Manchot, noch bevor sie Kunst sind, ein Stück elementarer Aufklärung.

Wir lassen uns immer wieder von „Anstand“, „Etikette“, „Scham“ oder Ähnlichem den Blick auf die Wirklichkeit trüben. Angst spielt dabei vielleicht doch die wichtigste Rolle. Nicht anzuschauen, was ist, gehört zu jenen unserer Überlebensstrategien, die uns regelmäßig in den Tod treiben. Gesellschaft ist das Organisationsprinzip, das uns erlaubt, den privaten Vogel Strauß in fast jedem von uns zu überwinden. „Einer trage des anderen Last!“ Ich mag mir den Körper meiner Mutter – nun gar den nackten! – nicht ansehen. Das Bild, das ich von ihr habe, mag ich mir nicht zerstören lassen. Ich mag mir aber auch – das ist vielleicht noch drängender – nicht das Bild zerstören lassen, das ich von mir selbst habe.

Das Buch

Bilder des Alterns. Greise Körper in Kunst und visueller Kultur. Dietrich Reimer 2020. 216 S., 29,90 Euro.

Dafür gibt es die anderen. Dafür gibt es zum Beispiel Melanie Manchot. Sie zeigt ihre Mutter. Ich kann sie mir ansehen und kann vergleichen, ohne dass gleich der ganze Abwehrmechanismus in Gang gesetzt werden muss, den ich zu meiner Verteidigung und zur Verteidigung der Meinen ausgebildet habe. Bildung ist auch der Prozess, in dem wir „Anstand“, „Etikette“, „Scham“, auch „Angst“ vergesellschaften. Bildung macht uns darum immer auch dumm. Sie sagt uns, was wir schön, was wir hässlich finden sollen, was normal und was verrückt.

Sabine Kampmanns Überblick macht das sehr deutlich. Ein Großteil der Fotografinnen und Fotografen versucht, die Schönheit des Alters zu zeigen. Allerdings indem man die Spuren des Alters möglichst verdeckt. Es geht gerade nicht um die Entdeckung bislang unbekannter Formen der Schönheit. Wir leben inzwischen so sehr voneinander getrennt, dass man kaum noch weiß, wie alte Menschen aussehen. Die Aufnahmen von Donigan Cumming, die sehr alte, abgezehrte Frauen zeigen, sind da wirklich eine Offenbarung.

Es geht eben nicht nur um Ästhetik, sondern auch einfach nur um das Sich-vertraut-Machen mit dem, was ist. Natürlich schreibt Sabine Kampmann auch über Miwa Yanagis schon klassische Serie „My Grandmothers“. Die 1967 in Kobe geborene Fotografin setzt ihre „Großmütter“ in verfremdete, synthetisch hergestellte, digital bearbeitete, fantastische Landschaften und Innenräume. Die Dargestellten sind ausgebrochen aus den ihnen zugewiesenen Lebensentwürfen und jagen etwa zusammen mit einem jungen Liebhaber im Beiwagen eines Motorrades über die Vincent Thomas Bridge in Los Angeles.

Das Buch blickt nur manchmal zurück in die Kunstgeschichte. Das ist schade. So fehlt zum Beispiel jeder Hinweis auf die greisen, aber muskulösen Männerkörper, die Guido Reni oder Domenichino zeigten, wenn sie zum Beispiel den heiligen Hieronymus malten. In einer kurzen Epoche gab es schon einmal den „schönen Greis“, wie die Kunsthistorikerin Gudrun Körner das Genre nannte. Schon in der römischen Kaiserzeit wurden Kaiser und Kaiserinnen mit idealisierten jugendlichen Körpern dargestellt, auf die Porträtköpfe gesetzt wurden. Sie kommen einem grotesk vor.

Ob das damalige Publikum das auch so empfand, muss hier offen bleiben. Sabine Kampmann spricht darüber nicht. Sie erinnert an die wichtigsten fotografischen Darstellungen des Alters der vergangenen 30 Jahre. Sie vergisst dabei auch nicht die Darstellung des Sexuallebens von Greisinnen und Greisen. Es führt also kein Weg am Alter vorbei – und an diesem Buch auch nicht.

Kommentare