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Michael Köhlmeier: Hanebüchene Erzählfreude.
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Michael Köhlmeier: Hanebüchene Erzählfreude.

Michael Köhlmeier

Der Schelm als Mörder

Michael Köhlmeier präsentiert im Frankfurter Literaturhaus seinen neuen Roman „Die Abenteuer des Joel Spazierer“. Ein Buch, in dem das Verhältnis von Lüge, Wahrheit und literarischem Erzählen, intelligent und unterhaltsam durchgespielt wird.

Von Christoph Schröder

Da gibt es die Geschichte des Mitschülers. Ein braver Bub, den man mögen musste. Eines Tages wähnte er die Familie eines Schulfreundes im Urlaub; der Junge verschaffte sich, warum auch immer, Zugang zum vermeintlich leer stehenden Haus. Die Mutter des Schulfreundes war nicht verreist und überraschte den Bub, woraufhin dieser die Frau mit deren Küchenschürze erwürgte. „Das war unvorstellbar“, sagt Michael Köhlmeier heute, „dass einer von uns so etwas tut.“

Dieser reale Vorfall bildet den Nukleus zu Köhlmeiers neuem Roman „Die Abenteuer des Joel Spazierer“, den der österreichische Schriftsteller im Literaturhaus Frankfurt im Gespräch mit der Literaturkritikerin Sandra Kegel vorstellte. Ein so facettenreiches wie mit rund 650 Seiten auch umfangreiches Buch, in dem Köhlmeiers Grundthema, das Verhältnis von Lüge, Wahrheit und literarischem Erzählen, auf das Intelligenteste und Unterhaltsamste durchgespielt wird. Man könnte den Held einen Schelm nennen, wäre er nicht ein mehrfacher Mörder. Joel Spazierer, 1949 in Ungarn geboren, erlebt die Wirren der Weltgeschichte als eine Odyssee durch Europa. Er ist ein nach außen hin charmanter, innerlich eiskalter Schwindler, frei von jeder Anfälligkeit für Ideologien. Man kommt nicht umhin, ihn zu mögen, das ist das Perfide an Köhlmeiers Kunst.

Viele seiner Figuren, so Köhlmeier, seien Lügner, um sich als Individuen unantastbar zu halten. Das moralische Gebot der Wahrheit habe schließlich viel mit Machtausübung zu tun. Und Köhlmeier hat eine absolut einleuchtende Strategie entwickelt, um seinen notorischen Schwindlern die Absolution zu erteilen: „Je umständlicher und ausschweifender einer erzählt, umso glaubwürdiger wird er.“

Wie das gemeint ist, demonstrierte Köhlmeier anhand einer unglaublich komischen Passage aus dem Roman, die auf den ersten Blick hanebüchen wirkt, in ihrer Detailfreudigkeit allerdings sämtliche Zweifel auflöst: Unter dem falschen Namen Ernst-Thälmann Koch siedelt sich Joel Spazierer als angeblich illegitimer Enkel des Volkshelden in den 70er-Jahren in der DDR an und wird Professor für wissenschaftlichen Atheismus an der Humboldt-Universität. Die Inhalte seiner Seminare sind so dünn (Gott mit unbestimmtem oder bestimmtem oder ganz ohne Artikel?) wie seine Präsentation glänzend ist. Er wird zum Kultstar, selbst Margot Honecker tätschelt ihm die Hand. Das erfüllt Köhlmeiers Credo: „Wenn du eine private Geschichte erzählst, erzählst du im besten Fall die Weltgeschichte mit.“

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