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Ana Schnabl. 

Slowenische Erzählungen

Ana Schnabl „Grün wie ich dich liebe, Grün“: Blicke in den gläsernen Käfig

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Teilnahmslos, aber unheimlich im Bilde: Erzählungen der slowenischen Autorin Ana Schnabl.

Wirkliche Probleme kann man nicht lösen: Für jemanden, der Menschen von Berufs wegen helfen will, ist das eine vernichtende Einsicht. Dahin, wo die Kunst des Seelendoktors nicht mehr reicht, gelangt aber immer noch die Literatur; das ist der Trost. In zehn packenden, teils ganz kurzen Erzählungen hat sich die slowenische Autorin Ana Schnabl, Psychologin von Beruf, an und über die Grenzen ihres Fachs getraut. Wir begegnen tiefer Scham, auswegloser Verzweiflung, unaufhaltsamem Verfall, alles undramatisch – und in ein lebendiges Deutsch übersetzt – erzählt.

Das Buch:

Ana Schnabl: Grün, wie ich dich liebe, Grün. Erzählungen. A. d. Slow. v. Klaus Detlef Olof. Folio, Wien/Bozen 2020. 174 S., 20 Euro.

Meistens protokolliert das innere Geschehen ein Ich-Erzähler oder eine Ich-Erzählerin. Was die Figuren selbst zu berichten haben über ihre Erlebnisse, Gefühle und Gedanken, geht tiefer als das, was der Therapeut an der Couch erfragen würde. Alexander etwa, der traurige Held der mit Abstand längsten Geschichte, protokolliert seinen Abstieg als exzessiver Marihuana-Konsument von der Pubertät bis ins junge Erwachsenenalter in Form einer Rede an ein fiktives Publikum. Schlimm ist, dass er seinen Zustand so gut kennt, seine Leere genau beschreiben kann. Er hat selbst in besseren Tagen mal mit dem Psychologie-Studium angefangen und weiß über sich Bescheid. Von Kindern, die alles haben und trotzdem leiden, sagt man, sie seien wohlstandsverwahrlost. Schnabls Protagonisten sind bildungsverwahrlost. Sie wissen alles, aber es hilft ihnen nicht.

Manchmal ist die Genauigkeit schwer zu ertragen. In der ersten Geschichte steht eine depressive, dicke, ungepflegte Frau eine quälende Viertelstunde lang in der Schlange vor dem Schalter einer Apotheke, vergleicht sich mit den anderen Wartenden und schämt sich. Würde man ihr begegnen, würde man denken: Sie hat sich aufgegeben. Hat sie aber nicht; das macht es umso schlimmer. Ein anderes Mal fühlt sich eine Mutter mit dem Neugeborenen an ihrer Brust beim Stillen wie „eine Fabrik, die von jemand anders verwaltet wurde“, umgeben von einem treuen, lieben, zunehmend entgeisterten Ehemann und vorwurfsvollen Krankenschwestern. Manchmal, wie in dem titelgebenden Bericht von einem Seitensprung, lernen wir einfach nur etwas. Als die Ich-Erzählerin zu ihrem Ehemann zurückkehrt, ist er ihr fremd. Das wundert einen nicht. Aber ihr Mann ist ihr nicht fremd-fremd. Er ist auf einmal aufregend fremd. Liebe, fragt man sich hier, was ist das? Wem gilt sie eigentlich?

Schuld gibt es in den Geschichten nicht, keine Täter, keine Opfer. Umstände gibt es schon, aber sie sind mehr oder weniger Kulisse. Meistens sind es Berichte aus den Tiefen der Persönlichkeit. Auch diejenigen unter den Geschichten, in denen Menschen interagieren und wo etwas geschieht, nehmen ihre Dynamik aus den inneren Vorgängen. Wir Leser können sie aus dem Geschehen nur ableiten – aus dem Gespräch des Sohnes mit der moribunden Mutter, den Beobachtungen einer Kinderfrau an dem hyperaktiven Mädchen, das sie betreut, den Streit eines Ehepaars bei Gewitter. Ana Schnabl beobachtet ihre Figuren teilnahmslos und kennt sie dabei so gut, dass es einem unheimlich werden kann. Auf das nächste Werk darf man gespannt sein.

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