Flannery O?Connor.
+
Flannery O?Connor.

Flannery O?Connor

Sargträume in Georgia

  • vonOlaf Velte
    schließen

Da sind sie endlich wieder:Flannery O?Connors Erzählungen unter dem Titel "Keiner Menschenseele kann man noch trauen".

Anständige Leute vom Land sind das Salz der Erde“, sagt eine dieser Figuren, bevor ihr die Augen geöffnet werden. Dann aber ist es zu spät: Das Holzbein der Tochter geklaut, der Glaube erschüttert, die alte Welt dahin. Immer sind es die überheblich-angepassten, beschränkt-fundamentalistischen Typen, die den harten Weg der Erkenntnis nehmen müssen. Nicht immer geht es dabei mit einem Diebstahl, einer Rosstäuscherei ab – zuweilen werden Körper ramponiert, Familien niedergeschossen.

Wir sind im Süden der Vereinigten Staaten von Amerika und lauschen den Erzählungen von Flannery O’Connor. Dass jetzt zehn davon wieder im deutschsprachigen Raum, neu übersetzt, greifbar sind, ist bemerkenswert, ja hoch willkommen. Namhafte Verlage hatten sich hierzulande schon vor Jahrzehnten erfolglos um die Etablierung der seltsamen Südstaatlerin bemüht – greifbar waren diese Ausgaben zuletzt kaum noch, wurden im Antiquariat zu saftigen Preisen gehandelt. Nun hat der Arche Verlag „Keiner Menschenseele kann man noch trauen“ herausgegeben und mit einem Nachwort von Willi Winkler angereichert.

Was mit dem ersten Satz – „Die Großmutter wollte nicht nach Florida“ – beschaulich anhebt, wird umgehend aufgeladen mit einer Atmosphäre, deren Ungemütlichkeit greifbar ist. Nichts entwickelt sich wie erwartet. Selten haben sich Witz und Rohheit ein ähnliches Stelldichein gegeben. Es sind unfassbare, grandiose Geschichten, die von der 1925 in Georgia geborenen Kirchgängerin und Bibelleserin in knapper, ausgehärteter Komposition gestaltet werden. Alttestamentarische Wucht inmitten des heillosen 20. Jahrhunderts. Und der Wille, noch einmal von Offenbarungen zu sprechen, einer überirdischen Macht zu vertrauen. Am Ende dieser Erzählungen sind Verkleidungen gefallen, ist die Kreatur Mensch ihrer Anmaßungen ledig. „Gnade“, so hat es O’Connor formuliert, „verändert uns und Veränderung ist schmerzhaft.“

Im fiebrigen Bible Belt sind wir, umgeben von hügeligem Weide- und Ackerland, ausgesetzt einer Widergängersippschaft aus Landbesitzern, Landlosen und Landflüchtigen. Mittel- und Unterschicht, schwarze und weiße Leute. Eine Gesellschaft, die aller geistigen Orientierung entbehrt. Da ist eine dieser unvergesslichen Gestalten „nicht verantwortlich für das Elend dieser Welt“, eine andere steht in der Landschaft „wie ein paar übereinandergestapelte Säcke Korn“. Und schließlich jene junge Frau, deren hölzernes Bein abhandenkommt: „Sie war blitzgescheit, aber ohne einen Funken Vernunft.“ Eine großartige Menschenschilderin ist am Werk – eine, die „den Beinschädel ihrer Figuren sichtbar macht“, wie die US-Autorin und Aktivistin Alice Walker in einer tiefgründigen O’Connor-Wiedereroberung bemerkt hat.

Die fünfziger Jahre also. Mit Beat und Jazz bringt sich die Gegen-Kultur in Position, alternative Lebensmodelle werden attraktiv, die Bürgerrechtsbewegung ist auf dem Marsch. Mary Flannery O’Connor, irischer Abstammung und katholischen Glaubens, hat ihr Todesurteil erhalten: 1951 wird die unheilbare Autoimmunerkrankung Lupus erythematodes diagnostiziert, vier Jahre später bewegt sie sich schon an Krücken, den zerfallenden Körper registrierend. Bis in den August 1964 wird sie, umsorgt von Mutter Regina, in ihrem „Schreibgefängnis“ Andalusia leben, einem ehemaligen Plantagenanwesen nahe Milledgeville/Georgia. Unterleibsoperation, Nierenversagen und Fall ins Koma markieren das Ende am 3. August 1964, im 39. Lebensjahr.

Beschränkt auf einen sehr überschaubaren Bezirk sieht sie, was gesehen, analysiert und transformiert werden muss. Immer im Dazwischen: Entrückt dem alten, auf Ungerechtigkeit und Rassismus betonierten Süden, fern auch der zeitgenössischen, von allen guten Geistern verlassenen Epoche. Ihr erster Roman von 1952, „Wise Blood“, bringt Hazel Motes auf die Bildfläche, einen Jüngling, der die Kirche ohne Christus verkündet und in Wahn und Aberglaube untergeht. John Huston hat das einst meisterlich verfilmt – nicht zuletzt angetrieben von jenem grimmig-irischen Humor, den die mit einem schweren Südstaatenzungenschlag gesegnete Schriftstellerin in jedes ihrer Werke träufelt.

Schmal ist dieser veröffentlichte Katalog, beispiellos innerhalb des literarischen Universums: Zwei Romane, 32 Kurzgeschichten, wenige Aufsätze, Reden, Briefe. Der Arche Verlag ist schon seinem Namen nach verpflichtet, auch die übrige Prosa und besonders den legendären Essay-Band „Mystery and Manners“ auf Deutsch zugänglich zu machen. Historisch geworden ist davon kein Stück.

Flannery O’Connor hat einmal „das Gespür fürs Vulgäre“ als ihr eigentliches Talent bezeichnet, das Groteske „als die normale menschliche Verfasstheit“ anerkannt. Mentor Robert Fitzgerald spricht von „Sargträumen“, aus denen sich die Erzählungen aufschwingen. Sie erreichen Höhen, denen gewachsen sein muss, wer sich in aufgeklärt-selbstgenügsamer Zeit zu Wahrhaftigkeit und Geheimnis bekennt. Lassen wir es einstweilen – die frühe Elisabeth-Schnack- Übersetzung zitierend – so ausklingen: „Mr. Shiftlet gab schleunigst Gas, streckte den Armstumpf aus dem Fenster und galoppierte mit dem Wolkenbruch um die Wette nach Mobile hinein.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare