Gerhard Roths Autobiografie "Das Alphabet der Zeit"

Nua ka Schmoez ned

Gerhard Roth ist ein Zyklen-Erzähler, der beharrlich, seit Jahrzehnten, seine Themen in unterschiedlichen Formen umkreist: sieben Bände "Die Archive des

Von SVEN HANUSCHEK

Gerhard Roth ist ein Zyklen-Erzähler, der beharrlich, seit Jahrzehnten, seine Themen in unterschiedlichen Formen umkreist: sieben Bände "Die Archive des Schweigens" über die weniger glorreiche österreichische Vergangenheit, mittlerweile fünf Bände "Orkus" über die Wiederherstellung der österreichischen Identität durch die Aufklärer und Aufdecker einer falschen geschichtlichen Erinnerung. Nun hat er den "Orkus"-Zyklus durchbrochen; statt eines angekündigten sechsten Romans "Die Stadt" über einen Schriftsteller, der seine Memoiren schreibt, hat der Schriftsteller Roth seine eigene Autobiografie geschrieben, von der ersten Erinnerung an einen Fliegerangriff 1945 bis zur Teilnahme an einer Gehirnsektion im Medizinstudium 1963.

Die Rückkehr der Erinnerung

"Das Alphabet der Zeit" hat zwei Leitmotive: die Täuschungen, das Zurechtgemachte, Erfundene der Erinnerung, die "eine Fata Morgana in der Wüste des Vergessens" sei, so das Motto des Buches; und eine zusammen mit dem Bruder in ihre kleinsten Einzelteile zerlegte Uhr, deren Rädchen und Schräubchen sinnlos durcheinanderkullern und dann verschwinden, bis sie der über 60-Jährige nach der Beerdigung dieses Bruders von einem Onkel wiederbekommt und sie tatsächlich noch reparieren lassen könnte.

Auch seine Kindheit und Jugend scheint jahrzehntelang verschwunden. Erst in den letzten Jahren sei sie aus der Erinnerung in immer weiteren, immer bestürzenderen Einzelheiten wiedergekommen, mit dem Ergebnis einer "Momentaufnahme" der Erinnerung auf mehr als 800 Seiten.

Der Erzähler Roth hat die Fähigkeit, trostlose, melancholische Protagonisten zu entwerfen, denen der faszinierte Leser nicht entkommen kann. Diese Faszinationskraft entwickelt im vorliegenden Buch der Prolog - die Beschreibung des Angriffs auf die fliehende Mutter mit ihren drei Kindern, die "wahre Geburt" des Zweieinhalbjährigen - und mehr noch der Ausblick am Schluss, über den Tod der drei Menschen, die ihm am nächsten standen: seine Großmutter von väterlicher (1970), sein Großvater von mütterlicher Seite (1973), sein Bruder Paul (2001).

Entstehung eines Schriftstellers

Dazwischen liegen 720 Seiten höchst disparater Erinnerungen mit Längen, Höhepunkten und einer oft allzu nüchternen Sprache. Auch wenn Roth H. C. Artmanns Vers "nua ka schmoez ned" ("nur keinen Schmalz") als Ratschlag für sein Leben empfindet - hier hat er sich in der Bemühung um Distanz allzu sehr zurückgehalten. Gleichwohl liest sich das Buch schnell, der Strom der Erinnerung ist in kleine und kleinste Abschnitte "getaktet". Man liest sozusagen die Entstehung eines Schriftstellers, der einen am Schluss belohnt, indem er zeigt, wer er (geworden) ist.

Das Tastende, in der eigenen Vergangenheit sich Preisgebende ist dabei sehr sympathisch, der Autobiograf geht offen und kritisch mit seiner vergangenen Person um, erwähnt seine späte Rettung durch literarische Werke, die prägenden Kinofilme, Masturbationserlebnisse, die Quälereien in der Schule durch Mitschüler und Lehrer, wo er sich als schlechter Schüler faul und dumm vorgekommen sei, "was ja den Tatsachen entsprach". In der Schule seien die Kinder wie die Narren behandelt worden; die einzige Kunst, die er in der Schule wirklich gelernt habe, sei die "Verstellungskunst" gewesen. Roth beschreibt eine keineswegs singuläre Kindheit unter autoritären Verhältnissen.

Es gibt zwar Erinnerungen, die wenige Menschen mit ihm teilen werden: Er sah, wie eine Fahrradfahrerin von einer Straßenbahn durchtrennt wurde; litt darunter, bis zum 14. Jahr Steireranzüge und -hüte tragen zu müssen, die er lächerlich fand. Und nicht viele werden das Glück gehabt haben, im Clown Charlie Rivel den ersten Philosophen ihres Lebens kennengelernt zu haben. Aber die für ihre Generation doch wohl repräsentativen Eltern trugen die Prägungen ihrer eigenen Vergangenheit und ihrer Kompromisse im Austrofaschismus und im "angeschlossenen" Österreich selbstverständlich weiter. Roth hat im Zuge der Recherchen für sein Buch die NSDAP-Zugehörigkeit seines Vaters ermittelt und dazu einen verschwiegenen Halbbruder in den Akten entdeckt, aber nicht mehr kennenlernen können. Über alle politischen Systeme hinweg diagnostiziert Roth an seinen Eltern den Willen zur Anpassung, unauffällig und anerkannt leben zu wollen wie alle anderen auch, "zu sein wie die anderen, die aber auch nur sein wollten wie die anderen". Hier fällt der vielleicht wuchtigste Satz des Werks: "Bis zu ihrem Tod begriffen meine Eltern nicht, dass es die anderen nicht gibt."

Zwei Liebeserklärungen

"Das Alphabet der Zeit" ist auch eine Liebeserklärung an die Großmutter, die ihn früh für einen "Künstler" hielt, die für sich gedichtet und philosophiert und mit dem Kind zusammen Fantasiebücher gemalt und geschrieben hat; und an den Großvater, einen weit gewanderten Glasbläser und begeisterten Schachspieler, der als alter Sozialdemokrat und Marx-Leser zur politischen Instanz geworden war und die Verwirrung, die das Elternhaus im Kopf des Jungen angerichtet hatte, etwas lichten konnte.

Nach seinem Tod findet Roth einen gläsernen Briefbeschwerer, den sein Großvater geblasen hatte, und er erinnert sich an dessen Erzählung vom Atem: "Die Glasbläserkunst sei eine Atemkunst, der Atem hauche dem Gebilde bei seinem Entstehen Leben ein. Ein von einem Glasbläser erzeugter Gegenstand enthalte daher immer etwas vom Glasbläser selbst. … Dass der Atem meines Großvaters in dem gläsernen Gegenstand eingeschlossen war, machte ihn zu einer beseelten Atemurne."

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