Annie Ernaux

Scham und Freiheit

Weitere Selbsterforschungen von Annie Ernaux.

Die Wucht der Bücher von Annie Ernaux liegt in der Genauigkeit und Klugheit einer Analyse, aus der weder Selbstmitleid noch irgendein weiterführendes Interesse für sich selbst sprechen. Ernaux macht Band für Band vor, wie autobiografische Überlegungen zu Essenzen von Wahrheit für alle führen können. Auch angesichts von „Die Scham“ ist kaum zu fassen, dass das Buch erst jetzt, ein Vierteljahrhundert nach Erscheinen des Originals, den deutschsprachigen Markt erreicht. Die Zeit hat ihm nichts angetan.

Was ist mit Scham gemeint? Ihre Quelle ist eine dramatische Szene im Haus der Eltern, Annie ist fast zwölf, es ist das Jahr 1952, der 15. Juni, im Streit stürzt sich der Vater auf die Mutter, das Beil schon in der Hand. Es ist ein einmaliger Vorfall, nachher von allen dreien nicht mehr erwähnt. Viel später denkt die Schriftstellerin erst daran, dass die Eltern sich ihrerseits vielleicht ausgesprochen haben. Sie selbst, schreibt sie, habe „zu einigen Männern gesagt: ,Kurz vor meinem zwölften Geburtstag wollte mein Vater meine Mutter umbringen.‘ Wenn ich Lust hatte, diesen Satz zu sagen, war das ein Zeichen, dass ich sehr verliebt war.“ Die Männer schweigen verlegen. „Ich merkte, dass ich einen Fehler gemacht hatte, dass sie damit nicht umgehen konnten.“

Für das Kind ist das eine existenzielle Katastrophe, die alles ändert. Psychologische Überlegungen aber, stellt Ernaux nun fest, können die Szene nicht entschärfen, „nur der Ausdruck, der mir damals kam, ,ins Unglück stürzen‘, kann sie wiedergeben. Abstrakte Worte sind in diesem Fall zu hoch für mich“. In einem wunderbaren Schlenker liest Ernaux Jahrzehnte danach die lokale Zeitung im Archiv und stellt fest, dass sie den Vorfall eigentlich in den Nachrichtenspalten erwartet hat. Noch etwas anderes fällt ihr auf. Beim Lesen hat sie Listen mit der Zeitungswerbung angefertigt, was ihr als Dokumentation einer Zeit interessant erschien. Ihr wird aber klar: „Die soziale Verteilung der Dinge ist viel bedeutsamer als ihre Existenz. 1952 zählte es, in der Küche kein fließend Wasser zu haben, während andere ein Badezimmer besitzen, heute sich bei Froggy einzukleiden, während andere bei Agnès B kaufen. Zu den Unterschieden zwischen den Jahrzehnten bieten die Zeitungen nur Allgemeinheiten.“

Zum Buch

Annie Ernaux: Die Scham. A. d. Franz. v. Sonja Finck. Suhrkamp. 112 S., 18 Euro.

Auch darin setzt sich die Scham fort. „Rückständig“ zu sein. Das Patois der Eltern. Eine Welt voller Regeln und Sprüche – von Sonja Finck so klug ins Deutsche übersetzt, dass sich der Abstand zu eigenen Beschämungen minimiert. Es ist nicht die Art von Unsicherheit, der man sich irgendwann trotzig entgegenstellen kann. Man kann sich ihr nur zu entziehen versuchen, aus anderen Büchern Ernaux’ wissen wir zu unserer Erleichterung schon, dass ihr das gelingt.

Jetzt rekonstruiert Ernaux das „Universum einer katholischen Privatschule“ – „Und ich muss mir eingestehen: Nichts kann ungeschehen machen, dass der Glaube an Gott bis zur Jugend für mich die einzige Normalität gewesen ist, die katholische Religion die einzige Wahrheit. ... Die Religion war meine Lebensform. Zwischen dem Glauben und dem Zwang zum Glauben gab es keinen Unterschied.“

Aber die Szene vom 15. Juni 1952 findet auch in dieser Welt keinen Platz, nur die Scham. Die Mutter, die der Lehrerin zu später Stunde im beschmutzten Nachthemd die Tür öffnet. Die Lourdes-Reise mit dem Vater und der Kontrast zu einem so ganz anderen Mädchen mit einem so ganz anderen Vater, die sich im Restaurant angeregt unterhalten.

Das ist bedrückend, aber bei weitem nicht so bedrückend, wie es sein müsste. Selbst wenn Ernaux feststellt: „Die Scham ist die letzte Wahrheit. Sie vereint das Mädchen von 52 mit der Frau, die dies jetzt gerade schreibt“, so ist sie doch in der Lage, all das in einer glasklar leuchtenden Sprache zu erklären. Das Buch „Die Scham“ handelt eigentlich von einer atemberaubenden Freiheit. (Von Christine Schneider)

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