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Ein Satyrspiel unserer Epoche

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Da schau her: der prachtvolle Restkörper Bodo Kirchhoff.
Da schau her: der prachtvolle Restkörper Bodo Kirchhoff. © dpa

Scham- und skrupellos: Bodo Kirchhoff gibt's den Porsches dieser Welt.

Von WEND KÄSSENS

Das Verletzungsrisiko für erigierte Penisse in staubsaugenden Röhren ist mehrfach beschrieben worden. Nun weist Bodo Kirchhoff, dessen Romane, Erzählungen und Theaterstücke seit rund 30 Jahren um die verschiedensten Löcher kreisen, auf eine ganz andere Gefahr hin. Was alles in eine männliche Harnröhre passt, darüber kann ein Mann Auskunft geben, der schon mal eine Phimose hatte. Die Ärzte weiten die Harnröhre im vorher beschnittenen Glied mit zunehmend dicker werdenden Stäben. Man nennt das "bougieren". Was aber passiert, wenn die ärztliche Kontrolle fehlt, das männliche Glied aufragt wie das Logo einer bekannten Bank, die Geliebte es mit einem Luxus-Korkenzieher zu bougieren versucht und der Restkörper des Mannes ans Heizungsrohr gefesselt ist?

Das ist jetzt nachzulesen in einem neuen Schundroman, der jeder Ernsthaftigkeit spottet. Nach dem Hämorrhoidenbestseller "Feuchtgebiete" von Charlotte Roche nun ein männlicher und spielerischer Gegenentwurf? Ja und nein. Ja, weil in Kirchhoffs Buch die Po-Autorin unter dem Namen ihrer Heldin Helen eine nicht unerhebliche Rolle spielt und der Porsche ja schon im Titel steht. Nein, weil das Spektrum von Kirchhoffs Roman alle entzündeten Arschrosetten, Pipitropfen und ausgedrückten Mitesserwürmchen weit hinter sich lässt.

Kirchhoff galt schon vor 30 Jahren als "Biograph des Ekels". Erzählungen wie in dem Band "Die Einsamkeit der Haut" oder die Novelle "Ohne Eifer, ohne Zorn" waren Studien der Kälte in spießigen Zeiten, aber das weiß heute kaum einer mehr. Inzwischen ist dieser immer noch unbequeme Schriftsteller zum Bestsellerautor avanciert, der das Unterhaltsame mit dem Dunklen und Abgründigen zu verbinden weiß.

"Erinnerungen an meinen Porsche": Wer sich hier erinnert, ist der mit dem kaputten Schwellkörper, Daniel Deserno, 1970 in Frankfurt am Main geboren, Investmentbanker, spezialisiert auf Hedgefonds und das Ölgeschäft. Heiligabend 2007 hatte seine Freundin Selma zur Linde, Head of Department bei der Kulturstiftung seiner Bank, aus Wut über sein Desinteresse an ihrer auf einem Ultraschallfoto dokumentierten Leibesfrucht mit dem Korkenzieher seinen Porsche ruiniert. Nicht den, den er in der Garage parkt, sondern den, der von 0 auf 100 in 4 Sekunden in der Hose steht. Der Banker als Narziss ist in jeder Lage von der schnellen Sorte, sein Jargon unter Insidern nicht zimperlich. Er weiß, wovon er redet, wenn er die Institution seines millionenträchtigen Jobs als "Schweinedepartment" beschreibt ("Verrückt war das System, das uns belohnt hat: ein Saustall, in dem alle Säue zusammenhielten").

Aber mit dem Job hat es seit der Korkenzieher-Attacke ein Ende. Gegen die Ex hat er Juristen in Stellung gebracht. Daniel sitzt seit einem Dreivierteljahr für 1 800 Euro pro Tag in der Behindertensuite des Waldhauses im Rollstuhl, der zerstörte "Vorständer" hat ihn auch psychisch angeknackst.

Es bleibt ihm der Alltag in der Privatklinik, Flirts mit den dienstbaren Geistern; all die anderen Prominenten aus Wirtschaft, Politik, Kultur und Unterhaltung, die hier auf Heilung ihrer körperlichen und seelischen Gebrechen hoffen; Gespräche, über das Geld und wo es hin ist, über Derivate, Zertifikate, über das Essen und Trinken; es bleibt die Erinnerung an die Jugend in der feministischen Frauen-WG seiner Mutter Ursel und den irgendwo im Hintergrund verschwindenden Vater; Erinnerungen an die jüngsten Lektüren, an Filme.

Erinnerungen an Freundinnen, Ficks von vorn und von hinten; an immer größere Gewinne und Verluste; und es bleiben die nächtlichen Telefonate mit Ursel, die im Herbst des Bankendesasters und der hessischen SPD die Sicht ihrer Alters-WG zur Lage der Nation loswerden muss: "Am Anfang vom Ende steht immer der Größenwahn!" und "Dein Kapitalismus ist am Ende". Im Waldhaus werden die Glühbirnen durch Energiesparlampen ersetzt. Aber noch ist nicht aller Tage Abend!

Als Helene, Autorin des "Hämorrhoidenrenners", Patientin im Waldhaus wird, als Selma überraschend ihren Besuch anmeldet als Begleiterin des Schriftstellers Truchseß, der in Begleitung des Kritikers Dr. Humbert seinen Goethe-Roman im Waldhaus vorstellen wird, als auch noch Mutter Ursel auftaucht, scharf auf Dr. Humbert, da ist ein großes Finale in den Feuchtgebieten angesagt, in dem auch der Porsche des Erzählers überraschend wieder in Gang kommt. Im Flugzeug auf dem Weg in die indische Hightech-Metropole Bangalore sehen wir ihn verschwinden...

Kirchhoffs neuer Roman ist ein Satyrspiel über unsere Epoche, eine Persiflage der Ereignisse. Er macht vor keiner Kolportage, vor keiner veröffentlichten Meinung Halt. Die Ereignisse der letzten zwei Jahre, die finanziellen und politischen Katastrophen, die Medien, die Szenen, die Stammtische, die Bücher, die Kultur, die Verlogenheiten, das Geschwätz und die Vielstimmigkeit dieser Tage, wir selbst, die wir uns mehr oder weniger in den grotesken Grand-Guignol-Figuren des Romans erkennen, werden dem Gelächter preisgegeben. Manche Witze explodieren bereits im Hals. Das Buch ist so scham-, skrupel- und morallos wie unsere Zeit. An unserer Sprache können wir es erkennen. Sie kaschiert die Widersprüche - und lässt alles beim Alten. Kirchhoffs leichthändig hingeworfener Sprachfuror aus Anspielungen, Verweisen, Doppel- und Vieldeutigkeiten unter allen Gürtellinien sprengt jede Beschreibung. Man muss das selber lesen. Unsere Welt als Sprache und Darstellung - hier ist sie Ereignis.

Bodo Kirchhoff: Erinnerungen an meinen Porsche. Hoffmann und Campe, Hamburg 2009, 240 S., 18,50 Euro.

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