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„Hättest ihm doch etwas mehr Strychnin in den Kaffee geben sollen, dem Steuerprüfer“, steht unter einem Foto, das Marina und Wolfdietrich Schnurre um 1970 zeigt.

Wolfdietrich Schnurre

Einhornwetter

Dem Schriftsteller Wolfdietrich Schnurre zum hundertsten Geburtstag.

Er war ein idealtypischer Berliner. Die Berliner Schnauze spielt tatsächlich in seinen Büchern eine Rolle – etwa in den Großstadtkinder-Dialogen „Ich frag ja bloß“ (1973), oder in Filmkritiken, die er als seine Milchfrau Emma Molk geschrieben hat. Eine ihrer wunderlichen filmästhetischen Bemerkungen: „Kopp wie’n uffjeplatztet Sofakissen und immer druff mit de Jroßuffnahme“. Den Umzug mit seinem Vater nach Berlin 1928 hat er als seine zweite Geburt bezeichnet, und es gibt wunderbare Geschichten über das Großwerden in Weißensee, den utopischen Sommermorgen eines Achtjährigen, der sein Viertel im Griff hat, unter dem Kreischen der Mauersegler, zwischen Müllkübeln, Sargdepot und SA-Kneipe („Der Morgen der Welt“).

Wolfdietrich Schnurre wurde am 22. August 1920 in Frankfurt geboren, gestorben ist er 1989 in Kiel. Er ist also „nur“ ein zeitweiliger Wahl-Berliner; und über die Kindheit und Jugend mit seinem alleinerziehenden Vater, einem Bibliothekar und Ornithologen, hat er in „Als Vaters Bart noch rot war“ (1958) noch ganz andere Geschichten erzählt. Kanonisch, ja Schulbuchautor ist er mit frühen Außenseiter-Kurzgeschichten geworden, als amüsanter Kurzstreckenmann sozusagen, ein vergiftetes Lob; und er hat sich selbst trotz aller Erfolge als verkannter Autor inszeniert, der sich immer wieder neu erfinden musste.

Der „ideale Aphorismus“, fand er, lade „zum Zurückdenken ein“: „welcher Verletzte hat ihn geschossen?“ Und wenn man Schnurres Frühgeschichte ansieht, fragt man sich schon, wie daraus jemand halbwegs intakt herauskommen konnte. Als er zwei Jahre alt war, verließ die Mutter ihn und den Vater; so bemüht Otto Schnurre war, er hat seinen Sohn mehrfach in Heime gegeben, der machte schreckliche Erfahrungen. Und er hat mit zahlreichen „Ersatzmüttern“ gelebt; Schnurre hat später gefrotzelt, manchmal sei sie am Abend blond gewesen und beim Aufwachen dunkel.

Seit 1939 war er Soldat, die vollen sechs Jahre, mit allen zugehörigen Kriegstraumata; das erste Kind seiner Kriegsehe, eine Tochter, starb – sie spukt als „Lindy“ durch den „Schattenfotografen“ –, 1945 kam ein Sohn zur Welt, die Ehe scheiterte bald darauf. Von Diktatur- und Außenseitererfahrungen ist da noch gar nicht die Rede. Schnurres Bilanz dieser Jahre war ein „Lebenstrauma“, „die Erkenntnis nämlich, auf der falschen Seite zu stehen oder, was noch schlimmer ist, auf der falschen Seite gestanden zu haben“. Er schreibe überhaupt nur aus der „Gewißheit einer unaustilgbaren Lebensschuld. Schreiben ist für mich die einzig akzeptable Form der Sühne“.

Dass er nicht immer glänzend aus dieser Schuld-Konstellation herausgekommen ist, frühe Verletzungen auch weitergegeben hat (an seinen ersten Sohn, an seine Frauen und Freundinnen), ist offensichtlich. Aber er ist seinen Verletzungen und den spezifisch deutschen Fragen der Zeit nicht ausgewichen, der „Gewissenserforschung“, der „Aufräumungsarbeit auf den Schutthalden des eignen Unterbewußtseins“. Er hat sich mit den Jahren in obsessiven Zwölfstundentagen am Schreibtisch ein großes formales wie thematisches Repertoire erarbeitet, Lyrik (Kassiber), Romane, Essays, Fernseh- und Hörspiele, Kinderbücher. Bei allen Selbstzweifeln findet er manchmal sogar zum Übermut, zu einer Feier der süßen Anarchie.

Unter den frühen, düster-realistischen Kurzgeschichten gibt es auch Kriegserzählungen der anderen Art: „Das Haus am See“ erzählt von einer Familie, die das Kriegsende und die autoritären Herrschaften, die über sie hinwegrollen, übersteht, weil sie im entscheidenden Augenblick nicht zu Hause ist. Sie muss angeln, die Reusen überprüfen, den Rohrdommeln zuhören, leider ist dann mal ein Gestellungsbefehl nicht zustellbar, ein General geht lieber mit auf den See, lässt sich die Vogelrufe, die Fischbrut erklären und hält die Hand über die Familie.

Ein schöner Traum, gewiss, aber auch ein Appell für die Frechheit im rechten Moment, für die Lust am Unerwarteten, die sich auch in Schnurres Kinderbüchern findet („Die Prinzessin kommt um vier“). Auch surrealistische Momente hat er geschätzt; „Das Begräbnis“, der erste Text, der auf dem Gründungstreffen der Gruppe 47 vorgelesen wurde, erzählt vom Tod eines „gewissen Klott oder Gott oder so ähnlich“, dem offensichtlich niemand nachweint. Sein frühökologischer Blick für Natur, seine Tierliebe hat dazu geführt, dass schon mal diskutiert wird, was in der Sintflut mit den Fischen passiert ist (sie wären gestorben); dass zwei Pudel sich über philosophische Fragen schreiben; ganz zu schweigen von Aphorismen, in denen alles möglich ist – „Bei Dauerregen fast glücklich (: Einhornwetter).“

Schnurres Statur als politischer Autor ist beachtlich, trotz der Retuschen, die er wie alle Autoren dieser Generation über die Jahre vorgenommen hat. Die Berliner Mauer hat er als persönliche Bedrohung empfunden (und ihr Ende um ein paar Monate nicht mehr erlebt). Als sein Lebensthema hat er das Zusammenleben von jüdischen und nicht-jüdischen Deutschen nach dem Holocaust betrachtet; er hat sich intensiv mit den Heiligen Schriften des Judentums auseinandergesetzt, mit jüdischer Kulturgeschichte, ist nach Israel gereist, er schrieb eine 13-teilige Fernsehserie über das Leben jüdischer Familien im Berlin der 80er Jahre („Levin und Gutmann“, 1985), und den umfangreichen Roman „Ein Unglücksfall“ (1981), in dem die Frage nach dem erneuten Zusammenleben skeptisch beantwortet wird. Der Roman ist nicht unproblematisch, weil Schnurre es auch wagt – als ehemaliger Wehrmachtssoldat und Teil der Täter-Generation – streckenweise einen Rabbi zum Erzähler zu machen, auch sein Protagonist ist allzu vorbildlich gewissenszerquält geraten; dennoch ein ehrenwerter Versuch, an dem er sich über Jahre in immer neuen Fassungen abgearbeitet hat.

1964 erkrankte Schnurre an Polyneuritis, einer schweren Nervenkrankheit. Er lag 19 Monate bewegungsunfähig im Krankenhaus, seine Frau Eva nahm sich das Leben. Er musste sich in kleinen Schritten das Schreiben wieder beibringen, sich als Schreibender neu erfinden; 1966 lernte er Marina Kamin kennen, mit der zusammen er mehrere Kinderbücher für den gemeinsamen Adoptivsohn Nenad schuf.

Diese Neuerfindung führte nicht nur zu seinen fruchtbarsten und vielleicht glücklichsten Jahren, in denen das Leben auch mal wichtiger war als das Werk. Sie führten auch zu seinem wichtigsten Buch, dem „Schattenfotografen“ (1978). Hier erzählt er nicht nur von der Überwindung seiner Krankheit, von seiner neuen Kleinfamilie, die zeitweise von einer Krebserkrankung Marinas bedroht war. Es handelt sich um ein Aufzeichnungswerk, in dem er sich mit Walter Benjamin, Kafka, Ernst Bloch auseinandersetzt, seine eigenen Aphorismen sammelt,. Anders als Lichtenbergs Sudelbücher oder Brechts Arbeitsjournal ist der „Schattenfotograf“ auch durchkomponierte Erzählung, eine Summe der eigenen Existenz. Ein Lebensbuch, mit dem die Auseinandersetzung immer wieder lohnt; Schnurre hat hier all seine Vielfalt und seine Selbstzweifel in eine gültige Form gebracht.

Gegenüber all den politischen und anderen Bäckern, die ihre Brötchen in den Social Media anbieten, rückt Schnurre uns mit seiner Selbstbeschreibung nah: Er sieht sich als „E verschütt Bsom-Büchs“, eine verschüttete Gewürzbüchse, „Jiddisch; genauer: Frankfurterisch und verdorbenes Hebräisch ... Ein Mensch, ohne Lern- und Denkmethode; nur hier und da mal genassauert; und das muß er nun, beim geringfügigsten Anlaß, in einem Buch beispielsweise, auch noch verschütten.“ (Von Sven Hanuschek)

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