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Die Schlacht um Berlin im Mai 1945, hier in der Auguststraße.
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Die Schlacht um Berlin im Mai 1945, hier in der Auguststraße.

Heinz Rein „Finale Berlin“

Im Schatten der Blockwalter

In fliegender Eile nach Kriegsende geschrieben und einer der ersten Bestseller der Nachkriegszeit: Heinz Reins Roman „Finale Berlin“ ist ein epochales Dokument und eine zwingende Wiederentdeckung.

Von Katrin Hillgruber

Für das Steuerjahr 1945 werden in Berlin neue Hundesteuermarken nicht ausgegeben“: Dies befleißigte sich die Reichsregierung den „Volksgenossen“ im umkämpften Berlin kurz vor dem Einmarsch der Roten Armee noch mitzuteilen.

Es ist durchaus riskant, in einem literarischen Werk amtliche Bekanntmachungen, Polizeiprotokolle oder Leitartikel aus „Der „Panzerbär – Kampfblatt für die Verteidiger Groß-Berlins“ mit der höhnisch-pathetischen Überschrift „Heiliges Wort: Berlin“ wiederzugeben – Heinz Reins Roman „Finale Berlin“ jedoch kann sich das leisten. Als echter Politthriller und „Page-Turner“ entfaltet er einen ungeheuren Sog, in dem der Leser zusammen mit den Figuren in atemloser Spannung auf die erlösende Kapitulation zutaumelt.

Zum anderen ist „Finale Berlin“ ein sozialgeschichtliches und ideologiekritisches Dokument erster Güte. Als solches entlarvt es den Nationalsozialismus aus der Innenansicht, „seine furchtbare Größe und seine unheimliche Kraft, seine unerbittliche Grausamkeit und seine absolute Amoralität“, wie es in einem Kapitel über den „Ortsgruppenleiter Otto Hiller aus Berlin O 112, Rigaer Straße 65“ heißt. Heinz Rein, so der Literaturhistoriker Hans Mayer, habe im Sinne des Historikers Leopold von Ranke schildern wollen, „wie es wirklich gewesen ist“ – ein gewaltiges Vorhaben.

Erneut in Ungnade

In fliegender Eile nach Kriegsende geschrieben, kam das Erich Weinert gewidmete Buch 1947 nach einem Vorabdruck in der „Berliner Zeitung“ im SED-Parteiverlag Dietz heraus. Es wurde mit 80.000 verkauften Exemplaren zu einem der ersten Bestseller der Nachkriegszeit. Dennoch fiel der ehemalige Bankangestellte und Sportjournalist Heinz Rein, der ab 1935 unter einem Schreibverbot gelitten und zeitweise in Gestapo-Haft gesessen hatte, beim Kulturminister Johannes R. Becher in Ungnade.

Als Literaturreferent der Sowjetischen Besatzungszone gab Rein den Sammelband „Die neue Literatur“ heraus, in dem sich der eitle Becher nicht ausreichend gewürdigt sah. Heinz Rein entzog sich den ideologischen Querelen nach Baden-Baden. Er schrieb weitere Romane, Erzählungen sowie Kabarett-Satiren und aktualisierte sein Opus magnum 1980 für eine Ausgabe der Büchergilde Gutenberg. 1991 starb er im Alter von 85 Jahren.

Heinz Rein hat seine Heimatstadt Berlin, „deren Leib verbrannt und zerbrochen, deren Eingeweide zerfetzt und aufgerissen sind“, zutiefst geliebt. Das spürt man in jeder Zeile seines großen, topographisch exakten Epitaphs angesichts ihrer sinnlosen, von der SS zuletzt massiv beförderten Zerstörung. Bereits am 23. August 1943 war der erste alliierte Luftangriff auf die Machtzentrale des Nationalsozialismus erfolgt.

Magistralen führen in „Finale Berlin“ ein Eigenleben, werden zu vibrierenden Nervensträngen der Erzählung, etwa die Frankfurter Allee: „Ihren Rang als Hauptverkehrsstraße erster Ordnung hat sie eingebüßt, da ihre einst spiegelblanke Asphalthaut Buckel und Löcher aufweist; sie ist ein Teil jenes Berlins, dessen Antlitz nach Dr. Goebbels’ Diktion heldenhafte Züge aufweist, weil es aus vielen Wunden blutet.“

Eine dieser „Heldenstraßen“ spült den 22-jährigen Musikstudenten Joachim Lassehn am 14. April „45 in Oskar Kloses Kneipe am Schlesischen Bahnhof. Lassehn ist samt Dienstpistole von der Wehrmacht desertiert, befindet sich also in Lebensgefahr. Entsprechend defensiv verhält sich der junge Tagträumer, der seine Eltern bei einem Bombardement verlor. Nun will er in Charlottenburg Irmgard suchen, die er während eines Fronturlaubs überstürzt geheiratet hat; rührend altmodisch fallen diese Liebesszenen aus. Gemeinsam mit Lassehn schleust Heinz Rein seine Leser in das Innere zweier Widerstandsgruppen ein – ein Milieu, das er aus eigener Anschauung gekannt haben muss.

Die Aktivisten agieren unter fanatisch verblendeten Mitläufern: „Die Menschen ducken sich nicht nur vor den Gefahren, die der Kampf ihnen entgegenjagt, auf ihnen lastet auch der Schatten der Amtswalter, Blockwalter und Zellenwalter, der Frauenschaftsführerinnen, der Denunzianten und Liebediener.“

Der Ur-Berliner Kneipier Klose wird für Lassehn zum Ersatzvater; im Hinterzimmer trifft er auf den untergetauchten kommunistischen Reichstagsabgeordneten Richard Wiegand und dessen Frau Lucie, auf den praktischen Arzt Dr. Böttcher, den Arbeiter Schröter, einen Theologen und manche Illegale beiderlei Geschlechts mehr.

Diese kleine Gesellschaft führt recht gestanzte Dialoge über Grundsatzfragen, Rollenprosa im besten Sinn des Wortes – die deutlichste Schwäche des Textes. Doch indem sich die Situation immer weiter verschärft und den schüchternen Lassehn in die Rolle eines Revolverhelden aus Notwehr drängt, nimmt der Roman gewaltig Fahrt auf und reißt mit seinem ebenso elegischen wie schwungvoll-rasanten Stil mit.

Die Statisten der Katastrophe

Dabei hat der allwissende Erzähler stets einen wachen Blick auf die Statisten der Katastrophe – auf durch das „Gift des Rassenwahns“ entsetzlich gedemütigte „Ostarbeiter“, auf verwahrloste Kinder auf Schutthalden oder panische Frauen im Luftschutzkeller: „Lieber einen Russen auf dem Bauch als ein Haus auf dem Kopf“, soll ein geflügeltes Wort gelautet haben.

Kurz vor Schluss konzentriert sich das ganze Grauen im Schicksal eines Straßenbahnschaffners, der sich mit der Auslöschung seiner Familie nicht abfinden will. „Mit ‚Finale Berlin‘ haben wir ein unvergleichliches Zeugnis in Händen“, schreibt Fritz J. Raddatz im Nachwort, „hart, ohne Schluchzen, präzise, weniger Klage als Anklage“. 1931 in Berlin geboren, verbürgte er sich für den Wahrheitsgehalt dieses Buches, dessen Wiederentdeckung er anregte und das besonders jungen Lesern zu empfehlen ist. Auch dafür ist Fritz J. Raddatz, der Ende Februar aus dem Leben schied, postum zu danken.

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