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Dowlatows "Der Koffer"

Hat das Schicksal ein Recht auf Ironie?

Sergej Dowlatow war ein Säufer, ein Frauenheld und ein sowjetischer Zyniker. Vor allem war er ein großartiger Autor, den Joseph Brodsky unterstützte. Eine Verführung zum Wiederlesen.

Von Olga Martynova

Ende August 1990 klingelte in unserer Leningrader Wohnung das Telefon. Ein Mitarbeiter der Zeitung "Leningrad am Abend" sagte, in New York sei der Schriftsteller Sergej Dowlatow im Alter von 49 Jahren gestorben. Ob Oleg Jurjew oder ich einen Nachruf schreiben würden? Obwohl wir Dowlatow sehr schätzten, lehnten wir beide ab. Es gab viele, die für diese Aufgabe besser geeignet waren als wir - unsere älteren Kollegen, Menschen der legendären 60er Jahre. Dowlatows Freunde, die zugleich Figuren seiner Bücher waren.

Dowlatow emigrierte 1978 und wurde in den USA erstaunlich erfolgreich für einen Exil-Autor ohne "alten Ruhm" oder "politische Legende". Nicht zuletzt dank seines einflussreichen Freundes und Gönners Joseph Brodsky, der auch einer aus der Leningrader Literaturszene der 60er war, aber Ruhm und Legende mitgebracht hatte. Übersetzungen von Dowlatows Büchern waren erschienen, der New Yorker hatte seine Geschichten veröffentlicht, Dowlatow war zum Stammgast internationaler Konferenzen geworden, die diverse Stiftungen mit den Mitteln diverser Geheimdienste finanzierten. In einem seiner Briefe erzählt Dowlatow, wie ein verdienter Dissident die Trinkereien mit den alten Freunden zum eigentlichen Zweck solcher Konferenzen erklärte und wie "amerikanische Veranstalter das mit einigem Staunen hörten, weil sie dachten, der Zweck sei die Niederschlagung des Totalitarismus".

Ist das zynisch? Ja und nein. Es ist in erster Linie eine nüchterne Feststellung: Die russische Literatur, das einzige, was für Sergej Dowlatow wichtig war, scherte im Westen keinen, solange es nicht um politische Spiele ging. Mit Zynismus auf Zynismus zu antworten - das war die traurige sowjetische Lebensschule. Dieser Wechselgesang der Zynismen war das große Thema Dowlatows, der bittere Hintersinn all seiner Anekdoten und Witzeleien. Eben das machte ihn zu einem bedeutenden Schriftsteller - im Unterschied zu vielen seiner Nachahmer (eine in Russland sehr verbreitete Spezies, die so genannte "Post-Dowlatowsche Prosa"), die nur makabre und absurde Anekdoten ohne tragische, existenzielle Dimension nacherzählen.

Natürlich basierte Dowlatows Erfolg in den USA unter anderem auch darauf, dass seine Geschichten die Klischees über Russland bedienten: Saufereien, Schlägereien, Armut, Zensur usw. usf. Aber Dowlatow hatte auch andere Werkzeuge: neben den pointierten Geschichten und dem bis zur Perfektion geschliffenen "Dowlatowschen Satz", der wie eine Gedichtzeile im Gedächtnis des Lesers bleibt. Dieser Satz hilft die mündliche Erzählung ohne Verlust an Natürlichkeit und Witz schriftlich zu fixieren, was sehr schwierig ist (das weiß jeder, der das einmal versucht hat). Dieser Satz sticht tödlich, bleibt aber immer unter dem Schleier einer Selbstironie und virtuos gespielten Gutmütigkeit versteckt.

Der ungezwungen wirkenden Erzählweise Dowlatows liegt oft eine einfache, aber stabile Rahmenkonstruktion zugrunde. In "Der Koffer" ist es der Inhalt eines alten Koffers, dessen Inhaber ein russischer Emigrant namens Sergej Dowlatow ist. Die in diesem Koffer in den Westen gereisten Siebensachen erzählen lustige Geschichten. Ein Zweireiher, den eine Redaktion ihrem freien Mitarbeiter schenkte, damit er offizielle Beerdigungen als Pressevertreter besichtigen kann, ohne die Zeitung mit seinem Bohemien-Look zu blamieren. Ein paar Schuhe, die der Erzähler dem Leningrader Bürgermeister aus purem Übermut stahl. Ein Paar Handschuhe aus dem Requisitenfundus des Leningrader Filmstudios, inoffiziell ausgeliehen von einem Underground-Regisseur, der einen Underground-Film inoffiziell drehen wollte. Er ließ Sergej Dowlatow (der mit seinen 1,94 Metern als einer der größten russischen Schriftsteller aller Zeiten gilt) in der Schlange vor einer Bierbude stehen, als Peter der Große (mit den geschätzten 2,14 Metern der größte unter allen russichen Zaren) verkleidet. Der Regisseur erhoffte sich interessante Reaktionen der Bevölkerung, doch die Bevölkerung blieb cool und passte lediglich auf, dass "der Zar" sein Bier nicht außer der Reihe kriegte.

Dowlatow war für einige Jahre nach Tallinn gegangen, nachdem ihm in Leningrad eine Karriere in den staatlichen (und es gab nur solche!) Medien versagt worden war. Oder er hat versagt, auch dieses Gefühl musste er haben. Nun wollte er es in Estland versuchen, wo, wie in den meisten Sowjetrepubliken, erstaunlicherweise mehr ästhetische Freiheiten möglich waren, als in Russland und die Zensur nicht so streng war. Natürlich klappte auch das nicht so richtig. Er war zu frech, zu geistreich, zu unberechenbar für eine sowjetische Karriere.

Dafür aber schrieb er "Der Kompromiss". Jedes Kapitel dieses kleinen Romans beginnt mit einem kurzen Bericht aus einer russischsprachigen Zeitung in Sowjetestland. Ihm folgt die Geschichte seiner Entstehung. Komik und Dramatik werden durch die Distanz zwischen Berichterstattung und Realität erreicht. Der Redaktionsalltag, auch eine Art Koffer zum Sammeln der spätsowjetischen Absurditäten. Man säuft, man glaubt an nichts und erledigt die Zeitungsarbeit mit Hilfe einer guten Portion Zynismus, man lügt und akzeptiert die Lügen der anderen, der Antisemitismus gehört selbstverständlich zum offiziellen Leben dazu, die estnischen Parteibonzen sind genau so blöd wie die russischen. Der Erzähler veröffentlicht einen Kinderreim in der Rubrik, die den russischen Kindern die estnische Sprache beibringen sollte. Im Gedicht sagt ein Bärchen Tere, was estnisch "Hallo" heißt. Die Reaktion "von oben": "... was soll das bedeuten? Dass ein Este ein Tier ist? Ich soll ein Tier sein? Ich, der Instruktor des Zentralkomitees der Partei, ein Tier?"

Sergej Dowlatow schrieb, dass Gott ihm genau das gab, worum er gebeten hatte. Er wollte angeblich nur publizieren dürfen, nur zu einem durchschnittlichen Berufsliteraten werden, das wäre sein ganzes Glück. Gott hätte ihm das schließlich gegeben, doch dann sei ihm, Dowlatow, eingefallen, noch mehr zu wollen. Zu spät. Man bittet Gott nicht um Nachschlag. Dowlatow starb an der Schwelle seines Ruhms in Russland. Die allgemeine Liebe, der sich seine Bücher im postsowjetischen Russland erfreuen, konnte er nicht mehr genießen. Ist das Schicksal überhaupt berechtigt, ironisch zu sein? Kann man ihm das nicht verbieten?

Als einmal "The Voice of America" berichtete, dass Kurt Vonnegut Dowlatow den "besten Erzähler des Jahres" nannte, war das in Leningrad eine Sensation. "Wie, unser Dowlatow?" lasen wir in den Augen der älteren Kollegen. "Ein Säufer und Versager, der es nicht schaffte, in der Sowjetunion ein Buch zu publizieren, ein Frauenheld und Zänker, der sich mehr schlecht als recht als freier Journalist durchschlug - das kann doch nicht wahr sein! Und was können die Amerikaner mit seinen Geschichten über die ihnen unbekannten Menschen anfangen?! Gut, Brodsky kennen sie, die Amis, über ihn kann man Anekdoten verkaufen. Aber über Sergej Wolf?!"

Sergej Wolf (1935 - 2005) kannten Amerikaner natürlich nicht. Aber wir! Er war ein Prinz der Leningrader Literaturszene der 60er Jahre, ein Stutzer, Jazzkenner, der vielversprechendste Prosaiker dieser Generation, der später jedoch, wie so viele, das Dasein des verkannten Genies aufgab und zu einem mittelmäßigen Kinderbuchautor, also "erfolgreich" wurde, bis er in den späten Jahren anfing, wunderbare Gedichte zu schreiben, die er wieder - wie seine frühe Prosa - nicht veröffentlichen konnte. Er war amerikanophil und ein Vonnegut-Bewunderer. Mann sollte seine Enttäuschung und selbstironische Verlegenheit sehen, nachdem er einen Amerikaner gefragt hatte, ob er "unseren" Dowlatow kenne, den "ihr" Vonnegut so hoch gepriesen hatte, und zur Antwort bekam: "Mein Lieber, ich weiß nicht einmal, wer Vonnegut ist". So eine Geschichte würde auch Dowlatow gern aufschreiben.

Es gibt ein altes Theaterstück von Edward Albee "The Death of Bessie Smith", das der Legende folgt, die große Jazzsängerin sei gestorben, weil sie in den Kliniken für Weiße nicht angenommen worden sei, und als man sie endlich in einer Klinik für Schwarze behandelte, war es zu spät. Dowlatow hatte keine Krankenversicherung. Als er mit einem Herzinfarkt nach mehreren Versuchen endlich ohne Versicherungsschein in einer Klinik aufgenommen wurde, war es ebenfalls zu spät. Dann klingelte in unserer Leningrader Wohnung das Telefon...

Sergej Dowlatow: Der Koffer. Roman. Mit einem Vorwort von Wladimir Kaminer. Aus dem Russischen von Dorothea Trottenberg. DuMont Verlag, Köln, 160 Seiten, 17,90 Euro.Sergej Dowlatow: Der Kompromiss. Roman. Aus dem Russischen übertragen von Franziska Stöcklin. Mit einem Nachwort von Ulrich Schmid. Pano Verlag, Zürich, 197 Seiten, 22 Euro.

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