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Literatur

Wo schlag ich nach?

Literatur-Chroniken sind unentbehrlich - und vom subjektiven Blick des Autors geprägt.

Von ANJA HIRSCH

Der Griff zu den Frenzels - ein Griff in braune Vergangenheit: Es dürfte für Germanistik-Studenten ein Initiationserlebnis sein, schon im Einführungskurs zu erfahren, dass man in den "Daten deutscher Dichtung" des Autoren-Ehepaars Herbert A. und Elisabeth Frenzel zwar vorsichtig blättern mag (lange Zeit gab es wenig vergleichbares), aber bitte kritisch.

Die Vorgeschichte sollte man kennen: Elisabeth Frenzel, geboren 1915, promovierte 1940 mit einer Arbeit über "Die Gestalt des Juden auf der deutschen Bühne" und arbeitete bis Kriegsende an der Seite ihres 1995 verstorbenen Mannes im Ministerium für Volksaufklärung und Propaganda unter Joseph Goebbels.

Wer heute Kurzinfos über wichtige Werke im deutschsprachigen Raum seit den "Merseburger Zaubersprüchen" bis zur Gegenwartsliteratur finden will, kann seit 2006 zu Volker Meids kluger "Chronik Literatur" (Metzler) greifen oder die jüngst im Verlag Kröner erschienene "Chronik der deutschen Literatur" der Gebrüder Peter und Hartmut Stein befragen.

Beide Chroniken informieren kompakt und reihen, einem modernen Literaturbegriff sich öffnend, Romane, Dramen, Lyrik, Unterhaltungsliteratur nach Erstpublikationsdaten sortiert; darunter auch solche Werke, die besondere Aufmerksamkeit erhielten - wer weiß, ob man also in Neuauflagen auch Charlotte Roches "Feuchtgebiete" finden wird.

Die Steins füllen ihr Kompendium, im Gegensatz zu Volker Meid, der sich auf die Werke beschränkt, noch mit 131 Überblicks-Texten auf, die netzwerkartig Schlagworte belichten - etwa "Patriotismus und Nationalismus in der Literatur", "Hörspiel" oder das "Literatursystem in der DDR".

Ausgestattet mit knappen Hintergrundhappen kann man also auch trefflich stöbern und Neues entdecken. Wer überdies schnell wissen will, wie viele Verfilmungen Johanna Spyris "Heidi" anregte (es sind elf), ist mit der Stein-Chronik gut bedient - sie punktet mit Rezeptionshinweisen und bringt Wegweiser zum Originalsound von Autorenstimmen. Übersichtlich schildert sie auch die Reaktionen der Zeitgenossen - was Volker Meid in seine Texte gleichfalls einfließen lässt.

Bereinigt sind also manche Auslassungen der Frenzelschen Ausgabe, die, man staunt, 2007 in der 35., von der hochbetagten Dame noch selbst aktualisierten Auflage erschien. Ilse Aichingers wichtigen Roman "Die größere Hoffnung" hatte das Ehepaar beispielsweise nicht ausgewählt, stattdessen in zehn kleinen Erzählungen das sehr allgemein formulierte Thema "der Fesselung des Menschen in Angsttraum, Wahnvorstellung" entdeckt - kein Wort fällt da vom Trauma der NS-Zeit. Auch Schweigen schreibt aber den Kanon um; das zumindest sollte man bei der Lektüre bedenken.

Die neuen Publikationen füllen ein Vakuum und rücken Autoren wieder an ihren Platz - wie etwa Arno Schmidts "Zettels Traum", immerhin ein Hauptwerk, das in den "Daten" der Frenzels gar nicht auftaucht. Meid und die Steins setzen nun freilich selber Schwerpunkte.

Das fällt in den frühen Epochen nicht weiter auf. Doch wenn man in der Gegenwart blättert, spiegelt diese Auswahl den subjektiven Kosmos der jeweiligen Verfasser. So ließe sich jetzt trefflich monieren, warum etwa Feridun Zaimoglu, den Volker Meid wenigstens mit seinem frühen "Kanak Sprak" würdigt (die neuen Romane müssten unbedingt nachbesprochen werden), ungerechterweise in der Stein-Chronik nur eine Namenserwähnung findet, Terézia Mora dort aber mit ihrem schmalen ?uvre gleich einen eigenen Werkeintrag erhält; oder warum Judith Hermann, auch wenn man tatsächlich lange nichts von ihr vernahm, schlichtweg komplett ausgeklammert wird - ihre Erzählungen stießen doch immerhin eine Generationen-Reflexion an.

Meid wiederum hat Robert Gernhardt nicht drin, und so könnte man weiter auf- und abrechnen. Bei durchschnittlich fünf Titeln pro Jahr klaffen in beiden Nachschlagewerken naturgemäß Lücken - Orientierung bieten sie aber allemal.

Feine Unterschiede erkennt man auch in den Werkzusammenfassungen selbst. Volker Meids germanistischer Blick geht gerne von formalen Besonderheiten aus; die Steins (Peter Stein ist emeritierter Kulturwissenschaftler) betonen eher die Rezeption und schreiben vielleicht etwas schülernäher.

Den für Celans Gedichte wichtigen Begriff "hermetisch" erklären sie beispielsweise mit "schwer verständlich, monologisch und ohne Bezug zur Realität"; sicher hätte man Lesern auch Begriffe wie "selbstreflexiv" oder "Chiffre" zumuten können; Verständlichkeit als höchste Priorität vereinfacht eben manchmal auch.

Allen neuen Verfassern aber liegt daran, die Vielfalt der Lesarten anzudeuten. Und so wird man endlich komplexe Romane wie "Malina" von Ingeborg Bachmann einer rein feministischen Lesart entziehen können, weil andere Deutungsmöglichkeiten wenigstens angerissen sind; oder man wird bei den Stein-Brüdern nachlesen können, dass auch Bestsellerautoren wie Bernhard Schlink mit Vorsicht zu genießen sind, weil vielleicht Schuld unangemessen "entsorgt" wird; und man wird sich, beginnend im Mittelalter, die Augen reiben und daran erinnern, dass alles einmal rein mündlich begann und der über Latein verlaufende Umweg zur deutschen Hochsprache ein recht umständlicher war; ja, man sollte sich überhaupt wieder klarmachen, dass der Autorenkult einmal ganz unwichtig gewesen ist.

Das alles bleibt der weiteren, eigenständigen Recherche von Literaturliebhabern überlassen, für die diese beachtlichen Fleißbände verlässliche Information bieten.

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