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Sasha Marianna Salzmann bei einer Longlist-Lesung zum Deutschen Buchpreis in Hamburg.
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Sasha Marianna Salzmann bei einer Longlist-Lesung zum Deutschen Buchpreis in Hamburg.

„Im Menschen muss alles herrlich sein“

Sasha Marianna Salzmann „Im Menschen muss alles herrlich sein“: Der Fleischwolf

  • Judith von Sternburg
    VonJudith von Sternburg
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Sasha Marianna Salzmanns Roman „Im Menschen muss alles herrlich sein“ erzählt vom Leben in und nach der Sowjetunion

Im Menschen muss alles herrlich sein“ ist ein Zitat aus „Onkel Wanja“ – statt „herrlich“ heißt es in deutschen Übersetzungen meistens etwas weniger euphorisch „schön“ –, und es tritt in dem gleichnamigen Roman von Sasha Marianna Salzmann mindestens ambivalent auf. Ausgesprochen wird es in einer Szene, in der ein bornierter sowjetischer Arzt einen Studenten rügt, was den Studenten wenig beeindruckt. „Ich kann diesen Mist von Tschechow nicht mehr hören. Bei jeder verdammten Gelegenheit zitieren diese Zurückgebliebenen aus Onkel Wanja.“ Kommentiert wird es Jahrzehnte später indirekt von der jungen Nina, die bereits in Deutschland geboren wurde: „Wenn ich mir die Erinnerungstexte der ehemaligen Sowjetmenschen anschaue, habe ich das Gefühl, sie haben nie miteinander gesprochen und wissen gar nicht, dass ihre Realitäten so grundlegend verschieden waren. Dass sie zum Teil völlig unterschiedliche Leben gelebt haben in einem Land, von dem es hieß, es gäbe nur den einen Weg, nur eine Möglichkeit. Und sie werden es auch nie erfahren, weil sie miteinander nur in Zitaten von Schriftstellern reden, die vor Hunderten von Jahren gestorben sind.“

„Im Menschen muss alles herrlich sein“ erzählt davon, dass Menschen oft nicht miteinander sprechen können, obwohl sie, jedes Kapitel des Romans macht das deutlich, so viel erleben, empfinden und erwägen. Und davon, dass im Menschen durchaus nicht alles herrlich ist. Das verhindern schon die Umstände.

Die Umstände stellen sich in der Situation selbst anders dar als im Rückblick. Zwingender oder harmloser, schlimmer oder weniger schlimm. Im Nachhinein ist das schwer nachzuvollziehen, das ist wohl eine Ursache für die Sprachlosigkeit, die besonders zwischen den Generationen herrscht. Nur beim Lesen ergibt sich sinnfälligerweise die Möglichkeit, allen in Ruhe zuzuhören. Dass Salzmann, mit Theaterstücken bekannt geworden, bevor der erste Roman erschien („Außer sich“), überzeugende Dialoge schreibt, heißt nicht, dass die Figuren wirklich miteinander reden würden. Aber sie haben etwas zu sagen.

Die erste Hälfte dieses sorgfältig gebauten Buches erzählt von Lenas Jugend in den siebziger bis neunziger Jahren in der Sowjetunion auf dem Boden der heutigen Ukraine. Das ist der spannendste Teil, der fremdeste. Nina dazu: „Ich blicke immer noch nicht durch: In der UdSSR herrschte Wohnungsnot, aber manche hatten eigene Häuser, alle waren Kommunisten, aber glaubten an Gott und Geld, sie waren Juden und gleichzeitig Atheisten. Keiner machte seinen Job, aber alle hatten eine so viel bessere Bildung als irgendwer im Westen.“ Das stimmt, das klingt gar nicht logisch, aber in den Lena-Kapiteln ist das nicht bizarr, sondern das Leben.

Lenas Eltern wollen das Beste für ihre Tochter und bringen sie mit Mühen und Geld – Bestechungen, mit Obst und Alkoholika garniert, sind hier das wesentliche Mittel offizieller Vorgänge – in Sommercamps für Kaderkinder unter. Lena selbst, bisher im Sommer bei der Großmutter zum Obstpflücken auf der Krim, will das Lager hassen, aber es ist nicht schlecht dort. Lenas glanzvolle Noten bringen ihr nicht den ersehnten Studienplatz: Neurologie soll es, muss es sein, weil ihre Mutter inzwischen schwer nervenkrank ist. Sie arbeitet in einer Chemiefabrik, mögliche Zusammenhänge tauchen nur schemenhaft auf und erst im Rückblick. Auch der Studienplatz ist ohne Bestechung nicht zu bekommen, Lena ist fassungslos, fasst sich dann aber, macht weiter.

Das Buch:

Sasha Marianna Salzmann: Im Menschen muss alles herrlich sein. Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2021. 384 Seiten, 24 Euro.

Das Studium in Dnepropetrowsk, einem als Heimat Leonid Breschnews märchenhaft versorgten Ort – „fast zu jeder Zeit gab es Butter, Wurst und sogar Schinken und Kosmetika“ –, bringt sie mit unterschiedlichen Leuten zusammen. Die glatte Sowjetfassade zeigt zunehmend Risse. Die Mutter, um Eindeutigkeit bemüht, hat Lena aus dem Ukrainischunterricht genommen – „Kein Mensch braucht diese Sprache. Sie ist ein Relikt. Wir müssen vorwärtskommen“. Identitätsfragen und Vorurteile aber liegen nur eine Schicht unter der ostentativen Gemeinschaft. „Das Gerede über Juden war neu für Lena, sie wusste nicht, was sie davon halten sollte“, also fragt sie bei Swetlana nach, deren Vater Jude ist: „Jeder normale Mensch hat auch jüdische Familienangehörige“, sagt Swetlana, „aber das heißt auch, jeder normale Mensch hat auch nichtjüdische Familienangehörige.“ Als Lena einen Jungen mit nach Hause bringt, übernimmt es der Vater, den Hintergrund der Familie abzufragen, „ob sie Russen oder Ukrainer oder irgendetwas anderes waren“.

Die Wende versetzt die zerfallende Sowjetunion in einen kapitalistischen Rausch. Wer nicht mithalten kann, begegnet Lena nun in der neuen Pappkartonsiedlung unter einer Brücke, wo jedoch schon bald die nächste Baustelle dröhnt. „Fleischwolf“, denkt die 23-Jährige, „war das einzige Wort, das beschrieb, was hier geschah“. Schließlich wird sie ihren Mann Daniel nach Deutschland begleiten, eine beneidete Möglichkeit. „Wenn ich du wäre, würde ich mir jetzt deinen Juden schnappen und mit ihm ins Ausland abhauen. Wozu ist der Jude sonst gut?“

In der zweiten Hälfte des Buches schwenkt die Perspektive zu drei weiteren Frauen: die gleichaltrige Tatjana, die unter prekäreren Umständen nach Deutschland kommt und bei Lena Hilfe findet; Edi, und Nina, die Töchter der beiden Frauen. Die Erfahrungen der Mütter sind ihnen fern, zugleich wird vor allem die junge Journalistin Edi gerne auf die Herkunft ihrer Familie festgelegt (über die sie schlechter informiert ist, als sie ahnen kann). Die Redaktionskonferenz diskutiert den Zuspruch, den rechte Parteien bei Russlanddeutschen finden: „Edi solle auch mal was ,zu der Situation‘ sagen: ,Geht dich doch auch was an.‘ Natürlich ging es Edi was an, aber was genau?“

„Alles im Menschen muss herrlich sein“ erzählt mit herber Grundierung von den Festlegungen, die die Welt übersichtlicher machen sollen. Es stimmt aber einfach nicht. Salzmann flicht symbolisch aufgeladene Bilder dafür ein: Niko Pirosmanis zoologisch unhaltbares Giraffenbild oder die mythologische Frau Ciguapa, deren Füße nach hinten gerichtet sind wie für einen permanenten Gang zurück nach vorne. Nina und Edi setzen sich zur Wehr und bestehen auf ihrer Identität als Einzelne.

Die herbe Grundierung: Salzmann hat etliche private Tragödien in die ohnehin bereits verschlungene Geschichte eingebaut. Hinter den aufgeweckten Frauen lauern auch die Drehbücher für traurige Fernsehfilme. Dazu passt, dass gerade die kunstvolle und mit Erwartungen versehene Klammer – ein Wiedersehen der vier bei Lenas leicht entgleisender Geburtstagsfeier – eher banal wirkt.

Freilich ist das Banale mit das Häufigste, was das Leben zu bieten hat. Im Moment, wenn es geschieht, ist es das Wichtigste auf der Welt, danach versinkt es in der Einsamkeit und der Unschärfe schwacher Gedächtnisleistung und reger Verdrängung. Salzmann führt vor, wie unwiderruflich Vergangenheit entsteht, manchmal dramatischer, manchmal weniger dramatisch.

Sasha Marianna Salzmann, 1995 in Wolgograd geboren und zehnjährig nach Deutschland gekommen, steht mit „Alles im Menschen muss herrlich sein“ auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis. Salzmanns ebenfalls nominiertem Romandebüt „Außer sich“ gelang 2017 der Sprung auf die Shortlist.

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