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Foto-Buch

Lob der Schere

Ein Kompendium der gegenwärtigen Design-Avantgarde

"Die Gebrauchsgraphik ist tot. Ihre Mörder sind Computer mit hochauflösenden Chips, massenhaft Gigabytes und Fire-wires genannten, blitzschnellen Verbindungen. Keine Sorge: Was heute zählt, ist nicht die Ausführung, das Unterschneiden oder Beschneiden. Die Idee ist der Häuptling, der Herr der Dinge. Ein Grafikdesigner will vielleicht einen Film machen, einen Brief schreiben oder gar eine Laserskulptur in Form einer Handtasche schaffen. So ist es! Jetzt beginnt das eigentliche Vergnügen." Was hier von der Amsterdamer Designagentur Kessels-Kramer formuliert wurde, unterscheidet sich gar nicht so sehr von der Zeit von Bauhaus und Konstruktivismus: Als sich Künstler erstmals für die Anwendbarkeit ihrer Werke interessierten, der Gebrauchsgraphiker Walter Ruttmann abstrakte Filme machte und Malevitch eine schöne Teekanne. Und wie der Computer erfolgreich Schere und Klebstoff das Handwerk legte, so hatten seinerzeit die Offset-Drucktechniken den Lithoanstalten der Toulouse-Lautrec-Zeit Adieu gesagt. Charlotte und Peter Fiells imposante Übersicht über hundert Designer der Gegenwart ist dann auch ein überraschendes Retro-Vergnügen: Ein Gutteil der Graphiker arbeitet im Jahre 2003 mit psychedelischen Farbspielen oder dem Spiel mit der strengen Typografie der Zeit um 1960 à la Dieter Rams. Ebenso hat der 90er Jahre-Dekonstruktivismus Neville Brodys, auch wenn er hier demonstrativ nicht mehr vorkommt, noch genügend Anhänger, um das Schwindelgefühl über tanzende Buchstabenberge nicht zu verlieren.

Die wirkliche Avantgarde, dafür ist Kessel-Kramers Utrechter Festivalplakat ein schönes Beispiel, lebt vom ihrem Auftreten als bildende Kunst, deren Effektpotential sie sehr genau studiert hat. Wie in der Bauhauszeit ist leider das Avantgardedesign noch immer weitgehend aus der Großindustrie ausgesperrt. Die vielen hundert Schaustücke, die der schwere Buchklotz zusammenträgt, bezeugen lediglich den gestalterischen Mut der Musik-, Kultur-, und Modeindustrie. Und anders als es sich die Bauhausväter erträumten, sind wir auch heute bei aller Ähnlichkeit weit entfernt von einer Verschmelzung von bildender Kunst und Design. Es ist eben eher der Gestus des Auftretens als Kunst als die tatsächliche Vereinheitlichung mit ihr, der die Graphik-Avantgarde gegenwärtig auszeichnet.

DANIEL KOTHENSCHULTE

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