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Das Schlimmste, was man haben kann, ist Hoffnung

  • VonMichael Braun
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Kein Wort scheint selig in sich selbst: Michael Lentz reagiert mit neuen Gedichten auf die Aporien der Avantgarde

Mit dem Löwengebrüll des Avantgardisten in die literarische Arena zu treten und dem Bürger den Hut vom spitzen Kopf zu fegen, ist schon lange keine Aktion mehr, mit der man im Literaturbetrieb Distinktionsgewinne erzielen könnte. Natürlich gibt es immer noch die Spätlinge der dadaistischen und surrealistischen Revolte, die mit großem Eifer, aber bescheidenen ästhetischen Mitteln gegen Windmühlen antreten. Aber einem so traditionsbewussten Dichter wie Michael Lentz sollte man solch naive Lust an Reprisen nicht unterstellen. Über die "Aporien der Avantgarde" (Hans Magnus Enzensberger) braucht man Lentz nicht zu belehren, hat er doch vor drei Jahren in einer gewaltigen Recherche die Geschichte der modernen Lautpoesie auf über eintausend Seiten dokumentiert und daraus die Schlussfolgerungen für seine eigene Poetik gezogen.

Und dennoch wird das Erscheinen seines neuen Gedichtbands Aller Ding den Anlass liefern, Lentz partout als bekennenden Experimentaldichter zu missdeuten. Das ganze Repertoire der konkreten Poesie, der Lautdichtung, des Lettrismus und Dadaismus, des systematischen Zeichen-Verwirrspiels wird hier, so scheint es, noch einmal aufgerufen und in ermüdenden Exerzitien durchgespielt. In den elf Versuchsreihen seines Gedichtbuches entfaltet Lentz jedoch nicht die poetische Confessio eines inbrünstigen Wort- und Sprachakrobaten, sondern verweist auf die finalen Grenzpunkte eines Sprachspiels, dem keine neuen Energien mehr abgewonnen werden können. All die "Gedichteten Gedichte", die "Konzepte und Rezepte", "Formate und Formalereien" markieren nicht etwa einen poetischen Neuanfang, sondern tragen die Signatur des Abschieds. Wenn Lentz in einem Kapitel "Nachgetragene Anagramme" ankündigt, dann darf man das als Hinweis auf das Abschließende dieser lyrischen Übung verstehen. Tatsächlich findet sich in diesem Kapitel auch das umfangreichste Gedicht des neuen Bands, eine Anagramm-Reihe zum Namen des experimentellen Komponisten Dieter Schnebel, die einerseits die unendlich sich verzweigenden Sinnmöglichkeiten dokumentiert, die sich aus der Buchstabenverschiebung innerhalb eines Worts ergeben, andererseits aber auch die absolute Sterilität einer solchen Kunstübung illustriert.

Der Dichter als Kunstmaschine, die aus der mathematisch peniblen Zählung und Reihung von Buchstaben oder Silben poetische Funken schlagen will - das ergibt keine "vollkommen sinnliche Rede" (Lessing), sondern bestenfalls konzeptuellen Krampf. Um der Ödnis dieser seriellen Poesie zu entgehen, setzt Lentz im ersten Teil seines Buches auf deregulierende Verfahren, die mit alten Kinderliedern und Volksweisen operieren, aber sie durch syntaktische und semantische Verschiebungen neu aufladen: "noch eh ich was fromm draußen rein/ dem niemand frisst die stunde ein / will über smok und schweigen / der richter sich verneigen / und aller fragen offen." Nur mittels solcher Verschiebungs- und Entkoppelungsprozesse gerät die Sprache wieder in Bewegung; fast in jeder Gedichtzeile ist die Furcht des Autors spürbar, in leere Konvention zurück zu fallen. Die spätromantische, von einem Mörike-Gedicht evozierte Illusion, dass das Schöne "selig in sich selbst" scheint, wird schroff negiert: "seit platon steht die sonne still/ und kein schatten der erde / kein wort / scheint selig in sich selbst."

Auf die Erfahrung des Auseinanderfallens von Sprache und Ding reagiert Lentz mit strengem Reduktionismus. Die letzten vier Kapitel von Aller Ding bilden den Weg ins allmähliche Verstummen ab. Sehr karge visuelle Poeme, die noch die Simplizität einer Gomringerschen Konstellation unterbieten, gehen über in Zweizeiler, schließlich in formelhafte Einzeiler und kryptische "Einwortgedichte". Das Schrumpfen der sprachlichen Textur geht dabei nicht immer einher mit dem Zuwachs an Konzentration und Intensität. Immer wieder sind es kleine verzweifelte Fragen und Ausrufe, in der sich das Ich gegen den Verlust der Sprache auflehnt, aber auf die eigene Stummheit zurück geworfen wird: "und wieder gelingt mir das nicht". Ganz im Verborgenen bleibt die religiöse Pointe des titelgebenden Einzeilers, der ja insgeheim die Tradition des Kirchenliedes aufruft. Denn der Urheber "aller Ding" ist ja nicht nur der poetische Sprachspieler, der seine eigensinnigen Alphabete durchbuchstabiert, sondern jene Instanz, die zum Beispiel in einem Lied von Heinrich Schütz beschworen wird: "o Herr, du Schöpfer aller Ding".

Michael Lentz, den man als Hörschriftsteller und schrillen Poesie-Performer zu rezipieren gelernt hat, demonstriert in seinem neuen Gedichtbuch nicht die endlose Fortsetzbarkeit des experimentellen Sprachspiels, sondern spricht im Gegenteil von den letzten Dingen der Poesie und des Lebens. Schon in Lentz' Prosaband muttersterben (2002) erwies sich die Erzählung über den körperlichen Zerfall des greisen Avantgardisten Isidore Isou als hochsymbolisches Bild für die Auflösung des avantgardistischen Traums. Der preisgekrönte Klagenfurt-Text muttersterben zeigte schließlich an, dass der Tod der Mutter im August 1998 die Koordinaten in Lentz' Literaturverständnis gewaltig verschoben hat. Die schwarze Epiphanie des Abschiedsblicks auf die sterbende Mutter hat sich auch in viele Gedichte in Aller Ding eingeschrieben.

Eins der bewegendsten Erinnerungsbilder, das ursprünglich am Ende eines Prosatextes, nämlich der Erzählung "Garten" stand, hat Lentz sogar in ein eigenständiges Gedicht verwandelt: "und einmal wird ein engel kommen / der deinen namen ruft./ und dieser engel ist eine wolke dann, / ein sonnenlicht, ein apfelbaum. / und dieser engel ist eine gartenvoll lachen / auf dem gesicht deiner mutter./ und dieser engel ist das lachen deiner mutter." Verlockt von all den finalen Übungen in Anagramm, Palindrom, Textbild und minimalistischem Sprachspiel, wird man Aller Ding als Musterbuch der neo-experimentellen Lyrik lesen. Aber wichtiger als das Sprachexerzitium ist das verzweifelte Aufbegehren gegen das factum brutum des Todes, das alles "EXISTENZLEUCHTEN" verdunkelt: "Und das schlimmste/ was man haben kann/ ist Hoffnung."

Michael Lentz: Aller Ding. Gedichte. S. Fischer Verlag, Frankurt am Main 2003, 190 Seiten, 19,90 €.

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