Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Schiffbruch auch ohne Tiger

Der Bericht eines Überlebenden der Fregatte Medusa (1816) ist fesselnd, enthüllt aber nicht gerade die schönsten Seiten der menschlichen Natur

Von BALTHASAR HAUSSMANN

Ein vollkommen unfähiger Kapitän der französischen Kriegsmarine steuerte am 2. Juli 1816 die Fregatte Méduse auf eine Sandbank vor der westafrikanischen Küste. Das Schiff zerbrach, die sechs Rettungsboote reichten nicht aus, und man baute aus den Masten und anderen Balken ein Floß von 20 mal 7 Metern, das von den Booten geschleppt werden sollte. Nachdem 150 Mann das Floß bestiegen hatten, lag es einen Meter unter Wasser, weil man die Auftriebtonnen vergessen hatte. Man stand dicht aneinander gepresst; um überhaupt Platz zu haben, wurden einige Tonnen mit Mehl, Wasser und Wein ins Meer geworfen. Der Konvoi kam schlecht und recht voran; bald lösten die Boote die Taue vom Floß und ruderten allein davon; sie wollten wenigstens ihre eigene Haut retten. Jeder wusste, was das bedeutete, jeder kannte Geschichten von Schiffbruch und Kannibalismus.

In zwei stürmischen Nächten wurden die ersten vom Floß gespült. Die Verzweiflung schlug in Aggression um, einige Matrosen meuterten, bei dem Gemetzel starben sechzig Mann. Am dritten Tag begann man, von den Leichen zu essen. Eine zweite Meuterei, wieder dreißig Tote. Gut die Hälfte der Übriggebliebenen war schwer verwundet, und man beschloss nach langer Diskussion, sie ins Meer zu werfen, damit die letzte Tonne Wein ein paar Tage länger reichen möge. Die Rechnung ging auf: Am 17. Juli, als die Tonne fast leer war, wurden die 15 Überlebenden von einem Schiff aufgenommen.

Kapitän ohne Skrupel

Der Kapitän, der schon längst in Senegal angekommen war, hatte nachweislich keine Anstalten zu ihrer Rettung unternommen. Nicht ohne Erbitterung verfasste der Wundarzt Savigny, einer der Überlebenden, einen Bericht für das Seeministerium, in dem er die Schuldigen benannte. Über Umwege gelangte der Bericht an die Presse, der Skandal war da: Der Kapitän, ein Adliger, hatte das Kommando ausschließlich aufgrund guter Beziehungen zum neuen, nachnapoleonischen Restaurationsregime, namentlich zum Seeminister bekommen, der, als überzeugter Royalist, mehr auf den Namen als auf die Qualifikation Wert gelegt hatte.

Zusammen mit seinem Leidensgenossen Alexandre Corréard verfasste J.B. Henri Savigny später noch eine zweite, ausführlichere und besser recherchierte Fassung des Berichts. Dieser Bericht ist aus zwei Gründen berühmt geworden. Zum einen ist er von einer Anschaulichkeit, die ihresgleichen sucht. Er erfasst nicht nur den unglaublichen Tathergang; als Arzt beobachtete Savigny auch die körperlichen und vor allem die seelischen Veränderungen der Verzweifelten, wie etwa die sehr schnell einsetzenden Halluzinationen und Wahnvorstellungen. Zum anderen hat Théodore Géricault dem Schiffbruch ein Gemälde gewidmet, das zu den bedeutendsten Werken der Zeit zählt, und so die Erinnerung an Savignys Bericht wachgehalten.

Die deutsche Neuauflage dieses Berichts ist vorzüglich aufbereitet. In einem einleitenden Essay beschreibt Michel Tournier die Anklänge des Berichts an die abendländisch-religiöse Mythen- und Bilderwelt, angefangen mit dem unheilschwangeren Namen des Schiffs, dessen Insassen - auch dies ist kurios - von einer Brigg namens Argus gerettet wurden.

Eine gehörige Portion Kalkulation

Der seemännisch beschlagene Kommentar von Johannes Zeilinger ist mindestens so spannend wie der Bericht selbst. Er liefert Bemerkungen zur moralischen Bewertung des Kannibalismus im 19. Jahrhundert, Beschreibungen der handelnden Charaktere, Informationen über die Hintergründe des Skandals und über seinen Fortgang, und er behandelt viele der Fragen, die der Bericht selbst aufwirft: Warum etwa hat man nach drei Tagen schon begonnen, sich an die Leichen zu machen? "Sicherlich hatte der Wahnsinn auf dem Floß mehr Methode, als Savigny gestehen wollte; seine énergie morale verfügte auch über eine gehörige Portion Kalkulation, der die Schwachen und Kranken zum Wohle weniger in einer grässlichen Triage zum Opfer fallen mussten."

Die Hauptfrage wird freilich die bleiben, wie man, etwa anstelle des Kapitäns oder Savignys, selbst gehandelt hätte, wie es um die eigene moralische Konstitution tatsächlich steht. Es ist diese Frage, die Joseph Conrads Romane, etwa Lord Jim, so zeitlos spannend macht. Dazu Zeilinger: Der englische Admiral Lord John Byron, der immerhin sieben Schiffbrüche überlebt hat, "meinte Zeit seines Lebens, dass man einen Mann nicht wirklich kennt, bis man ihn in einem Schiffbruch erlebt hat".

Das ist nicht unbedingt beruhigend. Akademischer geht es dagegen in dem Aufsatz des Kunsthistorikers Jörg Trempler zu. Es ist natürlich übertrieben, wenn der Klappentext ankündigt, in dieser Analyse des Gemäldes von Géricault sei der "Ursprung der Livebildberichterstattung" zu finden - "live" ist geradezu das Gegenteil dieses Bildes, das in dichter Stilisierung verschiedene Zeitschichten des Geschehens einfangen will. Trempler versucht vielmehr, eine Typologie des modernen Nachrichtenbildes auf Géricault anzuwenden.

Dieses Buch ist zweifellos mit verlegerischer Leidenschaft gemacht worden. Wie oft kann man das schon sagen? Man liest es in einem Zug durch und will dann wieder die Schiffsgeschichten aus Jugendtagen aus dem Schrank holen.

Das Buch:J.B. Henri Savigny / Alexandre Corréard: Der Schiffbruch der Fregatte Medusa. Übersetzung aus dem Französischen anonym 1818. Verlag Mathhes & Seitz, Berlin 2005, 256 Seiten, 22,80 Euro.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare