+
"Seine Seele rollte sich zusammen in diesem Ei." Kapelle von Fritz Breuhaus de Groot in Glashütten im Taunus, 1956.

Jörg-Uwe Albig

Sie schaut so unnahbar

  • schließen

In Jörg-Uwe Albigs Novelle "Eine Liebe in der Steppe" begehrt ein Paläontologe eine Kirche.

Spätestens seit dem 17. Juni 1979, dem Tag, an dem die damals 35-jährige Schwedin Eija-Riitta Wallis Winther Arja Nikki Lee Eklöf die Berliner Mauer heiratete und fortan den Namen Eklöf-Berliner-Mauer trug, kennt die Welt das Phänomen der Objektophilie. Die Mauer gab mit Hilfe eines dolmetschenden Animisten ihr Ja-Wort, die Ehe hielt gut zehn Jahre, bis das Bauwerk kippte. Die Witwe starb im Oktober 2015 zu Hause in Liden.

Die Objektophilie, auch Objektsexualität, unterscheidet sich vom Fetischismus dadurch, dass sie, wie jede echte Liebe, über die sexuelle Stimulanz hinaus geht. Die (noch?) sehr seltenen Objektsexuellen billigen ihrem Gegenüber so etwas wie eine eigenständige Persönlichkeit zu, adeln es sozusagen zum Subjekt und fühlen sich von ihm angezogen. Möglicherweise kommen die Objekte irgendwann auch ganz ohne uns aus. Das hätte unabweisbare Vorteile.

Nun hat es den Paläontologen Gregor Stenitz erwischt. So heißt der Held in „Eine Liebe in der Steppe“, der beim Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt als überfrachtet verrissenen Novelle von Jörg-Uwe Albig. „Die Steppe“ ist eine Landschaft mit einer im Rückbau begriffenen Plattenbausiedlung an einem Kleinstadtrand irgendwo in Ostsachsen. Jeder, in dessen Brust ein einfühlungsfähiges Herz schlägt und der schon einmal diese monströsen Knabberkräne dabei beobachtet hat, wie sie sich in Beton beißen, den Bewehrungsstahl wie zähe Blutgefäße aus dem Gewebe ziehen und die lädierten Wände zum Ächzen und Kippen bringen, weiß, dass Häuser unter Qualen sterben können. Also leben sie vorher doch wohl. Aber ist das überhaupt wichtig?

Wenn man, wie Gregor noch dazu täglich mit den kleinsten und ältesten erhaltenen Strukturen des Lebens Umgang pflegt, mit Lebewesen, die vor Millionen Jahren Erde geworden sind, dann Stein und schließlich Baustoff, dem verwischt schon mal die so offenkundig erscheinende Grenze zwischen toter und belebter Materie.

Als Gregor bei einem seiner Spaziergänge durch die Brachen eine evangelische Betonkapelle findet, fühlt er sich seltsam angezogen. Er geht hinein. „Der Raum war enger, als er erwartet hatte, Gregor atmete tief ein, dehnte den Brustkorb ... Er spürte die Schwere der Mauern, die Massivität, die ihn bedrängte; er sog die Luft ein, die dick war wie Dotter. Einen Moment lang fühlte er sich geborgen in dieser amniotischen Welt, seinem nährenden Privatmeer, das eine feste Schale umgab.“ Nur kurz: Das Amnion (aus dem Altgriechischen ,das zum Lamm Gehörende“) ist die innere Eihaut, die den Embryo umschließt. Und weiter: „Seine Seele rollte sich zusammen in diesem Ei, und ihm war, als hätte er hier und jetzt teil an dieser Erfindung, die den Urreptilien über zweihundert Millionen Jahre die Unabhängigkeit gesichert hatte, ihre Freiheit vom Wasser, ihren evolutionären Erfolg.“

Ein Klotz erwacht zum Leben, eine Liebe entzündet sich, nimmt ihren Weg von der Mutter-Kind-Urform, die Georg mit der schutzbedürftigen Unschuld eines Ungeborenen fühlt, um sie sogleich auf eine reflektierte platonische Ebene zu heben, von wo aus er locker über zwei Millionen Jahrhunderte in die Vergangenheit springt und sich emotional mit immerhin einstmals gelebt habenden Reptilien verbindet. Wie man sieht, es ist etwas dran an dem Vorwurf der Überfrachtung, man kann diesen Ideenreichtum und diese Dichte aber auch als Geschenk nehmen.

Und über eine Handlung verfügt die Novelle auch, schließlich fordert jede Liebesgeschichte Opfer und Nebenbuhler. Wenn Georg im Zuge der Geschehnisse in Gips zu liegen kommt, klingt das nach einer Katastrophe – dabei kann er sich wieder fühlen wie ungeschlüpftes geborgenes Küken.

Man lese dieses Büchlein langsam, beschäftige sich sorgsam mit seinen Worten und Sätzen, als hätte man es in einer Ausgrabung zu tun. Es ist – man merkt es ihm an – auf ähnliche Weise geschrieben worden.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion