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Schnecken & Fragmente von Balthasar Burkhard

Balthasar Burkhard, der mit neunzehn Jahren Die Alp fotografierte und im Jahr darauf ein Eidgenössisches Stipendium für angewandte Kunst erhielt, das ist der

Von ULF ERDMANN ZIEGLER

Balthasar Burkhard, der mit neunzehn Jahren Die Alp fotografierte und im Jahr darauf ein Eidgenössisches Stipendium für angewandte Kunst erhielt, das ist der Beginn einer durchaus typischen Schweizer Karriere. Denn die Schweiz fördert ihre Künstler, und die Künstler, gefordert, gehen sehr spezielle Wege und pflegen ihre Werke bis zum Feinschliff: Markus Raetz, Hannah Villiger, Franz Gertsch.

Burkhard nun, der eine fotografische Lehre absolvierte, bekam in seiner Geburtsstadt Bern genug Gelegenheit, Künstlern bei der Arbeit zuzusehen: Als Chronist der Kunsthalle, dann als Begleiter von Harald Szeemann begann er in den sechziger Jahren eine umfangreiche Dokumentation künstlerischer Arbeit, der für den Katalog seiner Ausstellung OMNIA (Kunstmuseum Bern bis zum 24. Oktober, zu seinem sechzigsten Geburtstag) einige frontale Künstlerportraits entnommen sind. Sie stören. Denn Burkhards freie Arbeit handelt am wenigsten von zwei Augen, die den Betrachter fixieren. Sie betreibt, im Gegenteil, Abwendung oder Introspektion.

Ihn interessiert nicht der, sondern das Moment der Wandlung in einem ruhenden Objekt. Ihm reichen acht Meter Mischwald, um das Immergrün als Geist und das Laub als Kulisse zu deuten. In der Tiefe einer Bambusschonung kippt die Zeichnung mancher Stämme in die Kontraste des fotografischen Negativs. Am Himmel über dem Rio Negro braut sich Druckerschwärze zu einer Verneinung zusammen; zur Verneinung, dass man die Zeit anhalten könne.

Manchmal erteilt sich dieser Fotograf schroffe Lektionen: Ein beast from the air schwebt in einem kahlen Baum der namibischen Steppe. Durch das Bildpendant, eine wandernde Giraffe im Profil, erkennt man das Biest im Baum als Kopffragment eines ansonsten gefressenen Leibs. Kindern ist Burkhard bekannt durch sein phantastisches Ringbuch "Klick", sagte die Kamera, seine Tierprofile im Freiluftatelier; Nashorn, Lama, Wolf & Co. Im Zusammenhang seiner Akte und Naturstudien, bar der pfiffigen Textbegleitung, schimmert in den Tierportraits nun etwas Tragisches durch.

Die Grübelei hilft dieser von Schwärzen getränkten Fotografie auf - sie zieht an gegen den Sog des guten Geschmacks. In der vertrackt rituellen Ordnung japanischer Gärten ist zu ahnen, dass Burkhard der Schönheit zu schmeicheln versucht ist; hinter die Maske der Geisha blicken zu wollen, ist ein geradezu rührendes Unterfangen.

Während der Fotograf von Ort zu Ort, vom Ding zur Ansicht springt, erkennt man bisweilen die Zeitgenossen, Coplans, Villiger, Mapplethorpe. Fotografisch nah, in seiner Suche nach der Bruchstelle von Licht und Materie, ist er vielleicht nur dem amerikanischen Sonderling James Welling. Was Balthasar Burkhard wann und zu welchem Zweck fotografiert hat, erklärt in - ebenfalls Schweizerischer - Gründlichkeit Matthias Frehner, der, typisch für Novizen der fotografischen Kritik, in den weltanschaulichen Verweisen sicher ist, aber mit dem Medium hadert: "Fotografische Kunst ist Interpretation dessen, was sie abbildend vergegenwärtigt." Die Interpretation ist es aber nicht, was die Kunst von Journalismus und Werbung unterscheidet ("Escargot", 1991, unser Bild).

Überhaupt, man könnte dieses Werk auch über die zwei Anzeigenseiten angehen, die USM als "Sponsor" dem Katalog hintanstellt. Da ist Burkhard dann plötzlich ein kommerzieller Fotograf. Seine Kunst - die Abwendung - ist nämlich durchaus eine Reaktion auf den Zwang, "angewandter" Fotograf zu sein. Sie bleibt, trotz des Glitzerns, Anti-Glamour; wenn man will: Poesie aus der Notwendigkeit, die Prosa schon verkauft zu haben.

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