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Erfahrungsgesättigt, postmodern: Thomas Pletzinger.
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Erfahrungsgesättigt, postmodern: Thomas Pletzinger.

"Bestattung eines Hundes"

Scherbenhaufen, bist so schön

Mit psychosexueller Genauigkeit: Thomas Pletzingers erfreuliches Romandebüt.

Von OLIVER PFOHLMANN

Mandelkern (oder auch Amygdala) nennen Neurologen einen Teil des Limbischen Systems unseres Gehirns. Wessen Mandelkern zerstört ist, der ist arm dran: Droht ihm eine Gefahr, läuft er nicht weg, sondern bleibt stehen. Daniel Mandelkerns Mandelkern ist nicht zerstört. Deshalb gerät der Icherzähler in Thomas Pletzingers Debütroman auch in Panik, als ihn Elisabeth, seine Frau, zur Entscheidung für ein Kind nötigen will. Und flieht Hals über Kopf, eine handfeste Identitätskrise im Gepäck und noch Menstruationsblutreste seiner Gattin vom letzten Beischlaf am Leib, von Hamburg an den Luganer See.

Dort soll der freie Journalist einen öffentlichkeitsscheuen Kinderbuchautor interviewen. Denn für seine Chefredakteurin ist der studierte Ethnologe, dessen Dissertation schon seit geraumer Zeit "auf Eis liegt", der Mann für "Seltsamkeiten". Dass seine Chefin zugleich seine Frau ist (oder umgekehrt), sie die Miete der gemeinsamen Wohnung bezahlt und er das Telefon und sie ihn beruflich wie privat nur noch mit dem Nachnamen anredet (etwa beim Sex: "Halt still, Mandelkern!"), macht die Verhältnisse für ihn freilich nicht einfacher.

Ein Schäferhund mit drei Beinen

Seinem Auftrag, den Menschen Dirk Svensson hinter seinem Bestseller "Die Geschichte von Leo und dem Nichtviel" sichtbar zu machen, erweist sich Daniel jedoch als ebenso wenig gewachsen wie der von ihm erwarteten Vaterrolle: Antworten auf seine vorbereiteten Fragen erhält Mandelkern von Svensson nicht, stattdessen stellen sich ihm nur neue: Warum hat Svenssons Schäferhund Lua nur drei Beine? Wer ist Tuuli, die hübsche Finnin, die gleichzeitig mit ihm am Luganer See ankommt, und wer ist der Vater ihres Jungen? Wer war Felix Blaumeiser, und was verbirgt sich in seinem Koffer, den Mandelkern im Gästezimmer findet? Vor allem aber: "Wer genau ist Daniel Mandelkern?"

Dessen Aufschreibefuror im Zeichen von "teilnehmender Beobachtung" und "dichter Beschreibung" sorgt rasch dafür, dass mehr und mehr die Figur des Beobachters in den Fokus rückt. Alles wird vom Icherzähler in einer atemlosen und zugleich geschliffenen Sprache notiert und mit immer neuen Zwischenüberschriften ("meine Überschriften, meine Schubladen") und Kommentaren in Klammern versehen, Badezimmerartikel, Erinnerungsfetzen, Abfahrtszeiten, Telefonate und Zeitungsartikel: "Ich schreibe mit, weil ich die Dinge ordnen will (ich will mich sortieren)."

Kontrastiert, in einigen bizarren Details aber auch gespiegelt wird seine von ihm Stück für Stück rekonstruierte Lebens- und Beziehungsgeschichte von der Dreiecksbeziehung zwischen Dirk Svensson ("Svensson sammelt die Scherben und bastelt sich daraus die Welt zusammen, die er ertragen kann"), der finnischen Chirurgin Tuula (Daniels "Hauptinformantin") und dem verstorbenen Felix Blaumeiser. Unversehens wird Mandelkern in die dramatische Ménage-à-trois hineingezogen, die zehn Jahre zuvor im brasilianischen Urwald begann, in einer Silvesternacht in Lappland ihren Höhepunkt erreichte und im schockstarren New York nach 9/11 zerbrach. Und für die Lua, der dreibeinige Schäferhund, der sich bizarrerweise schon mal ein Bierchen bestellt und nun im Sterben liegt, eine großartige Metapher darstellt ("Zeit ist ein See und die Erinnerung ein trauriger Hund"). Am Ende erhält Elisabeth aus Italien von Mandelkern einen Stapel Papier, 345 Seiten, und sieben Postkarten: "Unsere Geschichten passen nicht auf eine Zeitungsseite", steht auf einer von ihnen. "Ich bin die Zeitungsseiten leid, Elisabeth. Das Leben ist ein Wirbel und kein Strich."

Danke, das liest man selten

Der Verdacht, der Leipziger Literaturinstitutsabsolvent Thomas Pletzinger habe zu viel gewollt, zu viel in sein Debüt reingepackt, liegt nahe. Bestätigt wird er insofern, als die Binnengeschichte, der Roman-im-Roman, den Pletzingers Icherzähler in Form eines von Svensson aufgegebenen Manuskripts im Gästezimmer findet, als Ganzes seine Herkunft vom Reißbrett nicht verleugnen kann. Im Einzelnen enthält Svenssons Geschichte jedoch glänzend erzählte Passagen, etwa von einem Hahnenkampf in einem brasilianischen Dorf oder von den ganz individuellen Erlebnissen und Reaktionen auf die Terroranschläge in New York.

Geradezu danken möchte man dem Autor dafür, mit welcher Genauigkeit und Einsicht in die psychosexuellen Verstrickungen und Nöte der Beteiligten hier endlich von heutigen Geschlechterverhältnissen erzählt wird, von denen die Gegenwartsliteratur sonst erstaunlich selten etwas zu berichten weiß. Zumal Pletzinger für seinen virtuos erzählten, hochreflexiven, anspielungsreichen Erstling die einzig mögliche Form findet: die Unordnung, aber auch Offenheit des Scherbenhaufens.

Thomas Pletzinger:Bestattung eines Hundes. Roman. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2008, 352 S., 19,95 Euro.

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