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Kleines Twitter-Vögelchen, große Aufregung.
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Kleines Twitter-Vögelchen, große Aufregung.

Shitstorms auf Twitter

Von der Scham zur Vernichtung

  • Katja Thorwarth
    VonKatja Thorwarth
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Jon Ronson schreibt über den Internet-Pranger – nicht in allem kann man ihm folgen.

Ted Poe ist Richter in den USA und für seine unkonventionelle Art der Bestrafung berühmt. Zum Beispiel Mike H.: Der hatte als Jugendlicher unter Alkoholeinfluss zwei Menschen überfahren und wurde von Poe zu 110 Tagen Erziehungscamp verurteilt. Zusätzlich hatte er sich zehn Jahre lang einmal monatlich in der Öffentlichkeit mit einem Schild zu präsentieren: „Ich bin betrunken Auto gefahren und habe zwei Menschen umgebracht.“

Dieses Richterurteil klingt, als sei es nur im Land der unbegrenzten Möglichkeiten denkbar, da die Erniedrigung juristisch Vergangenheit zu sein schien, zumindest als staatliche Exekutive im öffentlichen Raum. Doch folgt man den Thesen des Journalisten Jon Ronson, erlebt der Pranger aktuell eine globale Wiederkehr. Ronson vermutet den digitalen Demütigungsdrang einer Masse, die über den Missbrauch von Twitter und Facebook um einiges grausamer daher kommt, weil ihre Wirkungsweise weder räumlich noch zeitlich begrenzt ist und in zumeist anonym stattfindet. Und die von ihrem Opfer erst nach der vollständigen gesellschaftlichen Zerstörung wieder ablässt.

„Mit den sozialen Netzwerken haben wir uns eine Bühne fortwährender Hysterie geschaffen. Jeden Tag erscheint darauf (...) entweder ein fantastischer Held oder ein entsetzlicher Bösewicht. Welchen Nutzen haben wir davon, wenn wir uns an einer Massenzerstörung beteiligen?“, fragt der Autor und untersucht „In Shitgewittern“, warum manche Menschen eher von der Netzgemeinde geschlachtet werden, andere hingegen nicht, obwohl in der Logik gesellschaftlicher Normen und Tabus eine Ächtung naheläge.

Ronsons Täter sind konsequent „wir“: „Wir“, die „wir“ im Netz anprangern, kommentieren, moralisch urteilen und damit Teil einer Spirale sind, die irgendwann nur noch aus sich selbst heraus existiert und künstlich am Leben erhalten wird. „Die Schneeflocke muss sich ja auch nie für die ganze Lawine verantwortlich fühlen“, so Ronson und formuliert damit eine hübsche Analogie zu dem Irrglauben, man trage individuell keine Verantwortung für die Folgen einer Kollektivhandlung, die Existenzen zumindest temporär vernichten kann. Doch was macht eine Massenanklage mit den einzelnen, und was, um bei Ronson zu bleiben, unterscheidet die Schneeflocke von der Lawine?

Prominentes Fallbeispiel ist der amerikanische populärwissenschaftliche Autor Jonah Lehrer, der Zitate von Bob Dylan frei erfand und damit aufflog. Was folgte, war die digitale Hinrichtung auf Twitter, mental und beruflich scheint der Mann zerstört, auch wenn er mittlerweile wieder veröffentlicht. „Has Lehrer plagiarised again?“, fragte im Juni der „Guardian“ unaufgeregt, womit Lehrer fortan wird leben müssen. Er, der privilegierte Autor, hat seine Leser hintergangen. Ist es nicht nur gerecht, wenn das offenbar wird? Sicher, doch zeigt sich gerade hier, dass die Zerstörung einer Person den Verriss des Gegenstands längst bei weitem übertrumpft hat.

Der nächste Fall ist Justine Sacco. Die bis dato unbekannte New Yorkerin (170 Twitter-Follower) hatte 2013 einen, zugegeben schlechten, Scherz getwittert und sich in ein Flugzeug gesetzt. Nach ihrer Landung wurde sie mit einem globalen Shitstorm konfrontiert, der sie nicht nur über Monate mental aus der Bahn warf. Sie verlor auch ihren Job als PR-Managerin und ist nach wie vor auf Google mit ihrem vermeintlich rassistischen Tweets präsent: „Ich fliege nach Afrika. Hoffentlich bekomme ich kein Aids. Nur Spaß. Ich bin ja weiß!“, so Sacco, die möglicherweise doch zu weiß und blond ist, um in ihrem Zynismus richtig verstanden zu werden – denn natürlich lässt der Tweet zwei Deutungsmöglichkeiten zu.

Egal, denn „Justine Sacco fertig zu machen, hieß praktisch jeden anderen reichen Weißen fertigzumachen, der je ungestraft einen rassistischen Witz gerissen hatte“, zitiert Ronson eine Online-Aktivistin.

Doch warum blieb nach dieser Logik Ex-Formel-1-Chef Max Mosley weitestgehend unbeschadet, obwohl er geradezu prädestiniert als Shitstorm-Opfer scheint? Seine bizarren Sexpraktiken waren öffentlich geworden, gleichzeitig verfügt er über Nazis im Stammbaum – die digitale Hinrichtung blieb aber aus. „Auf Twitter treffen wir eine Entscheidung darüber, wer Vernichtung verdient hat. Wir finden einen eigenen Konsens“, schreibt Ronson. Mosley war es offensichtlich nicht wert, denn im Gegensatz zu Lehrer oder Sacco hatte er eine Sache nicht gemacht: sich öffentlich geschämt.

Damit wäre die Leserin bei der Schlüsselthese angekommen, denn nach Ronson geht es in erster Linie um die Scham, die durch die sozialen Medien wiederbelebt worden sei. Sie mache eine öffentliche Demütigung überhaupt erst möglich: Nur wer sich schämt, könne mental und sozial vernichtet werden. Das mag sicherlich in vielen Fällen zutreffen und bestimmt ist es auch Motivation für so manche, die sich an einer Massendemütigung beteiligen: jemandem beim Schämen zuzusehen, die Gewissheit zu haben, zu den Guten zu gehören, zu fühlen, dass es einen (dieses Mal) nicht getroffen hat. Scham ist das, worauf die Leute anspringen, je verzweifelter sich jemand schämt, zurückzieht, desto stärker wird auf ihn eingedroschen. Doch ist die Scham wirklich das Problem?

Es ist nämlich gleichzeitig nicht zu beobachten, dass eine Angst vor der Scham das Handeln beeinflusste. Auch hätte Sacco keinen Grund zum Schämen gehabt, Grund zur Panik als Getriebene durchaus, wobei Letzteres als Scham dann ankommt, wenn es einfacher ist, das Fehlverhalten bei sich selbst zu suchen.

Zu oft geht es nicht um die Scham

Mit dem Tod der Scham hätte sich das Shitstorm-Problem keineswegs erledigt, wobei Ronson das auch gar nicht behauptet. Vielmehr wagt er den Versuch, ein Phänomen vielschichtig zu beleuchten, wobei er gerne den Deckel auf die unübersichtliche Gemengelage gelegt hätte. Das aber kann eben gerade deshalb nicht funktionieren, weil es zu oft nicht um die Scham geht.

Wirft man etwa einen Blick auf die bundesrepublikanische Shitstorm-Chronik, so ist häufig zu beobachten, dass sich der massenhaft Abgeurteilte mitnichten schämt. Der gängige deutsche Aufreger ist nun einmal weniger der Tweet einer PR-Managerin als der einer rechten oder linken Größe aus dem Politikbetrieb. Politische Aussagen von wählbaren Parteipolitikerinnen, etwa von Frauke Petry oder Beatrix von Storch zu einem Schießbefehl an der Grenze, verlangen entschiedenen Widerspruch.

Über die Erika Steinbachs dieser Welt aber schreibt Ronson nicht. Auch nicht über Fälle analog zum Thomalla-Beisenherz-Coup, die mit ihrem gemeinsam ausgeheckten Sätzchen – „Kleine Titten sind wie Flüchtlinge: Sie sind nun mal da, aber eigentlich will sie keiner“ – nicht nur die verdiente Verachtung erfuhren, sondern einen Shitstorm, den man als PR verbuchen kann.

Ronson hätte das mit dem Deckel erst gar nicht versuchen und sich im Nachwort gedanklich nicht so verirren sollen. Er vergleicht abschließend Twitter mit der Stasi und bezieht sich auf eine Studie, wonach das Ministerium auf jede Menge Freiwillige zurückgreifen konnte, die nur wollten, dass sich der Nachbar korrekt verhielt. Da widerspricht sich Ronson. Was hat die Stasi, der Verrat im Geheimen, mit dem öffentlichen Pranger zu tun? Auch wenn Twitter manche Klarnamen der anonymen „IMs“ bekannt sein dürften, hauptamtliche Führungsoffiziere stehen gewiss nicht hinter den Shitstorm-Gewittern im globalen Netz.

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