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„Ich bin ja selbst noch ein Kind der Sowjetunion“, sagt Sasha Filipenko, in Minsk geboren

Russischsprachige Literatur

Sasha Filipenko: „Die Menschen fürchten Veränderung“

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Eine neue Stimme der russischsprachigen Literatur: Sasha Filipenko über Vergessen und Verdrängen.

Sasha Filipenko sitzt in St. Petersburg vor seinem Laptop, hinter ihm steht ein Bücherregal, in dem ein Buch sofort ins Auge fällt: die Diogenes-Ausgabe seines Romans „Rote Kreuze“. Es ist die erste deutsche Übersetzung eines Buches von ihm, insgesamt bereits der vierte Roman des 35-Jährigen. Wir sind zum Gespräch darüber per Skype verabredet. Eigentlich wollten wir uns schon auf der Leipziger Buchmesse treffen.

Sasha Filipenko, in Ihrem Roman begegnet der Ich-Erzähler einer alten Dame, Tatjana Alexejewna, die unter Alzheimer leidet. Mit roten Kreuzen markiert sie ihre Wege im Haus. Deute ich das richtig, dass die Krankheit ein Bild für das Verhältnis der in der Sowjetunion aufgewachsenen Menschen zu ihrer Geschichte ist?

Es kommen hier zwei wunde Punkte zusammen: Alexander spricht nicht über seine persönliche Vergangenheit, weil sie ihn so schmerzt, dass er sie vergessen möchte. Tatjana Alexejewna hat Alzheimer und findet sich im Alltag schwer zurecht. Aber sie erinnert sich an das, was lange zurückliegt. Anders als sie haben wir jedoch, die wir nicht krank sind, ziemlich schnell die sowjetische Geschichte vergessen. Und so bewegen wir uns in der Gesellschaft wie in einem Buch, in dem einige Seiten verschlossen sind.

Wie meinen Sie das?

Stellen Sie sich einen Roman vor, den Sie nicht zusammenhängend lesen können, weil immer wieder Seiten zusammengeklebt sind und sich nicht öffnen lassen. Dann fehlt Ihnen etwas Wichtiges zum Verständnis der Handlung. Und wenn wir vergessen, was im Stalinismus geschehen ist, welches Leid in vielen Familien bis heute fortwirkt, ist das auch nicht gesund.

Nichtsdestotrotz hat es in den vergangenen Jahren viele Veröffentlichungen dazu gegeben. Wie sich die sowjetische Regierung während des Zweiten Weltkrieges gegenüber den eigenen Kriegsgefangenen verhielt, war aber kaum bekannt. Wie sind Sie auf den Stoff gestoßen?

Nach der Vorstellung meines vorherigen Buches kam ein Leser auf mich zu und fragte, ob mich Dokumente über Kriegsgefangene interessieren würden, die er in einem Archiv entdeckt hatte. Ich sagte zu – und von da an hat sich mein Leben verändert. Ich las jeden Tag etwas Neues, das mich erschreckte. Die sowjetischen Kriegsgefangenen in Deutschland sind in sechs verschiedene Lager gekommen, darunter nach Buchenwald. Nach der Befreiung hat die Rote Armee alle Beweise von dort entfernt, sogar Möbel, um die Schande vergessen zu machen. Das hat mich persönlich getroffen.

Weshalb persönlich?

Mein Großvater war bei den Luftstreitkräften. Ich bin in einer Familie aufgewachsen, zu deren stolzer Geschichte es gehörte, dass wir den Faschismus besiegt haben. Und nun las ich darüber und wusste nicht, was ich damit anfangen sollte.

Sie wussten nicht, wie Sie ein Buch darüber schreiben können?

Ja, die Vorbilder waren mir einfach zu groß, denken Sie an Alexander Solschenizyn und Warlam Schalamow. Doch eines Tages kam Kostja zu mir, dem ich am Anfang des Buches danke ...

Sie erwähnen einen Konstantin Boguslawski.

Er ist ein Archivar. Der wies mich darauf hin, dass das Rote Kreuz Briefe an die Regierung in Moskau geschrieben hatte, die unbeantwortet blieben. Das war der Schlüssel. So erfand ich eine Frau, die in einem dieser Briefe den Namen ihres Mannes entdeckt.

Das ist Tatjana Alexejewna, die im NKID, dem Innenministerium, arbeitet. Und dann war alles ganz einfach?

Im Gegenteil. Man ließ mich nicht an diese Dokumente. Mit meinem Verleger habe ich eine offizielle Anfrage gestellt, die wurde ein Jahr lang nicht beantwortet. Obwohl wir dargestellt hatten, dass ich für ein belletristisches Werk recherchiere, nicht für eine historische Untersuchung. Auch andere Versuche brachten nichts. Bis ich auf die Idee kam, mich an die Schweiz zu wenden, denn das Rote Kreuz schrieb damals aus Genf. Es könnte ja Kopien geben. Und in der Tat hatte es für jeden einzelnen Brief eine Art Biografie: Wer ihn erhalten hat, ob es eine Antwort gab, was daraus folgte.

Hat das Rote Kreuz in Genf Sie ins Archiv gelassen?

Sasha Filipenko: Rote Kreuze. Roman. A. d. Russ. v. Ruth Altenhofer. Diogenes, Zürich 2020. 288 Seiten, 22 Euro.

Ja, kaum hatte ich gefragt, hieß es: Sie können morgen kommen. Und dann war es wirklich einfach für mich, den Roman zu schreiben. Ich hatte einen realen Ausgangspunkt und konnte mir vorstellen, was mit meiner Figur, ihrem Mann und ihrer Tochter passiert ist.

Zur Person

Sasha Filipenko,  1984 in Minsk geboren, hat Cello und Kontrabass studiert, wechselte dann zur Literatur und arbeitete zunächst als Journalist und Gag-Schreiber für eine Satire-Show. 2014 erschien sein erster Roman.

„Rote Kreuze“,  sein vierter Roman und der erste, der jetzt ins Deutsche übersetzt worden ist, verknüpft Vergangenheit und russische Gegenwart. Sasha Filipenko bringt fremde Menschen miteinander ins Gespräch. Durch diesen Trick kommen sie ohne Scheu bald auf die wunden Punkte.

Sind die historischen Fakten im Roman überprüfbar?

Ja, ich zitiere aus realen Dokumenten, es gab auch den Besuch des deutschen Botschafters Schulenburg bei Molotow im Kreml, auch der Einlieferungsschein in die Krankenstation des Gulag, den ich abdrucke, sah so aus. Ich habe ihn von einer anderen Frau übernommen.

Es ist Ihr vierter Roman. Ich kenne die Vorgänger nicht. Heißt es, wenn ein Leser Ihnen solch einen Tipp gibt, dass Ihre anderen Bücher sich auch mit politischen Themen befassen?

Nicht direkt. Mein erstes Buch erschien vor sechs Jahren, es heißt „Der frühere Sohn“. Es geht um einen Mann, der 15 Jahre im Koma lag, seine Eltern kümmern sich nicht mehr um ihn, aber seine Großmutter ist für ihn da. Normalerweise wäre das ja ein Schock, nach 15 Jahren aufzuwachen. Da sich aber in Weißrussland eigentlich nichts geändert hat, ist es für ihn, als hätte er nur eine Nacht geschlafen. Das ist in einem gewissen Sinne auch ein politisches Thema. Ich schreibe über unsere Gegenwart und stelle mir vor, das ist alles für meine Tochter.

Wie alt ist sie?

Sie ist noch klein, aber wenn sie in dem Alter ist, da sie meine Bücher lesen kann, wird sie erfahren, wie wir gelebt haben in dieser Zeit.

Da Sie wieder auf die Beziehung zwischen den Generationen anspielen: Ich war sehr erschrocken, dass ausgerechnet Walentina Tereschkowa, die erste Frau im Weltall, vor der Duma auftrat und wünschte, dass die russische Verfassung so geändert würde, dass Wladimir Putin noch weitere Amtszeiten als Präsident bekommen kann. Können Sie das erklären?

Diese Verfassungsänderung hätte es auch ohne ihren Auftritt gegeben. Ich finde das Ganze sehr traurig. Gerade weil sie eine so große Bedeutung für frühere Generationen hat. Walentina Tereschkowa ist schon sehr betagt, und ich weiß nicht, ob ihr selbst die Tragweite ihres Auftritts bewusst war. Vielleicht war es ihre eigene Idee, vielleicht hat sie sich überreden lassen dazu. Darüber will ich nicht urteilen. Schade ist jedoch, wenn sie nun als die alte Frau in Erinnerung bleibt, die für die Verlängerung der Macht Putins aufgetreten ist, und nicht als die Kosmonautin, die Weltgeschichte schrieb.

Ihre Romanfigur beobachtet, wie viel sich die Menschen gefallen lassen haben, weil sie Stalin als guten und strengen Vater anerkannten. Verhält es sich mit Putin ähnlich?

Zumindest so, dass die Menschen sich vor Veränderungen fürchten. Sie sind nicht richtig zufrieden mit Putin, doch sie sehen, dass er Russland regieren kann. Was nach ihm kommt, können sie sich nicht vorstellen. Man kann die Angst und Brutalität, die unter Stalin in den dreißiger Jahren herrschten, nicht mit der heutigen Politik vergleichen. Und auch wenn das Versammlungsrecht eingeschränkt ist, gehen heute Leute auf die Straße und protestieren.

Sie sind 1984 in Minsk geboren, warum interessiert Sie die Vergangenheit der Sowjetunion?

Na, ich bin ja selbst noch ein Kind der Sowjetunion, ein Sowjetbürger. Dieses Staatsgebilde fiel erst auseinander, als ich sieben Jahre alt war. Heute pendele ich meistens zwischen Petersburg und Moskau.

Auf der Rückseite Ihres Buches steht ein Zitat von Swetlana Alexijewitsch: „Wenn Sie wissen wollen, was das moderne, junge Russland denkt, lesen Sie Filipenko.“ Kennen Sie die Literaturnobelpreisträgerin persönlich?

Ja, wir haben denselben Verleger, wir sind beide weißrussische Autoren. Außerdem hatte ich eine Dokumentation über sie gemacht, als sie 2015 den Nobelpreis erhielt. Der Film wurde allerdings konfisziert, weil er für den Kanal entstanden war, den Michail Chodorkowski finanziert hatte. Es erschien nur ein kurzes Interview daraus.

Sie sagen, Sie seien ein weißrussischer Schriftsteller, aber Sie schreiben auf Russisch. Warum?

Ich bin in Minsk geboren, wo heute noch 90 Prozent der Bevölkerung Russisch spricht. Es ist meine Muttersprache, obwohl ich das Weißrussische auch in der Schule gelernt habe. Ich bin kein russischer, sondern ein russischsprachiger Autor. Die russische Sprache gehört nicht Russland allein, sie gehört auch Weißrussland, der Ukraine, auch Armenien oder Usbekistan.

Da trifft es sich gut, dass Ihr Buch auf Deutsch nicht in Deutschland, sondern in einem deutschsprachigen Verlag in der Schweiz erschienen ist. 

Interview: Cornelia Geißler

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