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Mit Schminke und Ironie

Das Rollenbild vom Diener, Sklaven und Wilden: Ein Sammelband gibt Aufschluss über Rassismus gegen die schwarze Bevölkerung in Deutschland

Von JONAS BERHE

Als Ende der achtziger Jahr das Buch Farbe bekennen heraus kam, galt es als erste und sogleich wegweisende Artikulation afro-deutscher Frauen zu ihrer eigenen Geschichte in Deutschland. Gleichzeitig gab das Buch wichtige Impulse für weitere Arbeiten und die Selbstorganisierung schwarzer Menschen in Deutschland. Mittlerweile sind die Jahre vergangen. Schwarze sind hierzulande vor allem medial präsent und gelten oftmals als Indikatoren einer wachsenden Integration.

Der vom AntiDiskriminierungsBüro Köln (ADB) und cyberNomads, einer in Berlin ansässigen schwarzen Medienagentur herausgegebene Band, TheBlackBook ist in gewisser Weise eine Fortführung von Farbe bekennen. Wieder geht es um schwarze Menschen in Deutschland, ihren Alltag, Formen der Selbstorganisierung und ihre gesellschaftlichen Kämpfe. Schließlich sieht die weiße Mehrheit in erster Linie sich selbst, wenn sie von der Bevölkerung des Landes spricht. Das Buch versammelt 41 Aufsätze; mehrheitlich aus der Feder von Schwarzen. HistorikerInnen, KulturwissenschaftlerInnen, KünstlerInnen und MuskikerInnen stellen die Frage nach den unterschiedlichen Spielarten von Rassismus und wirksamem Gegenstrategien der Gegenwart. Der Wurf gerät dabei wohltuend weit. Deutsche Kolonialgeschichte, Selbstorganisierung, Antirassismusarbeit, Mediale Präsenz, Kunst und Self-Empowerment bilden den Rahmen der Beiträge.

Netzwerke sicherten Leben

Die Berliner Historikerin Katharina Oguntoye befasst beispielsweise mit "Afrikanischer Zuwanderung nach Deutschland zwischen 1884 und 1945". Weniger die Frage nach konkreten Zahlen und Daten ist es, die sie in ihrem kurzen Abriss interessiert. Der Fokus liegt stattdessen auf dem Alltag der Einwanderer während der Kaiserzeit, der Weimarer Republik und der Zeit des NS Regimes. Vor allem die Frage nach den sozialen Netzwerken, die oftmals das tatsächliche Überleben sicherten, sind es, die Oguntoye bearbeitet. Bei ihren Recherchen stieß sie aber nicht nur auf Zeichen von Ausbeutung und Ausgrenzung während der verschiedenen politischen Systeme. Oguntoye berichtet auch von frühen Formen afrikanischer Selbstorganisierung, beispielsweise durch "Die deutsche Sektion der Liga zur Verteidigung der Negerrasse", ein während der Weimarer Republik von Afrikanern in Deutschland ins Leben gerufener Zweig einer Menschenrechtsorganisation mit Hauptsitz in Paris.

Die Kulturwissenschaftlerin Peggy Piesche rekapituliert die Entwicklung der visuellen Kunst der DDR. Sie sucht vor allem nach den Bebilderungen des "Anderen"/"Fremden". Alte und hierzulande wohl eher unbekannte DEFA Filme wie Die Geschichte des kleinen Muck (Wolfgang Staudte, 1953) oder Die Söhne der großen Bärin (Jochen Mach, 1966) unter anderem dienen ihr hierbei als Quellen. Obwohl sie auf Blackface-Elemente stößt, also überzogen schwarz geschminkte Gesichter, die zur Verhöhnung schwarzer Menschen herhalten mussten, geht sie nicht davon aus, dass der DDR-Film diese ungebrochen aus dem USA-Kontext übernommen hat. Vielmehr glaubt sie an ein "ironisches Paradigma von gleichzeitiger Präsenz und Abstinenz von schwarzen Images in einem öffentlichen Diskurs". Schließlich, so Piesche, werden aus den "ethnisch" kodierten Zuschreibungen mittels Farbspielereien "ethisch" begründbare. Rollen als Diener, Sklaven und Wilde wirkten im Zusammenspiel mit Schminke und Setting über die eigentliche Inszenierung hinaus.

Nana Odoi sieht vor allem im Fehlen von Antirassismusgesetzen ein Manko im deutschen Strafrechtssystem. Nur die Aufnahme entsprechender Paragraphen könne nach Meinung der Sozialarbeiterin und Anthropologin ein wirksamer Schutz für Menschen sein, die mit juristischen und strafrechtlichen Strukturen konfrontiert werden, welche wiederum geprägt seien von institutionellem Rassismus. Dieser wäre historisch aus gesellschaftlichen "Macht- und Gewaltverhältnissen" erwachsen und sei in seiner Beschaffenheit "unsichtbar" und wirke oftmals gar "unbewusst".

Warum ein in deutschen Behörden, Schulen und Arbeitsplätzen verankerter Rassismus aber ausschließlich schwarze Menschen treffen soll, und nur von diesen kann Odoi in ihren Fallbeispielen berichten, erklären ihre Thesen nicht. Grund, um an der besonderen Manifestation dieses Rassismus und ihren Überlegungen hierzu zu zweifeln, liefert ihre Leerstelle nicht.

Mit Sicherheit ist das Fehlen von (theoretischen) Brücken zu Rassismustheorien, die im Kontext der Anwerbung von Arbeitskräften der so genannten Gastarbeiter-Ära entstanden sind, die größte Schwäche des Buchs. Schließlich gehen viele Debatten, die auch die schwarze Bevölkerung - sei sie immigriert oder nicht - betreffen, auf diese Zeit und auf spätere Auseinandersetzungen rund um die Asylgesetzgebung zurück. Auch wenn es die Herausgeber versäumen, eine kritische Auseinandersetzung mit der Kategorie "Schwarz" zu führen, ist TheBlackBook vor allem der erfolgreiche Versuch, die Vielschichtigkeit der hiesigen Community zu postulieren und ihre politischen Angriffe auf den teutonischen Rassismus zu erklären.

Eigene Geschichte zu schreiben, kann den Vorwurf einer Essentialisierung des Schwarz-Seins, vor der schon Frantz Fanon mit Blick auf Leopold Senghors und Aimé Césaires Konzept der Négritude warnte, vorerst sicher verkraften. Somit ist das Buch eine Werkzeugkiste im besten Sinne und deutliches Signal an die restliche Bevölkerung.

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