Frankfurt

Saskia de Coster in der Romanfabrik: Und was ist eine echte Mutter?

  • vonStefan Michalzik
    schließen

Saskia de Coster stellt in der Romanfabrik ihr Buch „Eine echte Mutter“ vor.

Die Biologie spielt eine Rolle. Im Moment der Geburt schon fängt das an. Es ist die eigene Erfahrung als der nichtleibliche Teil eines Mutterpaares, die Saskia de Coster zum zentralen Motiv ihres Romans „Eine echte Mutter“ – die Übersetzung des Originaltitels lautet „Nachteltern“ – gemacht hat. Funktionslos habe sie sich während des Geburtsvorgangs gefühlt, heißt es seitens der Ich-Erzählerin im Roman – auf Deutsch ist das Buch der in ihrer Heimat äußerst erfolgreichen belgisch-flämischen Schriftstellerin bei Tropen (Klett-Cotta) erschienen.

Das Wort von der „Autofiktion“ fällt bei der Lesung in der Frankfurter Romanfabrik im Gespräch mit deren Leiter Michael Hohmann, der zudem (nach einer kurzen Sprachklangprobe am Original) in einer akzentuierten Art die ausgewählten Textpassagen vorträgt. Die Ich-Erzählerin heißt der Autorin gleich Saskia, die anderen Figuren sind mit erfundenen Namen benannt.

Eine „Regenbogenfamilie“

Die beiden Mütter brechen mit ihrem einjährigen Kind auf zu einem Besuch bei dem Samenspender, dem Künstler Karl, einem schwulen Freund Saskias, der in einer auf einer kanadischen Insel ansässigen Hippiekommune lebt. Von schier unglaublich paradiesischen Verhältnissen spricht de Coster, eine ungute Kehrseite in dieser Gemeinschaft gebe es allerdings auch. Schnell zeichnet sich für die Besucherinnen ab, dass Karls Mutter in der Hippiesippe eine Art von matriarchalem Regiment führt. Unerwartet bleiben Saskia und ihre Familie dort für längere Zeit hängen – zutreffend spricht Hohmann von einer klassischen Dramaturgie der Insel, von der es kein Entkommen gibt. Unter diesen Verhältnissen kumulieren die Dinge in Saskias „Regenbogenfamilie“.

An einer anderen Stelle schildert de Coster, Jahrgang 1976 und tätig auch als Bildende Künstlerin, Dramatikerin und Popsongautorin, einen Besuch mit Karl bei den konservativen Eltern der Partnerin Juli. Sie haben ihr Kreuzchen bei einer rassistischen Partei gemacht und bekennen, dass sie die Künstler sä mtlich für Schmarotzer halten. Stilistisch erinnert manches an die Unmittelbarkeit eines Tagebuchs, zugleich wächst der Text literarisch darüber hinaus. Bemerkenswert, wie hier eine Verbindung zwischen Binnenschau und gesellschaftlichem Blick hergestellt wird.

Gerade mal vier Zuschauer – ungefähr dreißig wären derzeit zugelassen – hatten sich im Übrigen vor Ort eingefunden; der Livestream im „Corona-Kanal“ der Romanfabrik ist auch weiterhin abrufbar. Die Zahl der Aufrufe zur Lesung von Thomas Kapielski vor gut einer Wochen ist inzwischen dreistellig.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare