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Gier nach Aufstieg und Führung: Joseph Goebbels.
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Gier nach Aufstieg und Führung: Joseph Goebbels.

Goebbels auf der Couch

Schlangenweise Frauen

Kann man Goebbels auf die Couch legen? Und was sagt uns das über die Funktionsweise von Nationalsozialismus und Judenmord? Peter Gathmann und Martina Paul geben in ihrer Biographie Antworten.

Von Angela Gutzeit

Der österreichische Psychiatrie-Professor Peter Gathmann hatte es in seiner 40-jährigen Berufspraxis bereits mit einigen prominenten Patienten zu tun: Auf seiner Couch lag die magersüchtige Kaiserin "Sissi", und auch ihr Sohn, Kronprinz Rudolf, der sich 1889 in den Kopf schoss, wurde bei Gathmann tiefenpsychologisch ausgeleuchtet - postum, versteht sich. Jetzt hat sich Gathmann mit Joseph Goebbels ein Kaliber vorgenommenen, das sehr viel nachhaltiger die Frage nach dem Erkenntniswert der Psychohistorie evoziert, für die der Autor eintritt.

Kann man Goebbels auf die Couch legen? Und was sagt uns das über die Funktionsweise von Nationalsozialismus und Judenmord? Immerhin erheben Gathmann und seine Co-Autorin Martina Paul in ihrem Buch "Narziss Goebbels" den Anspruch, dem "zunehmenden Alltagsfaschismus" durch psychobiografische Erkenntnisse entgegenzuwirken.

Die Psychohistorie ist mit der Mentalitätsgeschichte verwandt, widmet sich der Erforschung historischer Motivationen und sieht sich als notwendige Ergänzung zur faktendominierten Geschichtswissenschaft. Ausgangspunkt ist in Anlehnung an Freud, dass das Kindheitsschicksal die Verhaltensweisen des Erwachsenen entscheidend beeinflusst. Hier setzt auch Gathmann an: Das Buch rekonstruiert ein Kindheitstrauma des Reichspropagandaministers und erklärt daraus Goebbels´ Neurosen, seine sexuellen Ausschweifungen wie eben auch seine von Narzissmus und Besessenheit getriebene Karriere.

Gerade diese grundlegenden Kapitel überzeugen am allerwenigsten. Zu vage, ja zu widersprüchlich wirkt manches am argumentativen Fundament. So sehen Gathmann und Paul die Gründe für Goebbels´ frühkindliche Schädigungen u.a. in einer problematischen Mutter-Sohn-Beziehung und im gestörten Verhältnis zu einem Vater, der als Vorbild versagt habe. An anderer Stelle aber heißt es, der Vater sei für Joseph Goebbels durchaus eine Autoritätsfigur gewesen, die er "wohl sogar geliebt hat".

Einleuchtender ist da schon der Makel des verkürzten Beins, der den Heranwachsenden aus der Gemeinschaft der Kriegstauglichen ausgeschlossen hat. Andererseits aber hatte Goebbels großen Erfolg bei Frauen. Von bis zu 50 Verhältnissen ist in diesem Buch die Rede, die von den Autoren bis zur gelegentlichen Peinlichkeit ausgewalzt werden ("... am 28. Juni erfolgt der erste Kuss..."; "Die Liebesgefühle von Lida und Joseph Goebbels sind echt"; Goebbels war "der einzige Mann, der sie sexuell befriedigen konnte" usw.). Goebbels - ein Triebmensch. Ja, aber ist es denn keine erfolgreiche Kompensation eines körperlichen Makels, wenn die Frauen Schlange stehen?Überzeugender ist deshalb eine ganz andere Argumentationslinie: Goebbels als Spross des nach dem Ersten Weltkrieg von Selbstzweifeln geplagten Kleinbürgertums, das nach Aufstieg und Führung giert. Goebbels als Sohn einer fanatisch katholischen Mutter. Goebbels als Möchtegern-Dichter, der beim George-Kreis abblitzt, als verkrachter Journalist, dessen Artikel vor 1933 abgelehnt werden, als Liebhaber von Töchtern, deren großbürgerliche Eltern den mittellosen Berufsversager abweisen. Goebbels, ein Intellektueller, aber nicht tauglich für Männerbünde. Ein Männlichkeitsideal hat hier Schiffbruch erlitten, zumindest was Karriere, soziale Geltung und militärische Anerkennung angeht - eine Lesart, die an Klaus Theweleit denken lässt, der ja bekanntlich die Psychoanalyse als Erklärungsansatz keineswegs verschmähte.

Die psychohistorische Analyse begibt sich wohl immer auf ein Drahtseil, wenn sie den Versuch unternimmt, geschichtliche Abläufe aus den Motivationen, dunklen Trieben und psychischen Konstellationen von Individuen zu erklären, weil sich Faktisches und Ausgedeutetes nie sauber voneinander trennen lassen.

Dass sie durchaus zu beeindruckenden Ergebnissen führen kann, zeigen insbesondere die Kapitel über Goebbels´ Abhängigkeit von Hitler - eine faszinierende Studie über eine "narzisstische Verschmelzung", in der der Aufstiegshungrige seine Erweckung und Erlösung erlebt. Seine religiös grundierte, erotisch übersteigerte Verklärung des "Führers" ("Adolf Hitler, ich liebe Dich!") treibt ihn an zu propagandistischen Höchstleistungen. Scharfsichtig erkannte schon der NS-Chefideologe Alfred Rosenberg hinter diesem Verhalten den krankhaften Ehrgeiz eines Zukurzgekommenen, dem es eigentlich egal ist, wo er sein Talent entwickelt. Gathmann und Paul schöpfen hier aus verschiedenen Quellen, nicht zuletzt aus den Tagebüchern von Goebbels.

Hier und in ähnlichen Kapiteln, etwa über Goebbels´ Judenhass, zeigt sich wie in Momentaufnahmen, welche politischen, ideologischen, psychosozialen und individualpsychologischen Faktoren zusammenkommen mussten, um eine Dynamik zu entfesseln, die Menschen aller moralischen Hemmungen entkleidete und zu Protagonisten einer fatalen Entwicklung werden ließ. Der Historiker Saul Friedländer sprach davon, dass angesichts der NS-Verbrechen der Fassungslosigkeit Raum zu lassen sei, sie nicht wegerklärt werden dürfe. Fassungslosigkeit und Erkenntnis gehören zusammen - dazu leistet dieses Buch einen Beitrag.

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