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Herta Müller und ihre Gedichtbilder
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Herta Müller und ihre Gedichtbilder

Herta Müller

Die Schere weist den Weg

Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller spricht in Frankfurt über ihre Wörtercollagen in „Vater telefoniert mit den Fliegen“.

Wenn Herta Müller über das Wörterausschneiden und Wörterzusammenlegen spricht, gerät sie in einen Schwung, der in diesem Maße unerwartet ist. Der Schwung nämlich auch der schieren Tüftlerin (Modelleisenbahn- oder Flaschenschiffbauerin). Ja, sie sei besessen, sagte die in den Schreibpausen collagierende Literaturnobelpreisträgerin.

Sie sprach über ihre überquellenden Wörterreserven in den dafür vorgesehenen Schränkchen ihrer „Werkstatt“, denn das Ganze sei etwas ausgeartet. Sie sprach über die Begeisterung, die sie beim Wörterausschneiden für eine bestimmte Farbe ergreifen könne, Gelb etwa, da sei dann kein Halten mehr. Sie sprach über die Suche nach einem bestimmten Wort, das plötzlich auftauche, wenn es zu spät sei. Wörter, die zu lange warten müssten, würden alt. Wenn ein Wort aber aufgeklebt sei, gebe es kein Zurück. „Das ist alles genau wie im Leben“, sagte Herta Müller.

Ihr neues Collagenbuch „Vater telefoniert mit den Fliegen“ stellte sie jetzt auf Einladung des Literaturhauses Frankfurt im Schauspielhaus Frankfurt am Main vor. Ernest Wichner vom Literaturhaus Berlin begleitete sie. Sein Frankfurter Kollege Hauke Hückstädt nannte ihn den „wohl zweitbesten“ Kenner von Herta Müllers Werk – nach ihrem Mann, denn der Autor / die Autorin selbst kenne das eigene Werk normalerweise nicht so gut.

Es blieb aber offen, ob das in diesem einen Fall stimmte. Denn Wichner gab zwar eine sorgfältige Einführung. Aber erst als Herta Müller die Leidenschaft und auch das Vergnügen ins Gesicht geschrieben war, der Ehrgeiz, Zeitschriftenwörter in einen eigenen Blocksatz zu bringen, die Not und die Lust, nur einen ansichtskartengroßen Raum dafür zur Verfügung zu haben, erschloss sich, dass es um eine außerordentlich sinnliche Affäre geht. Mit „aus den Kopf geschriebenen Wörtern“ wäre das nicht zu machen. Es müssen, so Müller, Wörter sein, die „woanders herkommen“, die alle bereits und gleichzeitig da sind und nur darauf warten, zurechtgeschoben zu werden.

„Die Schere weist den Weg“, sagte die Autorin und erzählte, wie sie in der Schule darunter gelitten habe, nicht malen zu können. Auch fotografieren könne sie nicht, der Versuch, das Grab des rumänischen Ex-Diktators Ceausescu zu fotografieren, sei völlig gescheitert: Auf keinem Bild sei das Grab zu sehen. Eine surreale Situation, der Collagen-Lyrik entsprechend. „Der Tod ist eine schmale kahle Meterware“, las Müller von einer Leinwand ab, damit auch das Publikum die Wörterbilder sehen konnte.

Das Finden des richtigen Wortes ist schwierig. Den Computer das Problem lösen zu lassen, wie Wichner vorschlug, wäre „unehrlich“, so Müller. Als sie einmal einen Salamander brauchte, ging sie in das entsprechende Schuhgeschäft. Just ein Formular für ein Reiseangebot enthielt genau das Gewünschte. Als sie das Formular bitte gleich ausfüllen sollte, erklärte sie, sie müsse erst mit ihrem Mann darüber sprechen. „Das leuchtete ein, das haben sie mir sofort geglaubt.“

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