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Ein Schloss am Wannsee, was sonst?

Heute abend steigt die Fete zum Jubiläum: Vierzig Jahre Literarisches Colloquium Berlin

Von Steffen Richter

Wer hier zur Arbeit geht, ist zu beneiden. Steinalte Bäume umgeben die rote Backsteinvilla, von der Terrasse geht der Blick den Hang hinunter und direkt aufs Wasser. Ein "Schloss am Wannsee" hat Carl Zuckmayer das Anwesen genannt, in dem er 1925 als Gast eines Mäzens sein Stück Der fröhliche Weinberg schrieb. Doch die Idylle trügt. Im Haus Am Sandwerder 5, der Adresse des Literarischen Colloquiums Berlin, war in den letzten Wochen noch mehr Arbeit als normalerweise zu erledigen. Heute werden die Feierwochen zum 40. Geburtstag des LCB mit einem Festakt eröffnet. Bis zum traditionellen Sommerfest im August will sich das Haus in allen seinen Facetten präsentieren. Und das ist gar nicht so einfach.

"Was mich bei Vergleichen mit anderen Institutionen manchmal ärgert", sagt Geschäftsleiter Ulrich Janetzki, "ist, dass die meisten mit beiden Beinen in einem Topf stehen. Wir aber haben die Beine in vielen Töpfen." Gemeinsam mit den Goethe-Instituten vertritt das LCB die Interessen der zumal jüngeren deutschen Literatur im Ausland. Im Gegenzug bietet es Autoren aus aller Welt eine Plattform und Platz im Gästehaus in Berlin. Die Teilnahme an der jährlichen "Autorenwerkstatt Prosa" ist fast so etwas wie eine Veröffentlichungsgarantie. Internationaler Literaturtransfer wird über den im Hause ansässigen Deutschen Übersetzerfonds nachhaltig gefördert und mit Sprache im technischen Zeitalter verfügt man über eine renommierte Zeitschrift für Literatur- und Kulturwissenschaft. Nicht zu reden von der Organisation des Döblin-Preises und des Berliner Preises für Literaturkritik. Schließlich gibt es auch noch den laufenden Veranstaltungsbetrieb mit Lesungen und Gesprächen. Der wird von außen am stärksten wahrgenommen. Dabei fließt nicht einmal ein Drittel der Programm-Mittel in öffentliche Veranstaltungen. Statt sich von einem Event zum anderen zu hangeln, wird am LCB tatsächlich Literatur gefördert.

Ganz so hatte sich der Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Walter Höllerer das vorgestellt, als er am 16. Mai 1963 das erste Literaturhaus der Bundesrepublik gründete. Um die Westberliner Kultur im Schatten der Mauer nicht veröden zu lassen, sollte ein staatsferner Begegnungsraum für Autoren und artverwandte Berufsgruppen entstehen - ohne Mitgliedsausweis und ästhetische Norm. Das ist das LCB noch heute. Statt des Autorenfilms, der in den 60er und 70er Jahren hier konzipiert wurde, sind nun die Beziehungen nach Ost- und Mitteleuropa stark ausgebildet. Seit Mitte der 90er Jahre ist die junge deutsche Literatur eines der wichtigsten Themen.

Als Kulturmanager denkt Janetzki gern in Kategorien des Marktes und spricht von den verschiedenen Rankings, in denen das Haus aufgrund seiner unterschiedlichen Aktivitäten steht. Dass der Bund im Hauptstadtkulturvertrag ursprünglich neben der Akademie der Künste und der Deutschen Kinemathek das LCB als dritte Berliner Kultureinrichtung übernehmen wollte, unterstreicht seine Bedeutung. Tatsächlich spielt man nur beim alltäglichen Veranstaltungsangebot in der Berliner Regionalliga. Die Arbeit am Text mit Autoren, Übersetzern und Kritikern gehört entschieden in die Bundesliga. Und der internationale Autorenaustausch - zuletzt waren etwa Michel Houellebecq, Vladimir Sorokin oder Sergio Pitol zu Gast - ja, das ist schon Champions League.

Doch dem Kulturmanager schaut immer der Literaturenthusiast Janetzki über die Schulter. In seinem Arbeitszimmer stapelt sich das Papier. "Jedes gute Manuskript", so behauptet er stolz, "kommt zuerst über unseren Tisch." Das klingt großsprecherisch, ist aber so falsch nicht. Man denke nur an Georg Klein oder Judith Hermann. Wer erfolgreich durchs LCB gegangen ist, trägt ein unsichtbares Qualitätssiegel auf der Stirn: Literatur d.o.c.

Was kann man einem Allround-Anbieter in Sachen Literatur, der mit acht fest angestellten Mitarbeitern (inklusive Hausmeister und Gästebetreuer) ein europäisches Spitzenprogramm stemmt, zum Geburtstag noch wünschen? Geld vielleicht? Das Budget bestreiten der Berliner Senat, Behörden wie das Auswärtige Amt, Verbände und Stiftungen. Weil das nie reicht, gehört das Einwerben von Drittmitteln seit Jahren zu den Kernkompetenzen des LCB. Man hat gelernt, ohne Jammern zu wirtschaften. "Es soll so weitergehen", lautet deswegen Janetzkis größter Wunsch. Doch damit es so weitergehen kann, brauche es mittelfristig ein generelles Umdenken. Die Literatur müsse sich bei ihren Förderern vom Ruf befreien, billig zu sein - und folglich nichts zu taugen. Wenn, wie erhofft, in den nächsten Wochen Günter Grass, Andrzej Stasiuk aus Polen, Alain Robbe-Grillet aus Frankreich und Jonathan Franzen aus den USA an den Wannsee kommen, wird man sich leicht vom Gegenteil überzeugen können.

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