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Sayaka Murata.

Japanischer Roman

„Das Seidenraupenzimmer“ von Sayaka Murata: Eigenwillige Wesen in einer Parallelwelt

  • vonMartin Oehlen
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Sayaka Muratas atemberaubender und geheimnisvoller Roman „Das Seidenraupenzimmer“.

Da sage niemand, mit so einem Leseerlebnis sei nicht zu rechnen gewesen. Sayaka Murata, der neue Stern am japanischen Literaturhimmel, hat uns schon in ihrem Roman „Die Ladenhüterin“ faszinierend deutlich gemacht, dass sie eine Geschichte in ein atemberaubendes Extrem zu zwirbeln vermag. In „Das Seidenraupenzimmer“, abermals von Ursula Gräfe ins Deutsche übersetzt, zieht sie die Schraube sogar noch fester an.

Natsuki ist in der fünften Klasse und davon überzeugt, ein „Magical Girl“ zu sein. Mit ihrer Zauberkraft beschützt sie die Erde. Beraten wird sie dabei von einer Plüschmaus namens Pyut, die im Supermarkt erworben wurde, aber vom Planeten Pohapipinpopopia stammt (gerne wüsste man, wie dieser Planet auf Japanisch klingt). Zu diesem Duo gesellt sich bald schon Natsukis gleichaltriger Cousin Yu, der ebenfalls nach eigenem Befinden ein Außerirdischer ist und darauf wartet, dass ihn ein Raumschiff heimholt. Natsuki und Yu heiraten heimlich bei einem Verwandtschaftstreffen in den Bergen. Der dritte Punkt ihres mit einem rosa Stift aufgeschriebenen Eheversprechens lautet: „Wir müssen überleben, egal, was passiert.“

Die Familie ist keine Hilfe

Das klingt ein bisschen nach Takatukaland. Doch mit den kindlichen Harmlosigkeiten ist es jetzt auch schon vorbei. Die Zauberkraft hilft Natsuki nicht, als sie von ihrem Lehrer Igasaki missbraucht wird. Die Familie ist der Heldin auch in diesem Roman keine Hilfe. Das Wort wird ihr abgeschnitten, als sie die Horrorerfahrung andeutet. Überhaupt wird sie als „Fehlschlag“ angesehen: „Einen Mülleimer im Haus zu haben ist praktisch, und offenbar war ich dieser Mülleimer. Hatten meine Eltern oder meine Schwester besonders schlechte Laune, bekam ich sie ab.“

Natsuki ist auf sich gestellt. Das hat Folgen, als der Lehrer sie erneut zum „Privatunterricht“ in sein Haus ruft. Da macht sie sich wie in Trance schon vor der Zeit auf den Weg, tritt mitten in der Nacht an das Bett des Schlafenden – und hat eine Sichel zur Hand. Natsuki ist als Mädchen wie als Erwachsene auf einer eskalierenden Odyssee zwischen Verlorenheit und Weltflucht, Ohnmacht und Widerstand, Naivität und Irrsinn.

Muratas Heldinnen sind eigenwillige Wesen. Sie sind es im Wortsinne. Sie sollen in Japans normierter Gesellschaft funktionieren, aber können nur selbstbestimmt existieren. Weder Keyko in „Die Ladenhüterin“ noch Natsuki in „Das Seidenraupenzimmer“ sind bereit, den Erwartungen an Familie und Fortpflanzung zu entsprechen. Sie wollen sich nicht anpassen, aber auch ihre Ruhe haben. Deshalb heiraten beide irgendwann Männer, die ebenfalls nur dem Protokoll genügen, aber nicht als Paar leben wollen. Das ist gewiss keine pure Fiktion: Es gibt ja auch das Co-Parenting, bei dem sich Mann und Frau zusammentun, um ein Kind zu bekommen – aber nicht, um ihre Beziehung zu pflegen. Es muss nicht immer Liebe sein.

Murata erzählt ihre Geschichte ohne moralischen Zeigefinger. Sie lässt ihre Heldin in eine Parallelwelt einziehen und dort ohne Skrupel oder gar Reue ihren Weg in den Abgrund gehen. So entfernt sich Natsuki gemeinsam mit ihrem Mann Tomoobi und ihrem Cousin Yu immer mehr von den „Erdlingen“, den „Menschennestern“ und dieser ganzen „Fabrik“, die sich Gesellschaft nennt. Die drei „Außerirdischen“ bilden tatsächlich ein Trio infernale, das viele Tabus bricht.

„Das Seidenraupenzimmer“ ist ein Erlebnis, wir sagten es schon. Ein sich stetig stärker radikalisierender Roman – konsequent bis zum Kannibalismus.

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