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Als dem Saurer die Hinterachse brach

Der Erzählvirtuose David Albahari unterzieht in seinen Romanen das Heimatgefühl einer ungewöhnlichen Prüfung

Von Carsten Hueck

David Albahari ist kein serbischer Autor, obwohl er bis 1994 in Belgrad lebte. Er ist kein jüdischer Autor, obwohl er der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinden Jugoslawiens war. Er ist auch kein nordamerikanischer Autor. Zwar ist sein Schreiben beeinflusst von modernen amerikanischen Autoren, zwar lebt er seit bald zehn Jahren im kanadischen Calgary, aber immer noch schreibt der studierte Anglist auf Serbisch. Fest steht nur: David Albahari ist ein Erzählvirtuose. Erinnerung, Heimat, Geschichte und Identität sind seine Themen. Leitmotivisch durchzieht die Gegenwärtigkeit des Vergangenen seine Texte. Anrührend, ironisch, traditionsbewusst und experimentierfreudig untersucht er in ihnen Erzählstrategien und das Funktionieren der menschlichen Psyche. Zumeist geht er dabei von der eigenen Familie aus. "Ich glaube fest daran, dass das Bemühen, Familienbeziehungen zu verstehen, das Verständnis für Menschen allgemein ermöglicht: die Verhältnisse in einer Stadt erklärt, einem Land, einem Staat, der gesamten Menschheit."

An die zwanzig Bücher gibt es von David Albahari, überwiegend Kurzgeschichten. Daneben Übersetzungen von Naipaul, Nabokov, Pynchon und Updike. Vier Titel Albaharis sind ins Deutsche übersetzt. Veröffentlicht in unregelmäßigen, jahrelangen Abständen, in drei verschiedenen Verlagen. Unter anderem deswegen war es schwer, den 55-Jährigen als den bedeutenden postmodernen Autor zu entdecken, der er ist. Zuerst erschien 1993 im kleinen Klagenfurter Wieser-Verlag ein Band mit Erzählungen. Vier Jahre später im Zsolnay Verlag Tagelanger Schneefall. Die Erfahrung der Fremde, der Verlust von Sprache standen im Mittelpunkt dieser Geschichte. Sie wirkt wie eine pessimistische Vorarbeit zu jenem Roman, mit dem Albahari im vergangenen Jahr schließlich auf die SWR-Bestenliste gelangte: Mutterland.

Dieses Buch ist ein existenzielles Experiment, sein Ergebnis ein Paradox: Mit zutiefst persönlicher Stimme erzählt Albahari von Identitätsverlust und Sprachlosigkeit. Beklemmend schön, verzweifelt humorvoll literarisiert der Autor autobiographische Erfahrungen, erkundet die eigene Existenz im Fiktionalen. Wie auch in seinem neuen Roman Götz und Meyer. Er schreibe eben von Dingen, von denen er etwas verstünde, sagt David Albahari. "Meistens basieren meine Geschichten auf sehr persönlichen Gefühlen und Erfahrungen. Warum soll ich andere Charaktere erfinden, wenn es doch mich gibt?"

In Mutterland verknüpft der Autor zwei Biographien miteinander: Ein Ich-Erzähler will im Exil, in fremder Sprache, über seine verstorbene Mutter schreiben. Er hört dazu alte Tonbänder ab, auf denen sich stundenlange Interviews mit ihr befinden. Vor Jahren aufgenommen, weckt der Klang der lang entbehrten Muttersprache widersprüchliche Emotionen. Erinnerungen an die eigene Geschichte, an die Jugoslawiens. Das Zuhören wird zum Gespräch, das Tonband zum Gegenüber. Der Schmerz des Sohnes formt sich zum Kaddisch für die Mutter. Im Bemühen, über sie zu schreiben, bezeugt er ihr nachträglich die Achtung, die er zu ihren Lebzeiten nicht aufbringen konnte. Ihm fehlte damals "historische" Erfahrung.

Seine eigene Katastrophe relativiert sich nun am Leben der Mutter - ein bedeutsamer Bezugspunkt, mit dessen Hilfe der Erzähler versucht, sich im Niemandsland seines Exils zu verorten. "Das Leben sei keine Veränderung, meinte sie, das Leben sei eine Wiederholung. Sie hat freilich nicht verächtlich gesprochen. Für sie war die Geschichte eine Tatsache, ein Hammer, der mit unerbittlicher Präzision, wann immer er wollte, auf sie, auf Mutter, niedersauste, so dass jede Verachtung trotz des Schmerzes und trotz der Schlagkraft des Hammers nur eine Bestätigung ihrer Niederlage gewesen wäre, die sie sich einfach nicht eingestehen wollte."

Leben und Sterben der Mutter war eng verbunden mit der Geschichte einer spezifischen Gegend. Einen "Pionier Franz Josefs" nannte sie sich. Noch in der k.u.k.-Monarchie geboren, erlebte sie die Herrschaft der Deutschen, der Ustaschas, Titos und Milosevics. Der Sohn im nordamerikanischen Exil namenlos und sprachohnmächtig, ist aus seiner Geschichte längst herauskatapultiert, kaum existent. "Seitdem ich hier bin, laufe ich umher wie eine leere Muschel, wie eine Schnecke, aus der das Rauschen eines nicht existierenden Meeres klingt, ich trage meine Kleider wie eine sehr schwere Last, biege mich in Windböen, staune darüber, die Kraft zu besitzen, die Tasse Kaffee in der Hand zu behalten." Obwohl weniger erlitten, hat er mehr verloren als die Mutter. Ihn umgibt Leere. Weder Sprache noch Erinnerungen bilden einen Resonanzraum. Einem Bekannten will er sich mit einer Landkarte Jugoslawiens verständlich machen. Der zerreißt sie.

Wer von seinem Mutterland spricht, macht Albahari deutlich, meint mehr als die Zugehörigkeit zu einer Nation. Er beschwört eine vergangene Utopie: die selbstverständliche Existenz, das Leben in Geborgenheit. In Götz und Meyer ist das nicht einmal mehr denkbar. Dort hat der Holocaust jeden utopischen Gedanken zertrümmert. Der Erzähler, wiederum namenlos, ist Lehrer in Belgrad. Er erforscht den Stammbaum seiner Familie. Recherchiert in Archiven, Bibliotheken und Museen. Stößt auf jede Menge historischer Fakten - und verliert sich in schrecklicher Gewissheit: Fast alle seine männlichen Vorfahren kamen 1941 bei Erschießungen durch die deutsche Wehrmacht um, die weiblichen im Gaswagen der Marke Saurer.

Um das Ungeheuerliche zu begreifen, imaginiert der Lehrer die Fahrer dieses Wagens, nennt sie Götz und Meyer. Er plaudert mit ihnen, porträtiert ihr Verhalten. Schläft nachts mit ihnen in der Mannschaftsunterkunft, teilt ihre Träume. Sitzt schließlich mit ihnen im Führerhaus des LKWs und beobachtet, wie sie die Abgase in den Kasten auf der Ladefläche leiten. Er stellt Unterschiede und Gemeinsamkeiten fest. "Auch Götz, oder Meyer, fasste sich mal ans Herz, aber das war damals, als dem Saurer die Hinterachse brach. Mir zerbrach das Leben, das war der Unterschied. Die Achse konnte man wieder zusammenschweißen, aber das Leben, einmal gebrochen, bleibt ein ewiges Straucheln." Die Identifikation des Lehrers mit den Tätern, wie auch später mit einem der Opfer, die Aufspaltung seiner Persönlichkeit, ist der verzweifelte Versuch, die Leere auszuhalten, Verlust und Einsamkeit zu ertragen. Das misslingt und führt den Erzähler in eine Wahnwelt, in "drei parallele Leben".

Subtil beschreibt David Albahari die Erosion von Identität. Die Ohnmacht des Menschen, sich mitzuteilen, seine Zweifel und den Willen zur Selbstbehauptung. Individuelles Schicksal spiegelt sich in historischen Vorgängen oder wird von diesen konterkariert. Immer wieder fügt der Autor reflexive Passagen ein und kommentiert das Erzählte. Handlungs- und Zeitebenen vermengt er, Gespräche münden ins Schreiben und gehen daraus hervor.

Indem Albahari dieses talmudische Schreibprinzip - Schleifen, Wiederholungen und Ergänzungen des Gesagten - nutzt, entwickelt er behutsam eine Poetik der Unsicherheit. "Ich glaube nicht an geradlinige Geschichten", bekennt er. "Das Leben funktioniert nicht so. Es verläuft in verschiedene Richtungen und das nehme ich in meinen Geschichten auf." Mit dem Festhalten am Wort gelingt es seinen Protagonisten, einen letzten Zipfel Heimat, einen Halt im existenziellen Exil, zu behaupten. "Die Sprache hat eine Struktur, die es in der Welt nicht gibt."

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