+
Jerzy Giedryoc, Verleger und Herausgeber der "Kultura", im Jahr 2000, kurz vor seinem Tod.

"Kultura"

Schmiede des Antikommunismus

  • schließen

Die Geschichte der polnischen Exilzeitschrift "Kultura" lässt sich nicht in wenigen Worten erzählen. Schriftsteller Artur Becker schreibt über Bernard Wiadernys Buch "Schule des politischen Denkens" - und nicht nur.

In jeder Bibliothek gibt es irgendwelche Goldschätze und Heiligtümer. Bei mir zu Hause in Verden bei Bremen auch: In einem Bücherregal stehen ausschließlich die berühmten „Kultura“-Monatshefte und Bücher des Institut Littéraire aus den Jahren 1979 bis 2000, und ich bin auf diese exklusive Sammlung sehr stolz, vor allem dann, wenn ich sie wieder einmal meinen Gästen präsentieren kann – es ist mittlerweile eine Art Ritual geworden.

In der Volksrepublik Polen sprach man den Namen der polnischen Exilzeitschrift aus Paris mit Ehrfurcht aus, waren doch die Monatshefte und die sogenannten „Historischen Blätter“ wie auch die regulären Bücher des „Kultura“-Verlages, des besagten literarischen Instituts, verboten. Sie mussten über die Grenze geschmuggelt werden, und die Buch- und Magazinausgaben in der Samisdat-Form waren so klein wie Taschenkalender, sodass man die eng bedruckten Seiten nur mit einer Lupe lesen konnte. Diese besonderen Ausgaben, die in eine Hosentasche passen, ließen sich leichter verstecken, und auch sie gehören zu meiner ehrwürdigen Sammlung. Jedes Mal, wenn  ich mir die Hosentaschenheftchen anschaue, muss ich an die Schmuggler denken, an die sogenannten „Tatarnicy“, die in den Jahren 1969 und 1970 die tschechisch-polnische Grenze in der Region des Tatra-Gebirges passierten, um in jener revolutionsträchtigen Zeit die jungen Intellektuellen wie zum Beispiel die Dissidentin Irena Lasota und ihresgleichen mit neuesten Artikeln aus der „Kultura“-Redaktion zu versorgen, zum Beispiel über die Studentenproteste im März 1968.

2000 erschien das letzte Monatsheft der „Kultura“, im selben Jahr verstarb auch ihr eigenwilliger Herausgeber Jerzy Giedryoc – im hochbetagten Alter von 94 Jahren.

Das Institut Littéraire und seine Autoren

Die Geschichte des polnischen Exilverlages Institut Littéraire aus Maisons-Laffitte bei Paris lässt sich nicht in wenigen Worten erzählen, dafür waren die Kreise der Publizisten, die für Giedryoc geschrieben haben – über ganze Jahrzehnte muss man dazu sagen, nämlich seit dem Gründungsjahr des Pariser Instituts 1947 –, viel zu groß, wobei die meisten Autoren der „Kultura“ auf der ganzen Welt verstreut lebten: Czeslaw Milosz in Berkeley, Andrzej Bobkowski in Guatemala, Witold Gombrowicz in Buenos Aires, Józef Mackiewicz in München, Juliusz Mieroszewski in London, Bohdan Osadczuk in Westberlin, Jerzy Stempowski in Bern, Gustaw Herling-Grudzinski in Neapel und so weiter. Hinzu kommen noch ausländische Publizisten und Schriftsteller, wie zum Beispiel Arthur Koestler oder James Burnham, die in den Vierziger- und Fünfzigerjahren mit der „Kultura“ intensiv zusammengearbeitet hatten, natürlich deshalb, weil sie alle ein gemeinsames Ziel hatten: Die Bekämpfung des kommunistischen Regimes in Osteuropa. Aber der „Kultura“ gelang es auch, Alexander Solschenizyn für eine Zusammenarbeit zu gewinnen, da sich der russische Schriftsteller selbst für die Freiheit der Ukraine ausgesprochen hatte, obgleich blutenden Herzens, wie er Giedryoc einmal gestand.

Giedryoc und seine wichtigsten Mitarbeiter lebten im Verlagshaus, in einer alten Villa in Maisons-Laffitte vor den Toren von Paris, die gleichzeitig für viele Emigranten und Aussätzige die erste Anlaufstelle in der Not gewesen ist: Czeslaw Milosz oder Marek Hlasko fanden als frisch gebackene Exilanten im Institut einen Unterschlupf.

Ich besitze auch ein wunderbares Porträt der Redaktionsmannschaft von Giedryoc und ihm selbst, etwas satirisch gezeichnet durch den polnischen Künstler Henryk Zegadlo, der als Emigrant 1979 bis 1980 ebenso Gast in Maisons-Laffitte gewesen war: Er half Zofia Hertz, der engsten Mitarbeiterin von Giedryoc,  bei der täglichen, zeitraubenden Postarbeit; die Versendung der Zeitschrift und der Buchpublikationen in aller Herren Länder war eine logistische und körperliche Leistung, die über Jahrzehnte von einer zierlichen Dame, einem ordentlichen Redaktionsmitglied obendrein, gebracht wurde; jedenfalls bezeichnete Zegadlo, der bis heute als klassischer Vertreter der naiven Kunst, des typisch polnischen Genres, gilt, seine Chefin oft als eine strenge Frau, so streng wie die Gestapo, was man heute leicht missverstehen kann, bedenkt man, dass Zofia Hertz aus einer polonisierten, jüdischen Familie stammte, doch der schwarze, sarkastisch-gottesfürchtige Humor Zegadlos war damals typisch für viele Polen, eben nicht nur für Emigranten.

In diesem antikommunistischen Verlagshaus lebte auch noch Józef Czapski, der bekannte Maler, Kunsthistoriker und Publizist und ehemaliger Soldat der Anders-Armee, dem es 1940 gelungen war, dem Massaker von Katyn zu entkommen.

Der deutsch-polnische Historiker Bernard Wiaderny schreibt in seinem neusten, umfangreichen Buch „Schule des politischen Denkens“, das die Geschichte der „Kultura“ und ihres Kampfes um die Unabhängigkeit Polens im Kommunismus erzählt und analysiert: „Czapski lernte Giedryoc bereits im Irak kennen (…). In der militärischen Hierarchie viel höher platziert, ermöglichte er dank seiner Verbindungen den Aufstieg Giedryocs. (…) Auch bei der Eröffnungssitzung des Kongresses für kulturelle Freiheit 1950 in West-Berlin war seine Anwesenheit viel wichtiger als die von Giedryoc.“

Czapski war aufgrund seiner adligen und multinationalen Herkunft ein Polyglott und verfügte weltweit über exzellente Kontakte, so auch zu James Burnham, dem amerikanischen Soziologen und Politologen, der in der Anfangsphase der „Kultura“ auch für das finanzielle Überleben des Instituts und der Zeitschrift eine wesentliche Rolle gespielte hatte. Zur Trennung kam es zwischen Giedroyc bzw. der „Kultura“ und Burnham erst 1956 nach der blutigen Niederschlagung der Proteste gegen die Kommunisten in Poznan und Budapest, obgleich die Freundschaft mit dem Amerikaner bis zum Tod des Letzteren im Jahre 1987 gehalten hatte.

Giedryoc und sein Hauptpublizist Juliusz Mieroszewski, bekannt auch als der „Londoner“ (Londynczyk) und Übersetzer von George Orwells Roman „1984“ ins Polnische, wandten sich damals von der proamerikanischen Haltung ab, da sie begriffen hatten, dass die USA im Kampf gegen den Kommunismus kein verlässlicher Partner waren. An diesem Beispiel sieht man auch, wie konsequent das Tandem Giedroyc-Mieroszewski war, was die Suche nach richtigen Mitstreitern und Unterstützern der „Kultura“ anging. Insofern sollte man heute Donald Trumps Alleingang nicht überbewerten, man sollte eher an die Worte von Joseph Brodsky denken, der immer wieder daran erinnert hat, dass die USA ähnlich wie Russland ihr imperiales Denken als ein Imperium nie loswerden würden.

Das unsichtbare Buch

Bernard Wiadernys Buch ist im deutschsprachigen Raum einmalig, weil bisher noch niemand ein so umfangreiches und vor allem in allen politischen und historischen (kulturgeschichtlichen) Kontexten erschöpfend geschriebenes Werk über die Exilzeitschrift “Kultura“ und ihre Rolle bei der Niederwerfung des Kommunismus in Polen veröffentlicht hat. Im Westen nennt man die „Kultura“ nur selten in einem Atemzug mit Papst Johannes Paul II. und Lech Walesa, geht es um die Hauptakteure des Kampfes gegen den Kommunismus in der ehemaligen Volksrepublik Polen.

Aber Wiadernys Buch gehört auch zu den unsichtbaren Büchern, die vor allem von Historikern, Publizisten und Schriftstellern gelesen werden – mit anderen Worten: von Spezialisten. Und diese können natürlich haarspalterisch und sehr kritisch sein, ja, besserwisserisch. Ich bin solch ein strenger Richter nicht, und wenn mich etwas an diesem Buch ein wenig gestört hat, dann vielleicht nur die Tatsache, dass der Schriftsteller und Publizist Gustaw Herling-Grudzinski bei Wiaderny etwas zu kurz gekommen ist, zumal der Autor von „Welt ohne Erbarmen“, dem berühmten Gulag-Lager-Bericht von 1951, Giedroycs Versöhnung mit den polnischen Exkommunisten nach 1990 nicht akzeptiert hatte, sodass es zwischen den einstigen Freunden und Weggefährten zu einer Trennung kam – einer symptomatischen Trennung, die in der polnischen Gesellschaft geradezu typisch ist und bis heute wirkt, was die politische Beurteilung der Verhandlungen am „Runden Tisch“ im Jahre 1989 angeht.

 Doch was hat nun genau Wiaderny in seinem Buch ausgearbeitet? Um diese Frage zu beantworten, müssen wir wieder zu dem eigenwilligen Chefredakteur der „Kultura“ zurückkehren. 

Jerzy Giedryocs geniales Händchen für glückliche Griffe

Giedroyc, Jahrgang 1906, war ein Anhänger von Józef Pilsudski, daher kam auch seine linksorientierte, jedoch zum Autoritären neigende Haltung, aber er verabscheute den Nationalismus und vor allem die „Endecja“, die polnische Nationalistenbewegung von Roman Dmowski. Mit dem Realsozialismus hatte er keinerlei Erfahrungen gemacht, Polen verließ er bereits 1939 – über Rumänien, die Türkei und Palästina. Als polnischer Soldat kämpfte er bei der Verteidigung von Tobruk, und in der Anders-Armee setzte er seine politische Arbeit als Offizier fort, die an seine Erfahrungen vor dem Zweiten Weltkrieg anknüpften, als er Redakteur bei „Bunt Mlodych“ (Junge Revolte), der späteren „Polityka“ (Politik), gewesen ist.

Im Irak lernte Giedryoc auch die „strenge“ und kluge Zofia Hertz kennen, die schon 1943 seine Sekretärin wurde – sie blieb ihm bis zu seinem Tod treu, wie viele andere Mitgefährten.

Aber um diese faszinierende Gestalt des polnischen Jahrhunderts und der polnischen Exilgeschichte zu verstehen, reicht es nicht, Giedryocs politischen und intellektuellen Werdegang zu beschreiben. Er war ein strenger und oft apodiktischer Mann und Verleger, der selbst so einem exzentrischen und eigensinnigen Dichter wie Czeslaw Milosz eine scheinbar grandiose literarische Idee aus dem Kopf schlagen konnte. Ohne Giedroycs Beharrlichkeit im Schreiben der Briefe an einflussreiche Literaten, Kritiker und Juroren hätte Milosz den Nobelreis für Literatur 1980 sicherlich nicht bekommen. Liest man die Briefe, die Giedryoc an Milosz oder seinen treuesten, eloquentesten und spitzfindigsten Publizisten Juliusz Mieroszewski geschrieben hat, scheint es so als sei Giedryoc ein unkorrumpierbarer politischer Denker gewesen, aber im täglichen Umgang und Gespräch musste er eine Neigung zur Tyrannei besessen haben.

Dabei war Giedryoc ein freiheitsliebender Mann, der viele Jahrzehnte darauf verwendet hatte, aus der „Kultura“ im Prinzip ein linkes Blatt zu kreieren, was im Westen nicht einfach gewesen ist, vor allem in der Zeit, in der die westliche Linke unter der Ägide von Jean-Paul Sartre die sowjetisch-stalinistischen Verbrechen gern unter den Teppich kehrte, was zum Beispiel der kritische Sozialist und Autor Ignazio Silone, ein Freund von Herling-Grudzinski und der „Kultura“, nicht tat. Schließlich galt man als polnischer Antikommunist im Westen der Fünfziger- und Sechzigerjahre, eben nicht nur in den Kreisen der Linken, als ein verdächtiges Subjekt, was Milosz auf eigener Haut wohl am stärksten erfahren hatte.

Die Beziehungen der „Kultura“ zu den Nachbarn im Osten

Wiaderny konzentriert sich in seinem Buch auf die Beschreibung und Analyse der publizistischen Zusammenarbeit Giedryocs mit dem Londoner Mieroszewski und dem Brüsseler Emigranten Leopold Unger, dem polnischen Journalisten und Essayisten jüdischer Herkunft. Außerdem beschäftigt er sich ebenso intensiv mit den publizistischen und journalistischen „Kultura“-Beiträgen des Berliners Bohdan Osadczuk, dessen Arbeit vor allen Dingen im Kontext der polnisch-ukrainischen Versöhnung wichtig ist; Osadczuks Augenzeugenberichte aus Westberlin, vor allem aus der Zeit des Mauerbaus, gehören zu den besten Beiträgen in der „Kultura“. Er hatte in der Zeit interessanterweise auch für die NZZ geschrieben, und an dieser Stelle muss man sich eine Digression erlauben: Osadczuk war Mentor von Basil Kerski, dem heutigen Redakteur des deutsch-polnischen Magazins „Dialog“ aus Berlin sowie dem Direktor des „Europäischen Solidarnosc-Zentrums“ in Danzig, und damit kann man besser verstehen, wessen Geistes Kind Basil Kerski ist – im Zusammenhang mit der europäischen Völkerverständigung.  

Außerdem beschreibt der deutsch-polnische Historiker ausschöpfend informativ und sachlich korrekt den Kampf der „Kultura“ um die Versöhnung zwischen Polen und Russland, dann zwischen Polen und Deutschland sowie, was schon erwähnt wurde, zwischen Polen und der Ukraine. Giedryocs und Mieroszewskis bekanntes politisches Konzept von 1974, dass die Unabhängigkeit der Ukraine wie auch Litauens und Weißrusslands („ULB“ genannt) ein für die Souveränität Polens unabdingbarer Faktor sei, ist heute erneut erstaunlich aktuell, bedenkt man, dass seit 2014 in der Region von Donezk der Krieg immer wieder ausbricht oder dass die Reibereien zwischen der rechtskonservativen PiS-Regierung in Polen und den die UPA verehrenden Ukrainern praktisch zum Alltag geworden sind, obwohl auf dem Spiel eben viel mehr steht als bloß eine neue bzw. „wahrhaftigere“ Geschichtsschreibung der genannten Protagonisten.

Deutschland und die Oder-Neiße-Grenze

Für den deutschsprachigen Leser sind natürlich äußerst interessant die Seiten in Wiadernys Buch, die sich mit der Problematik der Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze durch die Bundesrepublik Deutschland beschäftigen. Eine leidvolle Geschichte … Eines muss man aber bei Giedryoc und Mieroszewski bewundern: Sie begriffen schnell, dass die Souveränität Polens nur über ein gutes Verhältnis zu Deutschland und zwar einem vereinigten und freien Deutschland möglich werden konnte; allerdings sah das „Kultura“-Tandem den endgültigen Bruch mit dem Revanchismus als eine Vorbedingung für die Vereinigung Deutschlands und die Freiheit Polens an. Gleichzeitig – was eben nicht nur ein Beispiel des Pazifismus der „Kultura“ ist – distanzierten sich Giedryoc und sein Londoner Publizist davon, „das Prinzip der kollektiven Verantwortung im Umgang mit den Deutschen“, wie Wiaderny es formuliert, anzuwenden.       

Liest man allerdings Leopold Ungers 1982 in der „Kultura“ publizierten Essay „Deutschland, Deutschland …“ (Nr. 1/414), gewinnt man den Eindruck, dieser könnte auch heute noch einmal erscheinen, jedoch in einer rechtskonservativen Zeitschrift in Polen. Unger betreibt in seinem Text eine Demontage von bestimmten Mythen, die über Polen und Jalta herrschen würden. Er geht mit Helmut Schmidt scharf ins Gericht und wirft ihm vor, dass der deutsche SPD-Kanzler die Jalta-Versprechen der drei mächtigen Herren ignoriere, ja kaschiere, man habe doch Polen in Jalta freie Wahlen und eine demokratische Regierung versprochen, was nicht realisiert worden sei. Außerdem würden die Deutschen die Schuld dafür tragen, dass die Jalta-Ordnung zustande gekommen sei.

Auch Adam Michnik zeigte sich enttäuscht, als Willy Brand im Dezember 1985 nach Polen kam und einen Besuch bei Lech Walesa ablehnte. Die Sünden der SPD im Umgang mit der Gewerkschaft der Solidarnosc sind ja bekannt, aber heute spielt es keine Rolle mehr, dass sie im Zuge der durch die SPD betriebenen Realpolitik (Angst vor dem Dritten Weltkrieg) entstanden sind. Fakt ist, dass selbst in der so liberalen und auf die Bildung der offenen Gesellschaft in Polen ausgerichteten „Kultura“ die Liaison zwischen der damaligen Bundesrepublik und der Sowjetunion, die mit dem Vertrag von Moskau 1970 begann, kritisch betrachtet worden ist. Man kann nun besser verstehen, warum die polnischen Rechtskonservativen Angst vor einem „Teufelspakt“ zwischen der BRD und dem heutigen Russland haben und diese schüren – ihre Beweggründe darf man nicht nur ausschließlich ideologisch werten. 

Die Rückkehr des Nationalismus

Wiaderny hat in seinem Buch auch eine großartige Archivarbeit und Quellenrecherche geleistet, vor allem zum Vorteil für den deutschsprachigen Leser, dem endlich bewusst wird, wie wichtig die Exilzeitschrift „Kultura“ im Kamp gegen den Kommunismus nach sowjetisch-leninistischer Art (Tony Judt) in Polen gewesen ist, und eben nicht nur für polnische Intellektuelle und Dissidenten à la Barbara Torunczyk, Jan Józef Lipski, Autor des berühmten Essays „Dwie ojczyzny, dwa patriotyzmy“ (Zwei Vaterländer, zwei Patriotismen), Adam Michnik oder Irena Lasota, sondern auch für Gesinnungsgenossen aus den benachbarten Ostblockländern. Man kann deshalb Wiaderny bedenkenlos einen kleinen Schönheitsfehler verzeihen: Czeslaw Milosz hat seine Nobelpreisträgerrede (eigentlich Vorlesung) 1980 in Stockholm gehalten und nicht in Oslo.

Übrigens: Die polnischen Rechtskonservativen werden enttäuschst sein, denn ich bin mir sicher, dass Herling-Grudzinski ihren parteilich und ideologisch verordneten Patriotismus nicht unterstützen würde. Dafür war er genau wie Giedroyc – der sogar davon ausging, dass der Fall des Kommunismus leider auch blutige Opfer fordern werde – ein zu entschiedener Gegner des Nationalismus.

Recht hat auch Stefan Chwin, der Schriftsteller und Essayist aus Danzig, wenn er in seinem Interview für die Gazeta Wyborcza vom 1. September 2018 sagt, dass die Sprache von Jarsolaw Kaczynski während seiner Auftritte mehr an den Sprachduktus der „Endecja“ von Roman Dmowski erinnere als an diejenige des Parteisekretärs Wladyslaw Gomulka, dem der polnische Studentenprotest von 1968 die Beine angesägt hatte. Und bedenkt man, dass die PiS-Regierung bestimmte Printmedien repolonisieren und damit u. a. den Axel-Springer-Konzern loswerden will, ist die Marschroute gänzlich klar. Den Deutschen ist der manichäische Kampf gegen den „bösen“ Axel-Springer-Konzern bestens bekannt (hier rein asymmetrisch betrachtet …), aber aus einer gänzlich anderen Epoche und Revolte: Sie werden es also schon irgendwie verkraften, wenn man sie aus Polen rauswirft.  

Lektüre: Bernard Wiaderny, „Schule des politischen Denkens. Die Exilzeitschrift ‚Kultura‘ im Kampf um die Unabhängigkeit Polens 1947-1991“, 434 Seiten, Verlag Ferdinad Schöningh, Paderborn 2018. 

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion