Schmerz, Wut und viele Fragen

Die Journalistin Andrea Strunk erzählt eindringlich von den Opfern und Hinterbliebenen der Geiselnahme in Beslan

Von NINO KETSCHAGMADSE

Am 3. September 2004 sterben mehr als 300 Menschen bei der Geiselnahme in einer Grundschule der nordkaukasischen Stadt Beslan. Etwa zwei Wochen danach hat Murat Kabojew seinen ersten Albtraum. Der 64 Jahre alter Lokalreporter der Zeitung Die Stimme Beslans träumt, alle Toten würden sich plötzlich in seiner Redaktion versammeln. "Das Büro war viel zu klein für die vielen Menschen, sie saßen nebeneinander und aufeinander, sie hingen an den Wänden und schauten durch ein Fenster hinein." Ein Schock für Kabojew, der glaubt, sich als "echter Mann" selbst bei einer solchen Tragödie seiner Tränen schämen zu müssen und sie deshalb vor den Trauernden verheimlicht hat. Als er aufwacht, beschließt er, 330 Geschichten zu schreiben: eine für jeden der 330 Toten. Für das gerade Mal zweijährige Mädchen, das unter dem herabstürzenden Dach der Schule verbrannte. Und natürlich für den 90 Jahre alten Greis, der von den Terroristen aufgefordert wurde zu gehen, fatalerweise aber in der Turnhalle bei den anderen Geisel ausharrte.

Vom Staat allein gelassen

Ein ganzes Kapitel widmet die Journalistin Andrea Strunk dem kräftig gebauten "Sammler der toten Seelen" mit dem buschigen Schnurrbart, der nun also über Wochen täglich Fotos von Verstorbenen sichten, in Kindertagebüchern lesen und in die leeren Augen der Hinterbliebenen blicken musste, um authentische Erinnerungen zu schaffen. Es ist beileibe nicht die einzige Geschichte in Beslan, Requiem, die unter die Haut geht und reflektiert, was während der Feier zum Schulbeginn am 1. September 2004 in Nordossetien bewaffnete Männer und Frauen dazu getrieben haben mag, 1260 Menschen in ihre Gewalt zu bringen. Trauer und Rachegedanken überwältigen die Hinterbliebenen bis heute; viele der Geretteten und der Angehörigen von Opfern fühlen sich vom Staat allein gelassen. Zu viele Fragen bleiben unbeantwortet, Ergebnisse offizieller Untersuchung geheim.

Fest steht, dass Putins Einsatzkräfte zu einem Zeitpunkt Panzerabwehrraketen und Flammenwerfer einsetzten, als sich viele Geiseln noch im Gebäude befanden. Ein Verstoß gegen Genfer Konvention, die die Verwendung solcher Waffen in Gebieten mit Zivilbevölkerung verbietet. Unklar ist auch, wieso - wie schon bei der Geiselnahme in einem Moskauer Musicaltheater im Oktober 2002 - alle Täter bis auf einen am Tatort von Spezialkräften getötet wurden, statt ihnen den Prozess zu machen. Und wieso das Urteil gegen den einen inhaftierten Täter bis heute, genau ein Jahr nach der Schreckenstat, auf sich warten lässt.

Strunks Spurensuche und Gesprächsprotokolle mit den Betroffenen von Beslan sind erwartungsgemäß beklemmend, zeichnen sich auf der Sachebene durch eine gewaltige Sprache und eine hervorragende Beobachtungsgabe aus. Was es dem Leser fast unmöglich macht, sich dem Schicksal der Betroffenen zu entziehen. Da drängt sich der nur zunächst pathetisch wirkende Gedanke auf, es reiche, die Hand auszustrecken, um etwa Semfiras Tränen zu trocknen. Sie schätzt sich glücklich, dass ihr kleiner Sohn nach seinem Tod nicht zu einem schwarzen Klumpen verbrannte wie andere Kinder, deren Eltern sie nicht einmal mehr wiedererkannten. Oder man meint jene Frau direkt vor sich zu haben, die ihren Mann und zwei Söhne verlor und ständig daran denkt, dass Kinder aufgrund ihres schrecklichen Dursts die Erwachsenen baten, Urin zu trinken zu bekommen. Am härtesten zu ertragen sind aber die Fragen, warum auch nach mehr als 48 Stunden Geiselnahme keine Rettungsdienste und pannenfreien Feuerwehrmaschinen bereitstanden, und wie Panzer in einen Keller schießen konnten, in dem Terroristen Kinder zusammengepfercht hatten.

Strunks Buch bietet viel Hintergrundinformationen über jenen Kaukasus genannten Flecken Erde, der hier zu Lande weniger touristisches als wirtschaftliches Interesse weckt. Die Autorin kennt sich aus mit den vielen verschiedenen Volksstämmen des Kaukasus' und deren Konflikten, die teils mehrere Jahrhunderte zurückreichen.

Die deutsche Journalistin weiß aber auch, dass die tiefsten nationalen und ethnischen Spannungen der Region aus der Stalin-Ära resultierten. Strunk erinnert daran, dass der von manchen noch heute verehrte Diktator mit willkürlichen Grenzziehungen in seinem "Reich" indirekt auch eine Mitverantwortung für die Tragödie von Beslan trägt. Der Konflikt zwischen Nordossetien und seine Verwaltungsregion Rayons Progorodny, die einstmals von Inguschen besiedelt wurde und aus der einige Geiselnehmer stammten, geht auf Stalin zurück. Nach dem Zerfall der Sowjetunion Anfang der neunziger Jahre wurden alte Feindbilder wiederbelebt, es kam zu schweren Unruhen zwischen Osseten und Inguschen. Die Folge: Heute leben 65 000 vertriebene Inguschen in Flüchtlingslagern.

Das Schweigen des Westens

Strunk klagt ferner an, dass Russland vom Westen - speziell von der Bundesregierung, die ihre Wirtschaftsinteressen über die Menschenrechte zu stellen scheint - weiter freie Hand für seine mörderische Politik in Tschetschenien bekommen hat, nachdem es ein internationales Terrornetzwerk für Beslan verantwortlich gemacht hatte.

Die Autorin bereist die Region seit Jahren, spricht mit Menschenrechtsgruppen und besucht Flüchtlingslager. In Beslan, Requiem beschreibt sie authentisch - ohne damit nach Entschuldigungen zu suchen -, wie Menschen seelisch verrohen und wohl sogar zu Kindermördern werden können.

Was in Beslan mit Jungen und Mädchen passiert ist, geschehe in Tschetschenien jeden Tag - seit mehr als einem Jahrzehnt. Mehr als 25 000 Menschen sind nach Auskunft der Menschenrechtsorganisation Memorial dem Krieg bisher zum Opfer gefallen. Darüber rege sich unverständlicherweise aber kaum noch jemand auf.

Das BuchAndrea Strunk:Beslan,Requiem.Brendow Verlag,Moers 2005,192 Seiten,14,90 Euro.

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