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Saskia Luka.

Romandebüt

Saskia Luka: „Tag für Tag“ – Wie aus Marija Maria wurde

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Drei Frauen und ihre Herkunft: Saskia Lukas überzeugender Debütroman „Tag für Tag“.

Saskia Lukas Roman „Tag für Tag“ erzählt die Geschichte von drei Generationen unter einem Dach: Lucia aus Kroatien, ihre Tochter Maria, die gerade ihren Mann verloren hat, und deren Tochter Anna – drei starke Persönlichkeiten in ihren jeweils ganz eigenen Lebensphasen.

Maria, die eigentlich Marija heißt, aber ihre kroatische Herkunft aus ihrem Leben gestrichen hat, ist Künstlerin und lebt mit ihrer 17-jährigen Tochter Anna in einem Dorf bei München. Hier hat sie sich mit Georg ein neues Zuhause geschaffen, Georg aber stirbt plötzlich, aus seinem und ihrem Leben gerissen. Maria scheint nur noch mit ominösen Tabletten durch den Alltag zu kommen, von denen immer wieder die Rede ist. Sind es Beruhigungstabletten? Schlaftabletten? Oder doch am ehesten Antidepressiva?

Trotz ihrer labilen Verfassung macht Maria sich auf, ihre Mutter aus einem kroatischen Bergdorf zu sich zu holen. Sie hatten es so besprochen, Georg und Maria, sie fühlt sich daran gebunden. Für ihn war es klar, dass man sich um die Mutter kümmert: „Weil Familie Familie ist. Ganz einfach, hatte er gesagt. So einfach war das. Und so schwer.“ Ein zentrales Thema des Romans: Die tiefen Bindungen einer Familie trotz aller Unstimmigkeiten und Probleme.

Das Buch
Saskia Luka: Tag für Tag. Roman. Kein & Aber, Zürich 2019. 303 Seiten, 20 Euro.

Lucia lebt alleine in dem verlassenen Dorf, sie ist alt und müde geworden und alle wissen: Es wird ein Umzug für immer sein. Sie wird sich nicht einfinden in das neue Leben, „Baba in München“, das sei wie ein Astronaut im Zirkus, befindet Anna. Saskia Luka gelingt es, die Großmutter wunderbar plastisch zu beschreiben. Man sieht die alte Frau vor sich, mit ihrem Kopftuch, mehrere Röcke übereinander gezogen, wie sie sich weigert, das Wasser aus dem Hahn zu gebrauchen, wie sie verstummt in ihrer neuen Umgebung.

Auch Anna lebt eine Zeit lang wie in einem Kokon. Sie liegt mit Kopfhörern vermeintlich geschützt vor der Wirklichkeit in der Hängematte und verweigert sich. Die Trauer über den Tod des Vaters, die Reibungen mit der Mutter und die unbeantworteten Fragen nach ihrer Herkunft treiben sie um. „Man kann nicht einen Buchstaben aus seinem Vornamen streichen, dazu ein deutscher Mann und ein neuer Nachname und das war’s dann“, wirft sie der Mutter vor. Heimweh nach Verlorenem und Verborgenem umgibt die Protagonistinnen immer wieder. Maria erklärt dazu: „Heimweh ist einfach nur Liebe.“

Anna bricht die Schule ab, und macht sich auf die Suche nach ihren kroatischen Wurzeln. Während Lucia am Ende ihres Lebens angekommen ist und sich den Tod herbeiwünscht, steht Anna am Beginn ihres eigenständigen Lebens. Sie geht hinaus, besucht die Orte ihrer Familie, zieht ins pulsierende Berlin und lebt.

Maria, die Mutter und Tochter ist, versucht immer wieder, sich auf beide einzulassen und stößt doch an ihre Grenzen. Sie ist einsam, denkt an Georg. Sie schreibt ihm Briefe an die Adresse ihres Hauses in Kroatien. Die Konfrontation mit ihrer Mutter lässt Erinnerungen erwachen, weckt Sehnsüchte und Trauer. Ausgelöst durch den Impuls ihrer Tochter fährt sie nach Kroatien, auch sie begibt sich auf alte und neue Wege und findet heraus aus ihrer Traurigkeit.

Der Anfang des Buches mag in der Beschreibungslust etwas blumig wirken, wenn es beispielsweise um die Wege der Kindheit geht. „Sanft geschwungen, ohne Abzweigungen und jeder Stein unter ihren nackten Kinderfüßen mit seinem eigenen Klang, wenn sie barfuß zum Stall gelaufen war, zum Backhaus, zu den Nachbarn. Au, au, au.“ Insgesamt aber beherrscht die Autorin die Kunst, Bilder lebhaft vor Augen zu führen: Personen ebenso wie die Landschaften. „Tag für Tag“ ist ein gelungenes Debüt der 1980 in Köln geborenen Saskia Luka, die für ihr Werk den Buchpreis 2019 der Stiftung Ravensburger Verlag bekommen hat.

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