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Die Schmach, ein „Nazibastard“ zu sein

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Von: Andreas Förster

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Paris 1945.
Paris 1945. © afp

War es Liebe, war es Gewalt? Gisela Heidenreich lässt Kriegskinder ihre bitteren Geschichten erzählen.

Hervé war schon 66 Jahre alt, als er 2009 mit der Suche nach seinem österreichischen Vater begann. Nur ein Foto hatte er von ihm, das einen Mann im Handstand zeigte. War er ein Artist? Entstanden war das Bild im Jahr 1942, der Österreicher war damals als Wehrmachtssoldat in Frankreich stationiert und hatte sich in eine junge Französin verliebt. Hervés Mutter.

Einige Jahre lang recherchierte der Franzose, seine einzigen Anhaltspunkte waren dabei das Foto und der Vorname seines Vaters: Michael. Schließlich fand er die Familie des Mannes, der längst gestorben war. „Was mich tröstet“, schreibt Hervé, „ist letztlich, dass ich aus einer Liebesgeschichte entstanden bin, denn meine Mutter war sehr verliebt in meinen Vater bis zum Ende ihrer Tage.“

Die Geschichte von Hervé, einem „fils de boches“, wie Besatzungskinder in Frankreich bis heute abwertend genannt werden, findet sich neben vielen weiteren Schicksalen in einem Buch über Kriegskinder. „Born of War – Vom Krieg geboren. Europas verleugnete Kinder“ ist der Titel des Sammelbandes, der von Menschen erzählt, die es ohne die Ereignisse rund um den Zweiten Weltkrieg vermutlich nicht gegeben hätte. Gezeugt durch die deutschen Besatzer – in Liebe, wie im Fall von Hervé, oder mit Gewalt.

Mütter in der Gesellschaft geächtet

Oft geht es in den Geschichten um komplizierte Mutter-Kind-Beziehungen, weil die Mütter – als „Liebchen des Feindes“ ohnehin gesellschaftlich geächtet – ihren Kindern häufig deren wahre Herkunft verbargen. Um sie zu schützen, denn diese Kriegskinder – so schreibt es die Herausgeberin des Buches, Gisela Heidenreich – „erfuhren meist wenig Liebe, oft genug den Hass und die Schmach, ‚Deutschenbälger‘ und ‚Nazibastarde‘ zu sein“.

Inzwischen gibt es in vielen Ländern Hilfsorganisationen, die sich in dem Netzwerk „Born of War international network“ zusammengeschlossen haben und den europäischen Kriegskindern bei der Suche nach ihren biologischen Vätern helfen. Unterstützt werden sie zudem in ihren Bemühungen um eine zusätzliche deutsche Staatsbürgerschaft. Die ist Besatzungskindern zwar gesetzlich garantiert; in der Realität jedoch ist die Umsetzung dieses Anspruchs mit allerlei Komplikationen verbunden.

In Gisela Heidenreichs Buch kommen mehr als ein Dutzend Zeitzeugen zu Wort. Menschen aus Finnland, Dänemark, Norwegen, Belgien, den Niederlanden, Frankreich und Griechenland erzählen über das Schweigen der Mütter, darüber, wie sie Feindseligkeiten und Ablehnung erleben mussten, und über die quälende Suche nach der eigenen Identität. Es sind kleine, oft erschütternde Berichte, manche das erste Mal öffentlich erzählt.

Der Schmerz kehrt zurück

Dabei sei es nicht leicht gewesen, Autorinnen und Autoren zu finden, schreibt die Herausgeberin. Manche hätten ihre Zustimmung später dann doch wieder zurückgenommen – „weil sie der Schmerz aus der Kindheit einholte, als sie anfingen zu schreiben, und sie sich nicht damit konfrontieren wollten“.

Auch wenn sich das Buch mit seinen bewegenden Lebensgeschichten auf die „Kriegskinder“ aus dem Zweiten Weltkrieg beschränkt, lenkt es doch den Blick in die heutige Zeit. Denn die Berichte zeigen das Leid von Kindern, das sich bei den unzähligen Kriegen und Konflikten der Gegenwart auf dramatische Weise wiederholt.

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