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Der Schlatt wird kommen

Ror Wolf sehnt sich nach Stille und lässt sein Alter ego Raoul Tranchirer darüber sinnieren

Von KATRIN HILLGRUBER

Der Universalkünstler Ror Wolf hegt eine ausgesprochene Vorliebe für eierlegende Tiergattungen. Frösche und Unken, Krebse, Schmetterlinge, Krokodile und immer wieder Fische aller erdenklichen Formen und Größen durchqueren seine Handreichungen für das Zurechtkommen mit und in der Welt. All diesen Tieren, die im Text und vor allem in den beigefügten Collagen des Autors auftauchen, ist - von den Fröschen abgesehen - ihre Lautlosigkeit gemein. In die filigranen Szenen aus dem Enzyklopädie-vernarrten 19. Jahrhundert bricht oder schleicht die Bedrohung in amphibischer Gestalt geräuschlos herein. In einer Radierung schwebt ein unheilvoll dreinblickender Tintenfisch über einem Ruderboot mit nichtsahnenden Ausflüglern. Ein anderes Bild zeigt eine Dame in biedermeierlichem Interieur, die von einer schwarzweiß gefleckten Riesenschlange fixiert wird - sich aber nicht bei ihrer Morgentoilette stören lässt.

Raoul Tranchirer, Ror Wolfs Alter ego, das seit Jahrzehnten literarische Rätsel produziert, sehnt sich nach Stille. "Ausflugsdampfer", "Krokodil", "Lautlosigkeit" oder "Tang" lauten die Artikelüberschriften dieses eigentümlich aquatischen Konversationslexikons. Ror Wolf nennt sein 1983 begonnenes Werk eine "einzigartige Besichtigung der Wirklichkeit". Diese wird zwar in der Tat in allen möglichen, alphabetisch geordneten Aspekten inspiziert - von A wie Ausflugsdampfer bis V wie Vorwärtsschieben - doch Ratschläge, gar Benimmregeln, erteilt Raoul Tranchirer nicht. Das prächtig ausgestattete Buch mit dem programmatischen Titel "Bemerkungen über die Stille" vergrößert die Ratlosigkeit eher. Es ergeht sich genussvoll in der Verwirrung des Lesers: In den einzelnen Artikeln und Rebussen verstecken sich lauter kleine elektrische Aufladungen. Sie führen entweder in die Apokalypse oder ins Leere oder auch in die Leere nach der Apokalypse. "Die überzeugenden Vorteile des Abends" heißt eines der berühmten Hörspiele Ror Wolfs, das 1973 ausgestrahlt wurde. Es spielt sich im Gewächshaus des bekannten Reisenden Dr. Q. ab. Q. wird von einem Gremium aus circa vierzig fachsimpelnden Botanikern erwartet, erscheint jedoch nicht. Die auf engstem Raum versammelten Experten steigern sich immer mehr in ihre Diskussionen über Farne, glitschige Algen und glibberige Pilze hinein. Eine entsetzliche Entdeckung aus der Pflanzenwelt jagt die nächste, bis die florale Hysterie zur grünen Hölle eskaliert.

Collunder, Klomm und Jorgenreiz

Auch in Raoul Tranchirers Bemerkungen über die Stille tummeln sich die Experten. Sie heißen Collunder, Klomm, Jorgenreiz oder Nagelschmitz. Einmal im Monat trifft sich die Enzyklopädische Gesellschaft zum Gedankenaustausch in der Wirklichkeitsfabrik. Mit großer Wortlust, mit Wortdurst und Wortwurst, um den Artikel über "Mordlust" zu zitieren, betreiben die Gelehrten die akademische Verbrämung des Nichts. Die freie Assoziation von Bremsgeräuschen, Ackerrändern und Wolkenknoten bewirkt eine sprachliche Klimax, an der der Verfasser oft jäh das Interesse verliert und sich als Spielverderber geriert.

Denn die ständige Wiederkehr von Augenblicken des Entsetzens und der Komik erzeugt wie bei Stan Laurel und Oliver Hardy - deren deutsche Sprecher in "Die überzeugenden Vorteile des Abends" mitwirkten - einen gewissen ermattenden Dauerreiz. So entsteht der große Gesang von der Vergeblichkeit der Phänomene. Randfiguren in Bataillonsstärke, vor allem Schiffspassagiere, fallen Naturkatastrophen und Seeungeheuern, Krokodilen und Ratten zum Opfer. Eine mörderische Gemütlichkeit macht sich breit. "Es schreiben so viele Autoren von Dingen, über die sie nicht viel zu sagen haben, dass ich es auch einmal versuchen werde", kündigt Tranchirer an und erklärt: "Ich werde vom Schlatt schreiben, einer Erscheinung mit schwachvioletten Flecken." Der Schlatt verkörpert die persönliche Apokalypse des Schriftstellers schlechthin: Ein fettes, vogelartiges Geschöpf, das ihm den Kopf blutig hacken und am Ende gallertartig das ganze Zimmer füllen wird. "Das ist der Schlatt, über den ich nicht viel zu sagen habe, aber über den ich ausführlich schreiben werde, eines Tages. Ich bitte um etwas Geduld."

Dreißig bis vierzig Mal soll Ror Wolf, der vermutlich in Mainz am 29. Juni 73 Jahre alt wurde, in seinem Leben schon umgezogen sein. Diese Angabe ist allerdings so vage wie die Beschreibung des Schlatts mit seinen schwachvioletten Flecken. Auch behauptet er am Ende der Enzyklopädie, Tranchirer werde sich von nun an nicht mehr zur Welt äußern. Diese Ankündigung versetzt Ror-Wolf-Leser, die aus der Einübung ins Katastrophische eine fast buddhistische Gelassenheit gewinnen, zunächst in lähmendes Entsetzen. Glaubwürdiger als das Auftauchen des in unseren Breiten selten beschriebenen Madenhackers ist sie zum Glück jedoch nicht.

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