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Wer ist die Schönste im ganzen Land? Primeln auf der Chelsea Flower Show.
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Garten

Zum Schauen oder zum Essen

  • Sylvia Staude
    VonSylvia Staude
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Der Band "Die Philosophie des Gärtnerns" reflektiert unseren Umgang mit Natur und Nutzen.

Um bei der Besprechung dieses Bandes gleich nah am Thema zu bleiben: „Die Philosophie des Gärtnerns“, dreizehn von Blanka Stolz herausgegebene Texte über Aspekte des Gartens und des Gärtnerns, sind ein sehr gemischtes Samentütchen. Bei einer Leserin mögen eher die Metaphysik-Samen aufgehen, beim anderen Leser eher die Gedanken übers Unkraut, über alte Gemüsesorten oder die Allmende und den modernen Stadtgarten. Überraschen lassen muss man sich hier wie beim Samentausch – beschrieben von Nicole von Horst –, bei dem der Empfänger nur erfährt, wie er die Samen setzen und pflegen muss, nicht, was aus ihnen wird, wenn sie dann aufgehen.

In diesem liebevoll gestalteten Band geht es nicht um die Praxis des Gärtnerns. Vielmehr um Möglichkeiten, diese Tätigkeit, ihr Ziel und ihr Ergebnis zu reflektieren. Außerdem, sich selbst als gärtnernder Mensch zu erkennen und vielleicht zu positionieren. Gehört man zu jenen, die Moos aus Terrassenfugen entfernen? Macht einen Unkraut im Staudenbeet nervös? Oder spricht man, um ein Zeichen der Toleranz zu setzen, von Beikraut und Wildflora statt von Unkraut? Findet man, dass Gärtnern auch der Bewahrung von Traditionen und Techniken dienen soll? Oder soll ein Garten gefälligst schön aussehen – und sonst nichts?

Der Philosoph Dieter Wandschneider vor allem spürt der Metaphysik des Gartens nach. Zum Garten, so postuliert er zu Beginn seines Essays, gehört immer die Gestaltung, die geistige Leistung des Gärtners, sonst ist es kein Garten (sondern zum Beispiel ein Acker, ein Feld). Daran schließt er die Frage an, warum Gärten immer noch nach einem Schönheitsideal gestaltet werden, „das der modernen Kunst und Kunstphilosophie freilich als harmonistisch und damit als obsolet gilt“. Durch das Gestalten eines Gartens erst, so Wandschneider weiter, präsentiert sich die Natur dem Menschen als „sprießendes, geheimnisvolles Gedeihen“. Und im Unterschied zu den sogenannten schönen Künsten spreche hier „Lebendiges zu Lebendigem“. Für den gärtnernden Philosophen Wandschneider ist die Blüte in der Erde immer schon als Möglichkeit angelegt und es erscheint durch das Wachsen und Erblühen einer Rose die Wahrheit zusammen mit der Schönheit. Auch das Göttliche bringt er noch ins Spiel. Nicht jeder Leser wird ihm da folgen wollen.

Trotzdem sind seine Gedanken zum Thema mindestens so anregend wie die bodenständigeren von Maximilian Probst unter dem Titel „Zum grünen Daumen gehört die Faust“. Den Garten beschreibt der Journalist als umkämpft und „heillos ambivalent“. Denn zieht nicht jeder Gärtner einen Zaun um seinen Garten, verfolgt er manche Pflanzen nicht unerbittlich, weil er sie in seinem Rasen oder seinen Beeten nicht haben will? Genüsslich zitiert Probst aus Thomas Mores „Utopia“ dessen Beschreibung der idealen Gärten der Utopier: „In ihnen haben sie Wein, Obst, Gemüse und Blumen in solcher Pracht und Pflege, dass es alles übertrifft, was ich irgendwo an Fruchtbarkeit und gutem Geschmack gesehen habe.“ Und gleich ist auch vom „Wettstreit der Straßenzüge“ die Rede und von der Nützlichkeit.

Schönheit versus Nutzen, zwischen diesen Polen spannt sich hier einiges auf. Judith Henning berichtet von sogenannten Permakultur-Projekten, von Kreisläufen, „die in ihrer kleinsten Form sogar in einer Stadtwohnung mit winzigem Balkon umsetzbar sind“. Jeder Garten ist hier „als essbare Landschaft gestaltet“. Was aber auch bedeutet, dass Pflanzen, die sich nicht einmal als Tee oder Gewürz nutzen lassen, in der Permakultur kein Eckchen im Kasten und keinen Blumentopf gewinnen können.

Roberta Schneider wiederum beschäftigt sich mit dem ästhetischen Wohlgefallen, den das Unscheinbare der japanischen Gärten hervorrufen kann. Sie vergleicht zu diesem Zweck den europäischen Prunk- und Prachtgarten, die Rabatten und großblütigen Blumen mit den zwar ebenso idealisierten und geformten, aber kargeren Landschaften japanischer Gärten, in denen die Unterwerfung der Natur ihrer Meinung nach diskreter erfolgt. Eine Sonnenblume, so schreibt sie, würde dort „wirken wie ein Ufo“. Sie erzählt davon, wie sie aufwendig nach den richtigen, also ästhetisch unaufdringlichen Pflanzen suchte.

Auch und gerade beim Gärtnern, so begreift man bald bei der Lektüre dieser dreizehn Texte, gibt es konkurrierende Lehren und Leidenschaften, Schulen und Betrachtungsweisen – letztere im wörtlichen wie übertragenen Sinn. Im Raum stehen bleibt aus Blanka Stolz’ Einleitung die Frage, ob man ein „besserer, tugendhafterer Mensch (wird), wenn man Land kultiviert, Pflanzen sät und pflegt, wenn man gärtnert?“ Vermutlich nicht. Aber man wird womöglich ein etwas klügerer, wenn man diesen Band liest.

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