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"Rosinenbomber" über Berlin: Von Juni 1948 bis September 1949 wurde die abgeriegelte Stadt durch eine Luftbrücke versorgt.

DDR und BRD

"Schaut auf diese Stadt"

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1949 ist das Jahr der Gründung der beiden deutschen Teilstaaten - zugleich ein "langes Jahr". Setzte es doch bereits Monate zuvor ein, wie Episoden aus dem September 1948 belegen.

Die Zukunft Deutschlands: 65 ergraute Gestalten, Durchschnittsalter Mitte 50, jeder Dritte über 60, nur sieben unter vierzig Jahre alt, 60 Prozent Beamte, etliche Landtagsabgeordnete, zwölf Landesminister. Vier Frauen. Ein letzter Gruß des alten Reichstags: Elf Mitglieder des Parlamentarischen Rates, der am 1. September in Bonn seine Arbeit beginnt, waren bis 1933 schon Abgeordnete in Berlin. Die Länderparlamente der drei westlichen Besatzungszonen haben sie geschickt, nicht die westdeutschen Bürger in direkter Wahl. 

Die 61 Männer und 4 Frauen sind nicht repräsentativ, weder nach Lebensalter noch nach Geschlecht noch nach ihrer Ausbildung, schon gar nicht nach ihrer politischen Überzeugung. Die meisten waren Gegner der Nazis und haben dafür mit ihrer Freiheit oder ihrer Berufstätigkeit bezahlt. Noch vor wenigen Jahren wurden sie von der nationalsozialistischen Gesellschaft als Volksverräter betrachtet, jetzt sollen sie sich berufen fühlen, im Namen des Volkes eine provisorische Verfassung für einen provisorischen Weststaat zu schreiben, der den Schutz der Menschen- und Bürgerrechte als Höchstwert deklariert. Die Arbeit des Parlamentarischen Rates findet so wenig öffentliches Interesse wie seine 65 Mitglieder und die fünf nicht stimmberechtigten Abgeordneten aus Berlin. Die Zeitungen fühlen sich im Allgemeinen nur zur Angabe ihrer Namen, der Parteizugehörigkeit, des Alters und ihres Berufs verpflichtet.

Ruth Andreas-Friedrich jedoch zündet in Berlin-Steglitz an diesem Abend – es ist der neunte Jahrestag des deutschen Überfalls auf Polen – vier Kerzen statt nur einer an. Ihr ist behaglich. Sie träumt von einem kleinen, aber sympathischen Deutschland, ohne preußische Aggression, ohne Gefahr eines Weltmachtanspruchs, sowjetisch nicht infiziert, kurzum geeignet und würdig, der großen europäischen Völkerfamilie eingegliedert zu werden. Seit ihrer Kindheit hat sie für die Vereinigten Staaten von Europa geschwärmt. Nun aber, da sie vielleicht näher rücken, sieht sie sich in West-Berlin auf einem Felsen in der Brandung, inmitten der sowjetischen Zone.

Hermann Runge ist unsichtbar. Der markante Kopf Konrad Adenauers (CDU), des alten Präsidenten des Parlamentarischen Rates und früheren Kölner Oberbürgermeisters, ist allgemein bekannt, das breite Lächeln Carlo Schmids (SPD), der den Hauptausschuss leitet, wird gerne in den Zeitungen gedruckt, auch Theodor Heuss von den Liberalen, sogar der Kommunist Max Reimann, der den Ablauf der Beratungen immer mal wieder mit wütenden Zwischenrufen unterbricht, wird dem Publikum gezeigt. Hermann Runge nicht. Vom ersten Tag an ist er nicht zu sehen, vom ersten bis zum letzten Tag wird im Parlamentarischen Rat von ihm auch kaum etwas zu hören sein. Er ist Schriftführer in einem Ausschuss. Er schreibt und schweigt. Die Geschichten, die über den Parlamentarischen Rat geschrieben werden, handeln vom Föderalismus, auf dem die US-Amerikaner und die Franzosen bestehen, vom Streit um die Bund-Länder-Kompetenzen, von Auseinandersetzungen zwischen den Fraktionen untereinander und zwischen dem Parlamentarischen Rat und den Vertretern der Militärverwaltungen. Von dem, was Hermann Runge erzählen könnte, handeln sie nicht.

Seit 1931 war der gelernte Schlosser und Schmied SPD-Parteisekretär in Moers am Niederrhein, seit Juni 1934 im Widerstand mit Johanna Niederhellmann und Sebastian Dani. Mit Unterstützung des Unternehmers hatten sie aus der Brotfabrik „Germania“ in Duisburg-Hamborn eine Organisationszentrale zur Verteilung illegaler, aus dem Ausland eingeschmuggelter Schriften gemacht – Verbreitungsgebiet bis Düsseldorf, Bonn, Aachen und Essen. Ein Jahr später war die Gruppe aufgeflogen, 600 Brotfahrer und Kunden waren von der Gestapo verhaftet worden. 

In den Folterkellern waren vier Männer ermordet, Runge, Niederhellmann und Dani nach schweren Torturen zusammen mit 164 anderen wegen ver- meintlicher Vorbereitung zum Hochverrat vom Oberlandesge- richt Hamm zu mehrjährigen Gefängnis- und Zuchthausstrafen verurteilt worden. Drei Jahre nach Kriegsende verlässt Johanna Niederhellmann, von den Spuren der Folter gezeichnet, die Duisburger Kommunalpolitik, Sebastian Dani ist Stadtdirektor in Bonn, Hermann Runge das stumme Wahrzeichen des Widerstands im Parlamentarischen Rat. Niemand hört seine Geschichte. Aber Karl Schwesig hat sie gezeichnet.

Schwesig ist Spezialist für Folter und Experte auf dem Gebiet des Überlebens. Seine Erfahrungen hat Schwesig – Sohn eines Bergmanns, KPD-Mitglied und zusammen mit dem Schauspieler Wolfgang Langhoff Gründer der Ortsgruppe Düsseldorf der Assoziation revolutionärer Künstler (ASSO) – in den Folterkammern der Gestapo und in diversen Konzentrationslagern erworben. Die Erinnerungen an seine Misshandlungen im Düsseldorfer Gestapo- Verlies hat der kleinwüchsige Maler – infolge einer Rückgratver- krümmung wegen Mangelernährung ist er nur 1,39 Meter groß – im 48-teiligen Schlegelkeller-Zyklus festgehalten.

Was mit Karl Schwesig geschah, hat Wolfgang Langhoff in seinem Tatsachenbericht „Die Moorsoldaten“ so beschrieben: „Sie haben einen neuen Gefangenen mitgebracht, einen kleinen buckligen Mann mit langen Haaren. Den haben sie an den Haaren hochgerissen und geschrien: ‚Der da hat euch verpfiffen! Der singt alles, was wir wollen, nicht wahr, Karlchen?‘ Und das Karlchen hat gerufen: ‚Nicht mehr schlagen, bitte, bitte, nicht mehr schlagen! ,In seine langen Haare haben sie dann ein Hakenkreuz eingeschnit ten, dass er am Kopf geblutet hat …“

Danach hatte Schwesig genug Expertise, um auch die Misshandlungen der Widerständler in der Brotfabrik „Germania“ in einer Serie von 20 Zeichnungen präzise darzustellen. Einen seiner Peiniger – ein Künstler-Kollege, dem es gelungen ist, sich zum Sturmführer der SA hochzuprügeln – hat Schwesig zwar 1947 angezeigt, aber der Generalstaatsanwalt hat das Verfahren wegen mangelnder Erfolgsaussichten eingestellt. Wolfgang Langhoff hat niemanden angezeigt, sondern war nach dem Krieg zunächst Generalintendant der Städtischen Bühnen Düsseldorf und ist mittlerweile seit zwei Jahren Chef des Deutschen Theaters in Ost-Berlin. Und Runge? Immerhin muss er nicht mehr untertauchen. Er wird in Bonn ohnehin nicht bemerkt.

Für Hjalmar Schacht ist der 1. September persönlich ein wichtiger Tag. Die Spruchkammer des Internierungslagers Ludwigsburg spricht den ehemaligen Reichsbankpräsidenten und Reichswirt- schaftsminister im Berufungsverfahren von dem Vorwurf frei, er habe das Geld für die Angriffskriege des Dritten Reichs organisiert. In der ersten Instanz war er im vergangenen Jahr zu acht Jahren Arbeitslager verurteilt worden. Schacht hatte gegen das Urteil protestiert. Die Richter hätten seine Rolle im NS-Staat voll- kommen falsch gewürdigt. In Wahrheit sei er ein entschiedener Gegner des Nationalsozialismus gewesen. Mit der Selbstdarstellung als Widerstandskämpfer hatte er schon im Nürnberger Prozess Erfolg und war freigesprochen worden.

Robert Kempner, der stellvertretende Hauptankläger, behauptet zwar, man hätte im Fall Schacht für eine Verurteilung einfach nur gründlicher ermitteln müssen, die Ankläger hätten einen Fehler gemacht. Aber Schacht, der immer alles besser weiß, ist auch hier besser informiert als der Ankläger und behauptet, er könne sich sogar auf Adolf Hitler berufen, der ihm bei seiner Entlassung als Reichsbankpräsident im Januar 1939 höchstpersönlich und ausdrücklich bescheinigt habe: „Sie passen in das ganze nationalsozialistische Bild nicht hinein.“ So schreibt es jedenfalls Hjalmar Schacht in seinem Buch „Abrechnung mit Hitler“, das schon wenige Tage nach seinem endgültigen Freispruch erscheint. Einige der „eindrucksvollsten Kapitel“ dieser „bedeutsamen Arbeit“ veröffentlicht die „Zeit“ als Vorabdruck.

Aktualität ist ein untrügliches Qualitätsmerkmal der Tages- und Wochenpresse. Am 7. September jährt sich zum fünften Mal die Ermordung des jungen Pianisten Karlrobert Kreiten. Das könnte Anlass für einen Rückblick auf das Verbrechen sein, zumal für die Bonner und die Berliner Zeitungen. Denn Kreiten war gebürtiger Bonner und ist im Gefängnis Berlin-Plötzensee, der zentralen Hinrichtungsstätte für den Vollstreckungsbezirk IV gehenkt worden. Aber die Nachrichten über die Wirtschaftsentwicklung im künftigen West-Staat sind vermutlich interessanter als das tödliche Geschehen vor einem halben Jahrzehnt, das immerhin damals in einem ausführlichen Nachruf Beachtung fand.

Der 27 Jahre alte Kreiten, einer der begabtesten Pianisten seiner Generation, hatte vor einem Konzert in Heidelberg im privaten Gespräch mit zwei Musikerinnen Zweifel am Endsieg geäußert. Die Frauen – eine von ihnen eine Jugendfreundin seiner Mutter – hatten den Pianisten denunziert; er war von der Gestapo verhaftet und vom Volksgerichtshof unter dem Vorsitz Roland Freislers zum Tod wegen Wehrkraftzersetzung verurteilt worden. Seine Hinrichtung war der Auftakt der Plötzenseer Blutnächte, eine Mordaktion des Reichsjustizministeriums, um die durch einen Luftangriff beschädigte Haftanstalt schnellstmöglich zu leeren. 

Allein am 7. September waren außer Kreiten 185 Menschen gehenkt worden. Wenige Tage später war im „12-Uhr-Blatt“ ein Nachruf des jungen Feuilletonisten Werner Höfer erschienen, der die Exekution Kreitens überschwänglich lobte. Die Hinrichtung des „ehrvergessenen Künstlers“, dem so wenig verziehen werde wie dem „letzten gestrauchelten Volksgenossen“, befestige den sozialen Burgfrieden: „Der berühmte Mann und der namenlose Arbeiter, die in der abendlichen U-Bahn nebeneinandersitzen – sie können sich ohne Vorbehalte grüßen.“ Ein Jahr später war Höfer zum Sachbearbeiter mit Ministerialzulage im Reichsrüstungsministerium aufgestiegen. Dienststelle: Zentralabteilung Kultur und Propaganda. Seit vergangenem Jahr arbeitet Höfer als leitender Redakteur beim Nordwestdeutschen Rundfunk, NWDR. Die schöne Position soll ihm der Nachfolger Wolfgang Langhoffs als Generalintendant der Städtischen Bühnen in Düsseldorf verschafft haben. Er habe für ein Interview mit dem Sender zur Bedingung gemacht, von keinem anderen als von dem ihm bekannten Journalisten Werner Höfer befragt zu werden. Das war er Höfer schuldig. Denn im Fe- bruar 1947 hatte Höfer im „Rheinischen Merkur“ gefordert, den „Rheinländer von Geblüt“ zum Düsseldorfer Intendanten zu er- nennen, er sei eine „vielversprechende Vision“. Der Name der Vision war seit dem Frühjahr 1944 auf der Gottbegnadetenliste zu finden gewesen. Willkommen, Gustaf Gründgens.

Was ist im Jahr 1948 in Deutschland eigentlich rassistisch? Verbrechen im Zusammenhang mit den Verwüstungen der Reichspogromnacht im November vor zehn Jahren gehören für die Justiz offensichtlich nicht unbedingt dazu. Im Mai 1947 hat das Landgericht Bremen zwei Brüder wegen gemeinsamen Totschlags am jüdischen Kaufmann Heinrich Rosenblum zu acht und sechs Jahren Zuchthaus verurteilt. Die SA-Männer hatten vorgetragen, in der Nacht vom 9. zum 10.

November 1938 habe ihnen ihr Scharführer den Befehl erteilt: „Im Namen des Führers haben Sie sofort den Juden Heinrich Rosenblum zu erschießen.“ Einer der Brüder will geantwortet haben, dass das doch ein Verbrechen sei. Darauf habe ihn der Scharführer ermahnt: „Befehl ist Befehl.“
 Also waren die Brüder zum Haus des jüdischen Kaufmanns Heinrich Rosenblum gegangen, und einer der beiden hatte Rosen- blum mit einem Schuss in den Hinterkopf getötet. Das Landgericht entschied, entgegen der Ansicht der Staatsanwaltschaft habe es sich nicht um Mord, sondern um Totschlag gehandelt, denn die Angeklagten hätten die Tat ohne Überlegung begangen. Wegen des Tötungsbefehls seien die Brüder in eine „innere Erstarrung und Versteinerung“ verfallen, was ein Handeln mit Überlegung ausgeschlossen habe. Das Gericht stützte seine Entscheidung auch auf die Äußerungen der beiden deutschen Sachverständigen, wo- nach die Angeklagten ohne jeden Zweifel nicht Herr ihrer Gedanken waren. Sie hätten nur daran gedacht, einen Befehl des Führers auszuführen zu müssen.

Die öffentlichen Reaktionen auf das konziliante Urteil waren gewaltig. In Bremerhaven unterschrieben Vertreter von SPD, CDU, KPD, FDP, der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes und des DGB eine Resolution, die fragte, ob die mit diesem Fall befassten Richter tatsächlich in der Lage seien, eine demokratische Justiz aufzubauen. In der Bremischen Bürgerschaft wurde einstimmig aus gegebenem Anlass die Beteiligung von Laienrichtern durch die Wiedereinführung der Schöffen- und Schwurgerichte gefordert. In einem Generalstreik wurde am 5. Mai für fünf Minuten die Arbeit niedergelegt, der Straßenverkehr stand still, und am Nachmittag versammelten sich Tausende zu einer Protestkundgebung. Die Lokalzeitung will 50 000 gezählt haben.

Juristen der US-Militärregierung schalteten sich ein und sprachen von einem Fehlurteil. Der ehemalige Rabbi von Bremen, nun Rabbiner am Tempel Beth El in Lancaster, Pennsylvania, beschrieb in der „New York Times“ sein Entsetzen angesichts des kaltblütigen Mords an seinem früheren Gemeindemitglied Heinrich Rosenblum und seine Wut über das milde Urteil für die Täter. Er könne sich das Versagen der deutschen Justiz nur mit der Mitgliedschaft des Vorsitzenden Richters in der NSDAP erklären, der damit ein potentieller Komplize der Täter gewesen sei.

In ihren Revisionen hatte die Verteidigung Freisprüche wegen Unzurechnungsfähigkeit der Brüder gefordert, die Staatsanwalt- schaft deren Verurteilung wegen Mordes. Das Oberlandesgericht hatte das Urteil aufgehoben und den Fall an das Schwurgericht in Bremen zurückverwiesen. Das kann nun allerdings keinen Rassenhass als Mordmotiv erkennen. Nicht Rassenhass habe die Brüder zur Tat motiviert, sondern allein der Befehl des SA-Führers, schreiben sie in ihre Entscheidung vom 16. September. Einer der Brüder bekommt zwölf statt bisher acht Jahre, der andere acht statt bisher sechs Jahre Freiheitsstrafe. Weiterhin bleiben die zwei Mörder nur wegen Totschlags verurteilt. Die Brüder werden drei Jahre später, im Dezember 1951, begnadigt.

Friedrich Helms wird in seinem Gartenhaus in Wilhelmshorst von einem mulmigen Gefühl geplagt. Bedenkt er die politische Lage – und er bedenkt sie jeden Tag –, dann fühlt er sich innerlich zerzaust. Vor ein paar Tagen haben kommunistische Demonstranten gewaltsam das Neue Stadthaus im sowjetischen Sektor Berlins gestürmt und eine Sitzung der Stadtverordnetenversammlung verhindert. Einige Berliner, wie Ruth Andreas-Friedrich, hatten zunächst an einen Putsch geglaubt, aber es war nur einer der stürmischen Vorboten der Teilung Berlins und Deutschlands. Otto Suhr, der Vorsitzende der Versammlung, hatte den Tagungsort verlegt, in die Mensa des Studentenhauses am Steinplatz, die Ta- berna Academica im britischen Sektor. Daraufhin hatten die Vertreter der SED ihre Teilnahme an weiteren Sitzungen verweigert. 

Der Sitzungsboykott, die organisierten Krawalle, die Blockade Berlins richten sich auch gegen die westliche Währungsreform, also gegen die näher rückende Gründung des Weststaats. Heute, am 9. September, versammeln sich 300 000 Berliner vor der Ruine des Reichstags (britischer Sektor) zur größten politischen Kundgebung in der Stadt seit Kriegsende. Sie protestieren gegen die Erstürmung des Stadthauses und gegen die Unterdrückung der politischen Freiheiten im Ostsektor.

Der Hauptredner, der gewählte, infolge eines sowjetischen Vetos von der Alliierten Kommandantur nicht bestätigte Oberbürgermeister Ernst Reuter (SPD), protestiert nicht, er fordert, nicht von der sowjetischen, sondern von den westlichen Besatzungsmächten: „Wir wollen nur eines klar sagen: In allem Handeln und Verhandeln wollen wir Berliner keine Tauschobjekte sein. Uns kann man nicht eintauschen, uns kann man nicht verhandeln, und uns kann man auch nicht verkaufen.“ Schließlich der Appell, der Reuter berühmt machen und das Bild der Welt von Berlin grundstürzend verändern wird: „Ihr Völker der Welt, ihr Völker in Amerika, in England, in Frankreich, in Italien! Schaut auf diese Stadt und erkennt, dass ihr diese Stadt und dieses Volk nicht preisgeben dürft.“ Warum dürfen sie das nicht? Die Völker sind von den Deutschen überfallen worden, Berlin war für die Völker der Welt noch vor drei Jahren die Hauptstadt des Terrors und das Herz der Finsternis. Die Vorstellung, dass Berlin von der Weltkarte verschwinde und die Erde die Berliner mitsamt allen Deutschen verschlinge, war für sie unwiderstehlich. Warum glaubt Reuter, mit einem moralischen Appell bei den westlichen Siegermächten Gehör zu finden? Weil er weiß, dass sie dem Gebot kalter Vernunft folgen werden. 

Der Eiserne Vorhang, den Winston S. Churchill schon vor zwei Jahren in einer Rede erkannt zu haben glaubte, ist in diesen Tagen endgültig heruntergegangen, die Deutschen werden, wie Hans Simons im Brief an seinen Sohn nüchtern bemerkte, als Baustein im Bollwerk gegen den Bolschewismus benötigt. Die Weltlage hat sich dramatisch verändert, und so verändert sich in den Augen der Welt auch über Nacht Berlin – aus der Hauptstadt des Schreckens wird der Vorposten der freien Welt.

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