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Kerstin Preiwuß.

Lyrik

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Der Band "Das Gedicht und sein Double" stellt hundert Dichter in Fotos und Versen vor

Eugen Gomringer reißt die Augen auf. Was willst du von mir?, scheint sein Blick zu fragen. Der Begründer der Konkreten Poesie, geboren 1925, wirft sein Gedicht dem Betrachter als Rätsel hin: „zahl5678“ steht auf der linken Seite neben seinem Porträt. Vier Buchstaben, vier Ziffern, ein Rhythmus ist nur aus der Reihenfolge zu hören, mehr nicht. Das Foto hat Dirk Skiba aufgenommen, so wie alle anderen in dem Band „Das Gedicht & sein Double“. 

Das Buch ist ein Beispiel für die zauberhafte Wirkung, die aus Leidenschaft entstehen kann. Denn Dirk Skiba ist eigentlich kein Fotograf, sondern arbeitet an der Universität Jena als Dozent für Deutsch als Fremdsprache. Studiert hat er Sinologie und Germanistik. Doch die Leidenschaft für Lyrik lässt ihn zu Dichtern fahren, um sie zu porträtieren. Jedes Bild steht für sich, so beiläufig oder so inszeniert aufgenommen. Die Dichter wirken sympathisch oder verschlossen. Gemeinsam ist ihnen die Aufforderung an den Betrachter, sich mit ihnen auseinanderzusetzen. 

Die Herausgeber Nancy Hünger und Helge Pfannenschmidt legten Dirk Skibas Duotone-Fotos hundertzwanzig Dichtern aus dem deutschsprachigen Raum vor, baten sie, ein Gedicht dazu zu schreiben oder eines auswählen, von dem sie sich getroffen fühlen. Der Zufall wollte es, dass genau einhundert bereit waren, sich an dem Projekt zu beteiligen. So versammelt das Buch also Porträts und Selbstporträts, mehr als zwei Drittel der Gedichte sind in dem Buch zum ersten Mal gedruckt. 

Der Buchtitel erinnert an eine Reihe, die Mitte der sechziger Jahre im Literarischen Colloquium Berlin stattfand und damals auch zu einem Buch wurde: „Ein Gedicht und sein Autor“. Der LCB-Gründer Walter Höllerer bat Dichter von Günter Grass bis Tadeusz Rozewicz um Essays zu ihrer Arbeit, Renate von Mangoldt fotografierte. Die Reihe war 2013 zum 50. Geburtstag des LCB noch einmal neu belebt worden. Das neue Buch hat nicht den Anspruch auf tiefgründige Auseinandersetzung, es nimmt dafür die Lebendigkeit der gegenwärtigen Lyrikszene auf, zeigt mit 100 Beispielen, was möglich ist. 

Marcel Beyer, Jahrgang 1965, schaut nach oben, als würde er zu den „Flughunden“ blicken, die ihn als Romancier bekannt machten. Sein Gedicht „Mach“ variiert die Zeile „Mach dich gefaßt auf“. Fünf zum Mitmachen und -denken anstupsende Strophen sind das, spielerisch Außen (Maienblümchen) und Innen (Herzkammerbowle) mischend. Die 1980 geborene Kerstin Preiwuß, ebenfalls mit Romanen hervorgetreten („Restwärme“), wirkt auf ihrem Foto, als würde sie sich leicht amüsiert abwenden. Doch schon die Überschrift ihres Gedichts „Dies ist ein Gruß und hat viele Adern“ greift nach den Sinnen des Lesers. „Das Leben hat keine Flügel“, heißt es in Nora Bossongs Gedicht „Hochstraße“. Die Dichterin, Jahrgang 1982, zeigt ihren Hinterkopf, als wollte sie die Szene verlassen, dabei ist doch gerade sie eine, die sich einmischt, die ihre Gedichte oft direkt in den Alltag, sogar in seine politischen Fragen setzt. Es ist eben nicht das Erwartete, das einem in diesem Buch begegnet. Vielleicht findet sich Bossong zu oft fotografiert.

„Das Foto zeigt uns, wie wir uns selbst niemals sehen können“, schreibt Nancy Hünger in ihrem einleitenden Essay. Man kennt das aus dem eigenen Erleben: Wie selten ist man mit dem Bild zufrieden, das andere von einem mit Kamera oder Handy einfrieren. Öffentliche Personen, wie es Schriftsteller ja sind, können die Kontrolle über ihre Darstellung in der Regel nicht behalten – jedoch in diesem Buch. 

Die Dichterporträts, die noch in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts Büchern beigegeben wurden, zeigten gern ein Denker-Ideal. In der Gegenwart sind Schriftsteller-Fotos nicht mehr nur in den Klappentexten der Bücher verwahrt, sie prangen auf Plakaten, die zu Lesungen einladen, Tageszeitungen nutzen sie für Ankündigungen oder um Rezensionen zu illustrieren. Fotografen wie Isolde Ohlbaum, Peter Peitsch, Susanne Schleyer und Renate von Mangoldt sind auf Schriftsteller spezialisiert, versuchen Werkkenntnis und Kamerablick zu verbinden. 

Der Laie Dirk Skiba begegnet „seinen“ Dichtern sehr offen, lässt sie sich so zeigen, wie sie gesehen werden möchten. Manche inszenieren sich: Mara Genschel trägt ein Gebilde aus Folien auf dem Kopf, das wie eine Blumenhaube wirkt. Anderen scheint es egal zu sein. Ulf Stolterfoth steht in einer Art Hausdurchgang, eine Hand in der Hosentasche. Durs Grünbein blickt am Betrachter vorbei. Sein Gedicht erkundet das Bild: „Wo willst Du hin, mein unrasiertes Kinn,/ das ich schlecht kenne? Alter Jochbeinknochen,/ was treibt dich fort?/ Nur Blut gerinnt,/ doch niemals Zeit, auf vielen Photos scharf gestochen.“ 

Die Zeit fließt, doch diese Bilder aus der Gegenwart der Lyrik halten kleine und große Momente fest. Dieses Buch lädt zum Verweilen ein. 

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