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Der Schattenmann

Nikolaus Heidelbach illustriert die Märchen von Hans Christian Andersen

Von JÜRGEN STAHLBERG

Das Märchen "Der Schatten" handelt von einem gelehrten Mann, der, voyeuristisch erregt, zum Balkon des gegenüberliegenden Hauses blickt und dabei seinen Schatten verliert. Der Schatten macht sich selbständig. Jahre später berichtet er seinem Ex-Herren: "Ich sah alles!", alles, "was kein Mensch erfahren durfte, was sie aber alle zu gern erfahren möchten". Es ist das Reich der Erotik, der Poesie und des Gefühls, demgegenüber, in Gestalt des gelehrten Ex-Herren, das Reich der Vernunft und der Realität.

Und jetzt will der emanzipierte Schatten das Verhältnis umkehren, will seinen eigenen Schatten haben und mit dieser Aufgabe seinen Ex-Herren beauftragen. Anfangs ist dieser auch einverstanden. Doch als der emanzipierte Schatten eine Königstochter heiratet, will der gelehrte Mann die Schattenrolle nicht weiter spielen: Er wird kurzer Hand erschossen. Eindeutig, geradezu brutal, schlägt sich Hans Christian Andersen auf die Schattenseite. Er selbst ist der Schattenmann.

Und nun, 200 Jahre nach seinem Geburtstag, erhält der auch einen eigenen Schatten. Es ist Nikolaus Heidelbach. Er hat die Märchen von Andersen mit über 100 Illustrationen neu begleitet.

Es ist ein einzigartiges Paar. Anders als die Volksmärchen der Brüder Grimm, die vor allem mit trefflicher Symbolik beeindrucken, glänzen die Kunstmärchen von Andersen eher durch Ironie, Witz, Fantasie und Lebensweisheit. Andersen ist der Schelm und Heidelbach, sein Schatten, der Magic Man. Mit stets grau angerührter Farbe scheint er alles fotografisch genau darstellen zu wollen, in Wahrheit jedoch präsentiert er eine Mischung aus Dali und Biedermeier-Look. Nicht naiv, sondern hintergründig.

Von den 150 Märchen, die Andersen geschrieben hat, haben Heidelbach und der ehemalig Verleger Hans-Joachim Gelberg 43 ausgewählt, darunter die "Die Prinzessin auf der Erbse", "Die kleine Meerjungfrau", "Der standhafte Zinnsoldat" und "Das hässliche Entlein." Aber auch weniger bekannte sind dabei wie "Herzeleid" mit dem spöttischen und sehr aktuell wirkenden Schlusssatz: "Das ist die Geschichte, und wer sie nicht versteht, der kann Aktien in der Gerberei der Witwe kaufen." Wie gesagt, es geht in dieser Geschichte ums Leiden, und offenbar meinten schon damals die Aktienbesitzer, dass sie mehr leiden als andere Menschen.

Heidelbachs Bilder sind seltsam lakonisch, immer gelassen, direkt und furchtlos, häufig sogar freundlich, dann aber zugleich stumm, oder aber voller Schabernack.

Dieser auch in der Aufmachung prächtige Band belegt erneut, dass Märchen der mit Abstand wichtigste Schatz der gesamten Kinderliteratur sind. Darüber hinaus ist dieser Andersen-Band auch ein treffliches Geschenk für Erwachsene, allein schon wegen "Des Kaisers neue Kleider", worunter wir heutzutage zum Beispiel auch Sprachmoden verstehen können, etwa "Führungskompetenz" und "Qualitätsmanagement".

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